Phillip Sollmann aka Efdemin ist ein begeisterter Wanderer zwischen den Welten. In Wien studierte er Computermusik und in Berlin das Clubleben. Im verrauschten Bedenkenträger-House des Hamburger Labels Dial war Efdemins Debut "Joni" der griffigste Clubtrack so far. Mit einer anderen Frau, "Jean", schuf er neben Polzins "All the world loves lovers" die Vom-Beatnic-Winde-verweht-Hymne des Labels schlechthin. Als Phillip Sollmann testet er die enervierenden Qualitäten von statischem Ambient. Seit einem Jahr wohnt er in Berlin und fühlt sich so auf Start wie lange nicht mehr.
Text: Jan joswig aus De:Bug 105

House

Das Cello steht bereit
Efdemin

Debug: Nach deiner zeitzersetzenden Ambient-Platte ”Something is missing“ scheinst du jetzt deinen Techno-Sommer ausgerufen zu haben. Du legst in Clubs auf, hast mit ”Bergwein“ ein kräftiges Minimalstück ohne romantische Bordüren draußen und gehst mit dem Projekt ”Pigon“ mit Oliver Kargl/RNDM noch rhythmisch technoider los.

Noch in Wien habe ich einen ganz minimalen Sequenzer entwickelt, ”Rocker“, der kann sehr wenig. Man ist sehr eingeschränkt, sehr Beat-orientiert. Er hat einen ganz eigenen Klang. Man kann nur aufnehmen, nicht speichern. Oli und ich haben ein Jahr lang Stunden um Stunden aufgenommen, daraus ausgewählt und das geringfügig bearbeitet. Es gibt ein stärkeres Interesse an Sachen, die funktionaler sind. Aber es sollen andere Welten eingebaut werden. Nur abgehen interessiert mich nicht, dafür höre ich auch viel zu viel andere Musik, kümmere mich um Kunst oder Film. Ich hoffe, dass ich eine Balance halten kann.

Gibt es einen roten Faden bei diesen anderen Welten, deinen Referenzen auf Fassbinder, Godard, Van-Laack-Hemden …

Konsequenz in Arbeiten bewundere ich sehr. Meinen eigenen roten Faden suche ich aber noch. Die Fassbinder-Arbeit hat sich eher zufällig ergeben. Den Leitern des Münchner Festivals ”Wie laut wird alles“ stand die alte Fassbinder-Wohnung zur Verfügung. Ich habe versucht, eine bestimmte Stimmung in den Räumen zu etablieren. Etwas Enervierendes. Das hat auch wunderbar funktioniert. Die Leute haben sich total aufgeregt, weil einfach nichts passiert ist. Die Musik war dem ”Something is missing“-Album ähnlich, es war nur alles mit Stimme erzeugt. Frauke Finsterwalder hat mit ihrem Sopran eine Symphonie eingesungen, die man komplett hören konnte, wenn man in der Mitte der Wohnung stand. Viele haben das aber überhaupt nicht gepackt. Es war der Psychoterror des Nichts-Passierens.
In Frankreich habe ich im Juni in einem Tunnel eine Installation eingerichtet, im Auffahrtstunnel zum Haus von Schauspielerin und Vamp Musidora. Sie spielte 1915 im Film ”Les Vampires“. Eine Gruppe von Leuten attackiert die Bourgeoisie, sie als Irma Vep im Catsuit vorweg. Sie hat in dem Haus mit ihrem Apothekermann eine Menge Drogen verwertet. Ich habe ein Acappella-Stück von Yoko Ono genommen, bei dem sie vom Wind singt. Aus ihrem Gesang habe ich einen Dron erzeugt und den über einen direktionalen Lautsprecher abgespielt, der einen Soundbeam erzeugt. Dieser Hyper Sonic Speaker/HSS richtet den Schall nur auf einen Punkt. Du gingst also durch diesen Tunnel und an einem Punkt fing ein massiver Wind an, den du aber ausblenden konntest, indem du einfach den Kopf zur Seite gekippt hast.
Es war schwierig, den Lautsprecher zu kriegen. Die Firma will die Technik gar nicht auf den Markt bringen, sondern sie nur lizenzieren, an Coca Cola zum Beispiel, an Automatenhersteller. Du schlenderst am Automaten vorbei und exakt auf Höhe des Automaten hörst du: ”He du, willst du nicht eine Zero Coke?“

Du bist in Galerien und in Clubs zu Hause. Wo willst du auf lange Sicht hindriften?

Fast hätte ich bei der Philly-Legende Larry Gold angefangen. Toller alter Arrangeur. Der einzige Weiße in dem schwarzen Kontext. Nach dem Disco-Crash ist er nach LA rüber und hat Sachen wie Kriss Kross produziert. Viele Timberland-Sachen gehen auch immer noch mal zu ihm. Er schickt sie durch seinen Fairlight, spielt was drüber und schickt es zurück. Aber zeitgleich kam die Zusage zum Studium in Wien. Außerdem kifft Larry Gold so viel …
Ich habe die Vorstellung von einem Studio auf dem Land mit Ziege, Apfelbaum und Zugang zum Meer. Ich will nicht mehr viel in der Stadt sein, aber viel Musik machen. Mein Cello steht bereit. Ich stelle es mir Arthur-Russell-mäßig vor.

Für ihn hat es nicht wirklich ein Später gegeben …

Ne, der war zu lange im Club. Ich möchte das, was mich jetzt an Techno interessiert, in eine akustische Welt übertragen, eine Art Kammermusik-Techno. Für später kann ich es mir auch Robert-Wyatt-mäßig vorstellen. Am Strand mit Katzen und Maler-Frau abhängen. Der tollste lebende Musiker. Falsettsänger im Rollstuhl machen die beste Musik. Curtis Mayfield war auch querschnittsgelähmt.
Eigentlich mache ich mir aber nicht viele Gedanken über später. Gerade bin ich sehr im Jetzt.

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Elektronische Lebensaspekte.