Ein Akademie-Dozent mit Beatnik-Vorlieben und digitalem Improvisationsprojekt, der sein großes Herz hinter tragischen Helden und provokanten Plakativitäten verbirgt, das ist Ekkehard Ehlers. Zwischen Hörspielfolk und Konzeptrauschen bleibt ihm Erbauen immer wichtiger als Bilden.
Text: martin conrads aus De:Bug 60

Ekkehard Ehlers
plays teuer

“Von allen klassischen Komponisten ist Bach derjenige, dessen Musik am ehesten ‘geswingt’ werden kann, um schon einen Ausdruck anzuwenden, der modernen Jazzfreunden teuer ist. Schon längere Zeit vor dem Kriege unternahm Django Reinhardt den Versuch, ähnlich demjenigen, den uns heute Jacques Loussier präsentiert, nämlich eine Folge von Improvisationen und eine ‘geswingte’ Wiedergabe des ersten Satzes aus J.S.Bachs Konzert in d-moll für zwei Violinen und Orchester. Übrigens ein völlig geglücktes Unternehmen.”

An dieser Stelle würde sich eine Vereinnahmung anbieten, in der man obige Zeilen – aus den Linernotes von Jacques Loussiers 1959er Platte “Play Bach No.1” – einfach verdreht, umschreibt, präzisiert, anpasst, eingliedert, “Hubert Fichte” und “gejazzt” einfügt, um am Ende das herauszufiltern, was Ekkehard Ehlers teuer ist. Von Bach jedenfalls wäre dabei bislang keine Rede, eher ganz dezidiert von Schönberg ff. Und das eigentliche Problem würde darin liegen, von Referenzialismus, Genre oder Umsetzung noch gar nicht gesprochen zu haben, während man schon darauf wartet, dass sich die Differenz der Methode an der vermeintlichen Wiederholung des Prinzips abarbeitet.

plays

Ekkehard Ehlers “plays”-Serie liegt also nun komplett als CD auf Staubgold vor, nachdem sie zuvor über fünf 7- und 12-Inches verteilt (Ekkehard Ehlers plays Albert Ayler, …plays John Cassavetes und …plays Hubert Fichte als 12-Inches auf Staubgold, und …plays Robert Johnson sowie …plays Cornelius Cardew als 7-Inches auf Bottrop-Boy) bereits den Liebhaberstatus erreicht hatte, den derartige Hommagen mit sich bringen können, wenn sie glücken.

“Plays” ist ein völlig geglücktes Unternehmen, gemessen an Ehlers Prämissen: “Es geht ums Manipulieren, wieder einen Blick auf diese Ansätze zu werfen. Plays ist eher etwas wie eine Videoarbeit, Regie führen, Bilder im Kopf haben und diese zusammenfügen. ‘Plays‘ steht dafür, ein Spiel zu spielen, so wie man ein Kinderspiel spielt. Mir hat es Spaß gemacht, das möglichst platt zu benennen, da regt sich dann jeder drüber auf.”

plays unternehmen

Wobei das “Unternehmen” darin besteht, zu fünf mehr oder weniger frühzeitig (“Albert Ayler- mein Held”) verstorbenen Männern (“Ich hatte sehr große Probleme damit, dass es ein Jungsding ist”), die für von ihnen unvollendete, hinterlassene Ansätze wie “das bessere Kino, das andere Buch, der ethnografische Roman, die andere Musik” stehen, völlig unterschiedlich klingende “Schnittstellen zu finden”, die mit der Gefahr des Illustrativen umgehen können (“Es geht um emotionale Nachvollziehbarkeiten”).

Thomas Meinecke, der auch die Linernotes zu Ehlers‘ “plays Hubert Fichte” verfasste, schreibt in seinem Roman “Hellblau”: “Was hat er nun im Sinn, wenn er auf seinem linken Plattenteller Maurizio laufen hat und, gleichzeitig hörbar, auf dem rechten Albert Ayler? Das lässt sich in Worten eben gar nicht ausdrücken.” “Das könnte ich sofort so stehen lassen!”, stimmt Ehlers am Telefon zu, wobei zuvor eine Einigung darüber stattfand, dass Ayler für Ayler stehen kann und Maurizio hierbei Stellvertreter eines Referenz-Feldes ist.

plays glück

Plays als Serie, die mit Referenzen arbeitet, ist gleichzeitig eine Studie über die Bedingungen von Referenz: “Die ‘plays‘- Serie beschäftigt sich mit dem Begriff der Referenz innerhalb der digitalen Musik. Viele Musikproduzenten der Gegenwart beziehen sich in ihrer Arbeit auf musikalische Ressourcen im musikalischen Diskurs. Warum und wie geschieht das? Welche Funktion übernehmen diese Verweise?”, schrieb Ehlers in einem eigenen Text über die Arbeit, der er im Interview durchaus einen “pädagogischen Anspruch” zuschreibt.

Das “Glück” des Unterfangens besteht dann darin, dass in der Offenlegung von Referenzen auch eine Öffnung der Referenz passiert, keine hermetische/ hermeneutische Exklusivität: “Ich bin für Vereinnahmung. Abgrenzung ist ein relativ sinnloses Unterfangen, wenn man von der Masse überrannt wird. Ich finde, man sollte ein großes Herz haben und möglichst viel mitnehmen, möglichst viel featuren und konnektionistisch alles miteinander verbinden.”

plays jazz

Das lässt sich auch daran festmachen, dass es zu Beginn die Überlegung gab, Fichte durch Brinkmann oder Cassavetes durch Fassbinder zu ersetzen (oder überhaupt Mayo Thompson in die Riege aufzunehmen, wogegen obige Gründe sprachen). Das Gedankenspiel, was dies für die Musik bedeutet hätte, bleibt jeder/jedem selbst vorbehalten, wodurch sich erst der Reiz dessen erschließt, wie Übersetzbarkeit überhaupt aussehen kann – das, was Ehlers “Interpretation” nennt und was zumeist mit “Improvisation” zusammenhängt, wie im Fall der Ayler-Hommage, bei der Ehlers von “digitalisierter Improvisation” spricht: Hier wurde einer improvisierenden Cellistin unter Anleitung Ehlers‘ die eigene Aufnahme viermal zugespielt, bis daraus ein vorgestelltes, digital bearbeitetes Streichquartett entstand, das ohne externe Samples auskommt, während etwa “plays Hubert Fichte” aus “südamerikanischen Ritusmusiken” zusammengesampelt ist und Joseph Suchys Gitarrenspiel ein Moment der Improvisation hinzufügt, das “eigentlich bei Fichte nicht vorkommt”, aber letztlich dankenswerterweise zu dem von Suchy und Ehlers aus der Taufe gehobenen Begriff des “Blutbad-Jazz” führen konnte (unter Bezugnahme auf die Blutbäder, die in Fichtes “Explosion” und “Petersilie” beschrieben werden). “Noch 15 Jahre nach seinem Tod treffe ich regelmäßig Menschen, die Hubert Fichte verehren, zuletzt die Schriftstellerin Kathrin Röggla, den Musiker Ekkehard Ehlers”, schreibt Meinecke in den entsprechenden Linernotes. Das ist schön für Meinecke, es wird nun aber auch höchste Zeit, dass sich Röggla und Ehlers treffen; aber das findet sich.

plays betrieb

Dass die von Ehlers vorangetriebene Art von Referenzialismus eher an Strategien aus der bildenden Kunst erinnert, hat ganz praktische und ganz theoretische Gründe: Der Frankfurter Ehlers studierte Philosophie inkl. Musiktheorie, hat mittlerweile einen Lehrauftrag für Musik-Theorie an der Stuttgarter Merz-Akademie und hatte bis vor kurzem, gemeinsam mit Stephan Mathieu, einen weiteren Lehrauftrag an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken. Daneben stehen eigene visuelle, z.B. Videoarbeiten sowieTeamarbeiten, so in der Kombination mit Nikolaus Hirsch, Michel Müller und Markus Weisbeck, mit welchen Ehlers u.a. die Architektur für die Schirn-Ausstellung “Frequenzen [Hz]” mitentwarf sowie persönlich eine auf deren Grundriss basierende Komposition anfertigte (demnächst auf Staubgold).

Zudem betreibt Ehlers gemeinsam mit Weisbeck das Label “Whatness”, auf dem Musiker mit bildenden oder performenden Künstlern zusammentreffen wie demnächst Frank Bretschneider mit Olafur Eliasson und zuletzt “Marc Ushmi” mit “Reverend Galloway” (on Ernst Busch) in der erstaunlichen Veröffentlichung “Mein Kopf verlor ein Dach”. Zu erwähnen bleiben auch ältere Ehlers-Projekte wie “Autopoieses” (gemeinsam mit Sebastian Meissner), “Auch” (später geremixt), die Solo-Platte “Betrieb” (mit Samples von Schönberg und Ives) oder “Heroin” mit Stephan Mathieu.

plays pop

Wenn gerade eine weitere Veröffentlichung unter Beteiligung von Ehlers erschienen ist – die lebenslustige CD “Love Streams” (der Titel eines 84er Cassavetes-Films) auf Karaoke Kalk, die Ehlers gemeinsam mit Albrecht Kunze unter dem Namen “März” aufnahm (“März ist eine Band”) – dreht sich hier das angesprochene Feld von Bezugnahmen noch um einige völlig unerwartet-federnde Spuren weiter: einerseits in Richtung Pop (Stimme, komëiteskes Glockenspiel, Verwendung von Nico-Samples, Formatfrage, “Das klingt zwar nach Skills, aber ich kann gar nicht Gitarre spielen”), andererseits in Richtung Pädagogik (!, angefangen vom Ausruf einer Kinderstimme “März ist super!” über Ehlers Auskunft, im nächsten Jahr an einem eigenen Projekt zu jugendlicher Musikpädagogik arbeiten zu wollen), drittens in Richtung Hörspiel (ein Genre, mit dem Kunze seit Jahren arbeitet). Die Verwendung einer im ersten Track vorgelesenen Stelle aus Rolf-Dieter Brinkmanns Gedichtband “Westwärts 1 & 2” weist dabei eine mögliche März-Richtung: “Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt werden”. Ganz so einfach ist es zwar nicht mehr, aber kommende Projekte von Ehlers werden weiter verstehen helfen, warum.

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Elektronische Lebensaspekte.