Text: gregor wilderman aus De:Bug 16

Electro Today Gospel Tomorrow Gregor Wildermann gregorw@snafu.de Foto: Claudia Burger ”Revisiting old tracks is not so much an exercise in nostalgia as a way of linking fragments, exploring the past as a new country, understanding the trajectory of a dangerously volatile art form or, most of all, vanishing into the beat!” (Liner Notes von David Toop zum BeatClassic-Sampler) Er hat einen Mac Was sich in London nie geändert hat, ist die Tatsache, daß man am besten jeden Tag ein Tagesticket für die U-Bahn kauft. Das ist wirklich gut investiertes Geld. Es werden einem immer noch Orte und Personen einfallen, die man gerne mal wieder gesehen oder besucht haben will. Einer dieser Orte ist Tuffnell Park, wo Ed DMX ganz in der Nähe wohnt, und man auch schon mal einen Bettler im Anzug trifft. Erreichbar mit der U-Bahn in Richtung High Barnett, auf der schwarzen Northern Line. Ed wohnt im obersten Stockwerk einer dieser dunkelbraunen Ziegelhäuser, die in ihrer Bauart nicht sehr überzeugend wirken und doch innen jedesmal anders aussehen. Im sonst eher kargen Zimmer hängt als einziger Wandschmuck ein etwas abgewetztes Kraftwerk-Poster – das mit den vier Herren in den stocksteifen roten Hemden. Ansonsten Platten und Equipment und ein etwas neuerer Performa-Mac. Wir sind zu neunt im Zimmer, ohne daß es richtig eng wird: Ed, sein Kumpel Kelly alias K-Rock, ein Six-Pack und ich. Und damit sich der Computer nicht ausgeschlossen fühlt, wechseln wir gleich zu Anfang über ihn ein paar verständnißvolle Worte … ”Ich arbeite an dem Computer nur wegen der Grafik. Obwohl er ein Modem hat, habe ich keinen Internet-Zugang, noch nicht einmal E-Mail. Für meine Musik benutze ich immer noch den Roland-Sequencer. Dabei sieht er ja wirklich eher wie ein Taschenrechner aus, und in einem Supermarkt könnte ich damit an der Kasse sitzen, keiner würde den Unterschied merken. Ich werde wirklich schon ausgelacht. Eine Quittung bitte!” Er kann gut deutsch Ed kann für einen Engländer sehr gut Deutsch und ist in den letzten drei Jahren auch regelmäßig im Land der gerechten & geraden Beats zu Besuch gewesen. Diese Encounters und sein Style führten zu einigen Remixen und Labelreleases, die eine andere Seite von ihm zeigen: “Bei Compost hat man mich einfach nur gefragt, ob ich einen Beanfield-Remix machen würde und hat mir auch noch eine Menge Geld geboten. Natürlich habe ich ja gesagt. Zu Gigolo-Records kam ich, weil ich ‘Showroom Dummies’ in meinem Live-Set gespielt habe. Ich hielt es für eine ganz lustige Idee, soetwas vor einem deutschen Publikum zu spielen. Die ‘Party-Breaks’ für Pharma-Records hätte ich nie auf Breakin’ Records veröffentlicht, weil da Samples drin waren, und ich bei Produktionen als DMX-Krew generell nie Samples benutze. Ich fand die Tracks aber trotzdem ganz gut und wollte sie auch selber gerne auflegen.” Wer mit einem so prägnanten Stil erst einmal bekannt geworden ist, muß und darf mit Remixen rechnen, aber eine Bearbeitung für FÜNF STERNE DELUXE lehnte er ab, und auch bei einem Remix für Biochip C. gab es Lektionen zum Thema künstlerische Freiheit. “Zuerst hatte ich einen House-Mix gemacht, aber bei Force Inc. verlangte man von mir unbedingt einen Electro-Mix. Da habe ich denen dann gesagt, daß sie für einen Elektro-Mix das Dreifache zahlen müssen!” Er mag Electro nicht leiden Womit wir beim Krisenthema wären. Denn Ed DMX will nicht mehr nur auf das 80ties-Revival und Electro angesprochen werden. Nach den Alben “Sound of the Street”, “Fressshh” und “Nu Romantix” sowie einigen EPs ist das nächste Longplayer-Werk schon fertig, und da wird es Überraschungen geben. “Der erste Song ist HipHop, der zweite Gay-Disco, ein Gospel-, ein Latin-Freestyle-Song und ein anderer im Stil von Stereolab. Dann gibt es noch einen 4/4-Track mit Vocals und auch einen Electrotrack. Vielleicht nenne ich es ‘Weird DMX’! Obwohl viele das ganze Electro-Revival nicht abhaben konnten, hat Ed DMX es immer wieder geschafft, seine Tracks mit dem Prädikat “truly original” zu versehen. Doch irgendwann mußte es natürlich zu einer billigen Personenschablone verkommen. ”Sicherlich werde ich auch in Zukunft noch einige 80ies-Sachen produzieren, aber seitdem ich 1995 mit Electro angefangen habe, haben sehr viele andere auch Electro produziert, und ein richtiger Medienhype ist losgerollt. Von meinem Charakter her kann ich da nicht mehr lange mitmachen und werde irgendwas Schlimmes machen, um möglichst viele Leute zu erschrecken. Songs schreiben. Es kann jedenfalls keine Herausforderung sein, einen Electrotrack nach dem anderen rauszuhauen. Und wenn ich Gitarren benutzen will, muß ich ja nicht wie Apollo 40 klingen. Ich habe wirklich keine Angst vor einem Stilwechsel, und in der Vergangenheit habe ich ja auch schon Swing-Beat-Tracks gemacht!” Nicht mal vor der eigenen Stimme hat Ed Angst, wie der geniale Sticker “He Sings! He Dances! The faboulous new album!” auf der Nu Romantik-LP zeigt. “Das war meine Idee und Grant (halber Chef von Rephlex) fand sie sehr gut. Ich meine, ich weiß auch, daß ich nicht gerade der beste Sänger bin, aber ich habe auch noch keinen gefunden, der unbedingt besser wäre. Es gibt für den MAC ein Programm namens “Auto-Tune”, wo man ein Vocal einliest und dann das Tuning verbessern kann. Aphex hat das Programm auch, und es ist wirklich cool. Ich werde es mir besorgen, denn damit klingt auch die schrecklichste Stimme gut.” Es macht sich von selbst Seit gut eineinhalb Jahren hat Ed sein eigenes Imprint: Breakin’-Records. “Damals hatte ich keinen Job, war unheimlich gelangweilt und wollte als DJ auch Platten haben, die es aber nirgendwo gab. Auf Seiten von Rephlex wollte man mich auch ein wenig pushen und hat mir zur Labelgründung geraten. Am Anfang habe ich natürlich einiges Geld verloren, aber das kommt nach und nach zurück. Zumindest bekommt jeder Künstler seine Royalties, und ich kann meine Rechnungen bezahlen.” Neben den gerade erschienenen Platten von K-Rock und der hervorragenden neuen Mandroid-EP “Silicon Chipped” kommt dort demnächst eine neue 12″ von Cee-Phax Acid Crew und eine neue Bass Junkie sowie ein bereits fertiges Computer Rockers-Album heraus. Ein Album von dem Österreicher Gerhard Potuznik ist vorgesehen. Und was wäre, wenn Ed DMX mal die Chance hätte, mit alten HipHop-Legenden wie z. B. Roxanne Shante zu arbeiten? ”Ich könnte mir nicht vorstellen, daß das sehr relaxt abläuft. Wenn ich jetzt per Zufall in irgendeiner Bar in New York auf Roxanne Shante treffen würde, ginge das aber schon OK. Die Plattenfirma von Freddy Fresh wollte mal unbedingt, daß wir eine Platte zusammen machten, am Ende sind wir aber nur zusammen einkaufen gewesen. Dabei ist wirklich nichts rausgekommen, und erzwingen kann man bei mir nichts!” Bezüglich seines Namens hat Ed jetzt übrigens Konkurrenz in Form eines Rappers bekommen, der in den Staaten mit Sodomie und Vergewaltigung von sich reden macht. Tangiert das den Mann aus Tuffnell Park? “Ich habe mal seinen Namen gelesen, aber noch nichts von seiner Musik gehört. Mir sagte jemand, die sei OK. Es ist schon etwas schade, daß es jetzt da so jemanden gibt, der den gleichen Namen benutzt. Ich hatte mir mal überlegt, mich DX-Krew zu nennen, weil DMX ist ja eine Drummachine und der Buchstabe M steht für Midi. Davor gab es den Oberheim-DX, der ansonsten baugleich war. Meinen Namen werde ich aber nicht so leicht ändern. There’s a nice little vibe inside the DMX-Krew! coming soon: Adrenalin Flow”-EP Remix von Visit Venus “Children of the rave solution” (mit einem Mix von Funkstörung) Remix von Dynamix 2 info: http://www.rephlex.com tanzen: Rephresh-Clubnacht im Soundshaft-Club, Hungerford Lane, London (etwa eine Fußminute von Charing Cross entfernt) freitags, 02.,16., & 30.Okt, 13. & 27.Nov, 11. Dez. ZITATE: Von meinem Charakter her kann ich bei Electro nicht mehr lange mitmachen. Ich werde also irgendwas Schlimmes machen, um möglichst viele Leute zu erschrecken.

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Elektronische Lebensaspekte.