Digitalisierung bringt neue Dimensionen ins Reich des Schmökers
Text: Mercedes Bunz aus De:Bug 150

Foto: Rachel de Joode

Wenn Bücher durchs Walzwerk der Digitalisierung eine neue Gestalt erhalten, ändert sich mehr als ein paar vertraute Gewohnheiten des Lesers. Denn Bücher sind nicht nur Schmökerstoff, sie können auch Menschen gruppieren, neue Welten erschaffen und alte in den Untergang schicken. Mercedes Bunz sondiert, wie es unter dem Druck der Digitalisierung ums Buch als Waffe steht.

Im Militärmuseum in Peking kann man eine Waffe entdecken, die speziell für bildungsbürgerlich trainierte Menschen eine überraschende Lektion bereit hält. Bei der Waffe handelt es sich um ein flaches, rechteckiges Objekt, handtellergroß und gelb. Es erinnert an ein Reclamheftchen, ist aber nicht von Reclam. Das Militärmuseum in Peking ist alleine wegen dieses Büchleins einen Abstecher wert, weil es den gewohnten Gedankentrott durchbricht und Grenzüberschreitungen dieser Kategorie sind ja immer erfrischend. Generell wird im Pekinger Museum die chinesische Geschichte über mehrere Stockwerke verteilt ausgebreitet, historische Kunstgegenstände treffen auf Revolver, Modelleisenbahnbauten behaupten sich als bessere Landkarten, eine riesige Garage beherbergt monströs ausladende Panzer und im Hof ragen je nach Betrachtungsweise wehrhaft oder drohend Raketen in den Himmel. Und zwischen all dem schweren Militärgerät dann das kleine Buch, Geheimwaffe quasi, weil weitaus effektiver und damit gefährlicher als alle beeindruckend bestückten Raketen des Museums zusammen. Mao hat es begriffen, dass das “Manifest der Kommunistischen Partei” nicht nur ein Propaganda-Instrument sondern auch eine Waffe war und sich mit den “Worten des Vorsitzenden Mao Tsetung”, besser bekannt als Mao-Bibel, seine eigene Waffe geschrieben. Und wem Mao als Beispiel zu abwegig scheint, sei daran erinnert, dass es gar nicht so lange her ist, dass man in Europa den Katechismus mit sich herum trug, als hinge das eigene Leben davon ab, und vielleicht tat es das ja auch, denn: Das Buch erschafft eine Welt.

Welterschaffungswaffe
Heute ist der Status des Buchs als Welterschaffungswaffe fürs erste in Frage gestellt. Was aber eher nichts mit seiner zunehmenden Digitalisierung an sich zu tun hat – nach rein praktischen Gesichtspunkten sind moderne Lesegeräte wahrscheinlich sogar bessere Waffen als ihre Vorgänger aus Papier – als vielmehr mit dem, was sich durch die Digitalisierung verschiebt; die Logik der Technik entfaltet ja gerne ausgerechnet genau dort ihr ganzes Potential, wo man es am wenigsten vermutet. Heimlich und unentdeckt strukturiert sie die Welt um und wenn man die Veränderungen dann endlich bemerkt, weiß man meist nicht wie einem geschieht. So verändern sich Bücher derzeit weniger durch die neuen digitalen Vertriebskanäle, über die sie zum Leser kommen, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie sie entstehen. Womit es schon bald heißen könnte: Das Buch ist das neue Themenheft, die Zeitung ist das neue Magazin und das Magazin ist der neue Sammelband. Medien verhalten sich nicht mehr in wohlerzogenen Kategorien, sie büxen aus und daran ist teilweise durchaus die Digitalisierung schuld, weil man mit ihr Texte anders anfassen kann, sie anders verschiebt, liest, ineinander fügt, und damit eben auch produziert. Textverarbeitung und das Prinzip des Copy & Paste stellen deshalb mindestens so entscheidende Einschnitte in der Geschichte des Buches dar, wie das E-Book
Foto: Rachel de Joode

… vielleicht sogar die wichtigeren. Für das Buch als Waffe ist das heikel, denn Bücher haben dann Großkaliberpotential, wenn sie die Welt nicht beschreiben, sondern neu erschaffen. Mit der Magazinisierung des Buchs rückt dies zunächst in den Hintergrund, denn Journalisten erklären die Welt, aber sie erschaffen keine Welten, das ist die grundsätzliche Malaise – Erklären ist der Revolution nicht förderlich. Dass Bücher von Journalisten geschrieben werden, kann man also als Zähmung des revolutionären Potentials des Formates verstehen. Aber vielleicht ist das mit den Journalisten auch nicht so schlimm, denn das Jammern über den Niedergang der Schrift hat sie seit ihrem Entstehen begleitet.

Strenger Schulgang der Form
Eine Welt zu erschaffen ist aber auch gar nicht so einfach. Man muss bereit sein, den Leser durch schwierige Passagen zu treiben, um ihn so in die neu imaginierte Welt zu entführen. Der Leser muss dem Autor vertrauen, der Autor darf nicht zu viel Firlefanz veranstalten. Beide Seiten treffen aufeinander und gehen woanders hin – und eben nicht mehr zurück, denn man kann nicht vergessen, was man einmal gesehen hat. Die Kraft des Buches besteht nach wie vor und sie besteht darin, neue und andere Welten zu öffnen. Das liegt in seinem Format: Es reagiert auf Aktuelles schwerfällig. Schreiben braucht Zeit, egal wie schnell es anschließend gedruckt wird. Und dass die Schrift in Bewegung kommt und das Buch verlässt, ist auch nicht neu. Walter Benjamin bemerkte schon 1928, dass Informationen so schnell geworden seien, dass Erkenntnisse mit ihrer Geschwindigkeit nicht mithalten können: “Die Schrift, die im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr autonomes Dasein führte, wird unerbittlich von Reklamen auf die Straße hinausgezerrt und den brutalen Heteronomien des wirtschaftlichen Chaos unterstellt. Das ist der strenge Schulgang ihrer neuen Form. Wenn vor Jahrhunderten sie allmählich sich niederzulegen begann, von der aufrechten Inschrift zur schräg auf Pulten ruhenden Handschrift ward, um endlich sich im Buchdruck zu betten, beginnt sie nun ebenso langsam sich wieder vom Boden zu heben. Bereits die Zeitung wird mehr in der Senkrechten als in der Horizontale gelesen, Film und Reklame drängen die Schrift vollends in die diktatorische Vertikale. Und ehe der Zeitgenosse dazu kommt, ein Buch aufschlagen, ist über seine Augen ein so dichtes Gestöber von wandelbaren, farbigen, streitenden Lettern niedergegangen, dass die Chancen seines Eindringens in die archaische Stille des Buches gering geworden sind. Heuschreckenschwärme von Schrift, die heute schon die Sonne des vermeinten Geistes den Großstädtern verfinstern, werden dichter mit jedem folgenden Jahre werden.”(der Text von 1928 heißt “Vereidigter Bücherrevisor”)
Foto: Rachel de Joode

Smartphone-Galaxien
Die sozialen Medien von heute geben Benjamin Recht, aber er hat ja selten Veränderungen beschrieben, um sie zu bejammern, der Choc war ihm vielmehr eine Chance. Beispielsweise folgende: Wenn man es mit dem Urheberrecht ebenso ungenau wie früher der Merve Verlag nimmt, kann man jetzt Dank Digitalisierung das Machen von Büchern selbst in die Hand nehmen, per Cut&Copy&Paste. Im Handumdrehen kann man sich ein Lesebuch zusammenstellen und die Welt mit seinen Lieblingstexten beschießen. Dank der neuen Beweglichkeit der Schrift schmeißt sich das Buch erneut munter auf das Feld der Bedeutungsproduktion. Prinzipiell bleibt nämlich seine Unangepasstheit bestehen: der räumliche Bruch mit der Umwelt. Hier zu sein, und doch ganz woanders, dieses besondere Moment hat es sich von der Schrift angeeignet, und dieses fantastische Feature ist in der Zwischenzeit disseminiert, also weiter ausgeschwärmt. Das Wegkonzentrieren ist ja nicht nur eine zentrale Funktion des Buches, das geht heute auch mit dem Smartphone oder dem iPod – die Autorin Katrin Passig hat mich über ihr Mobiltelefon gebeugt neulich darauf aufmerksam gemacht, dass genau das ein Moment ist, der als Unverschämtheit empfunden wird: Menschen nutzen Rechner, die heute Mobiltelefone sind, um auszusteigen aus der Realität – früher ging das ja nur durch innere Migration, wie sie jeder aufgeweckte Teenager ausgiebig am Abendbrottisch praktizierte, oder eben durch Bücher. Und wenn genug Menschen sich mit einem Buch bewaffnen, wenn genug Menschen Sätze aus einem Buch nehmen und sie der Welt vorhalten, dann wird ein Buch zu einer neuen Galaxie: Marx, so hat Michel Foucault beispielsweise mal klug bemerkt, Marx ist nicht einfach der Autor des Manifestes oder des Kapitals. Autoren wie er werden erst zu Diskursbegründern, weil ihre Texte unbegrenzte Diskursmöglichkeit eröffnen: “charakteristische Zeichen, Figuren, Beziehungen, Strukturen, die von anderen wiederverwendet werden”, auf eine Weise wiederverwendet werden, die gegen das Bestehende gerichtet wird, mit andern Worten, das Buch wird politisch, es wird zu einer Waffe, und manchmal später, errichten sich ganze Nationen darauf, scheitern und schaffen neue Bücher. Dass sich um das Buch herum eine Community gruppiert, ist ein altes Feature. Das Kommunistische Manifest hat Fans, ganze Horden von ihnen, Parteien, dann Armeen und schließlich komplette Nationen gruppiert, also Menschen, die es als Plattform genutzt haben, um miteinander in Beziehung zu treten. Und in diesem Sinne sind soziale Medien als Ausweitung des Buches zu verstehen, und nicht als ihre Ablösung.

http://www.mercedes-bunz.de/
http://www.racheldejoode.com

Folgende Reader sind auf dem unteren Bild zu sehen (chronologisch):
Hanvon WISEreader N610, Acer LumiRead, Thalia Oyo WLAN
Infos dazu findet ihr hier:

http://www.thalia.de
http://www.hanvon.com
http://www.acer.de

12 Responses