Jimi Siebels und Mense Reents haben zwar nicht ihren sprichwörtlichen Humor verloren, aber jetzt wollen sie doch mal richtig den Rave bedienen - und nicht mehr von Carl Cox argwöhnisch beäugt werden.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 94

EGOEXPRESS // Geil Massenkultur

Diese Website könnte helfen, das alles zu verstehen. Vielleicht sagt sie tatsächlich etwas aus. Gut möglich jedenfalls, dass Jimi Siebels an lauen Abenden – es riecht dann wohl nach Sommer in der Küche, im geblümten Kochtopf verkrustet Käsesoße und im Aschenbecher verglüht schon der Filter – seinen Spaß an ihr hat. Er sitzt dann vor dem Monitor, nein: kein Powerbook, und sein grenzpornoesker Schnauzbart hebt und senkt sich, Siebels hält sich den wohlgewölbten, also so beruhigend, ganz dezent wohlgewölbten Rollkragenpulloverbauch. Er lacht. Lacht über diesen Schimpfwortgenerator: Du hammelgeschusterter Eierhaufen! Oder: Du riesenpanierter Klonbastard! Es ist so, dass er ihn verlinkt hat, von seiner eigenen, absolut unscheinbaren Homepage, auf der er allerlei Werbservice-Dienste anbietet. Krams eben, würde er sagen. Und wenn es sich denn wie geschildert darbietet, an solchen Abenden, in Hamburg, so fließt ganz bestimmt die Elbe zur selben Zeit und eine Gruppe Seitenscheitel fläzt sich in Mottoshirts am Ufer, während sicherlich einer dieser Solo-gewordenen Frontmänner einer dieser Bands am besten auf einem Kassenzettel die endgültig ultimative Ode verfasst. Auf die Stadt. Und ihren Humor. Oder er geht ins Click.

“Sag mal“, fragt Mense Reents, “warum müssen wir uns eigentlich mit jedem über Klischees unterhalten?“ Sind doch Jimi Siebels und er, nur nochmals, weil auch dieser einst gecastete Name viel erzählt über Hanseatisches und am Horizont hockende Missverständnisse: Mense Reents, gerade erst bei einem von beiden zu Hause angekommen, Jimi hatte noch etwas besorgen müssen. Es ist Freitag, früher Abend. Sie sind Egoexpress, und hätten sie ein Problem damit, dass ihr drittes Album “Hot Wire My Heart“ so ziemlich das bollerigste, gerne auch: das entschiedenste ist, so gäbe es in ihrem Freundeskreis wahrscheinlich jemanden, dessen Mutter Heilpraktikerin ist. Die könnte das dann auspendeln. Aber eigentlich ist alles in Ordnung, Jimi fliegt am nächsten Tag nach Rom, mit so einer Reisegruppe, und Mense wird mal wieder seine Eltern besuchen, draußen, auf dem Land. Kann sogar sein, dass die dort mittlerweile einen Computer haben, ist aber auch egal, immerhin verbrachten sie in den letzten Monaten genug Zeit vor Technik, irgendwelchem Technik-Kram.

Mense wird dann immer ganz aufgeregt, wenn produziert wird. “Total hibbelig“, sagt er. Jimi nicht. Aber der stört sich nicht daran, dass der Kollege Terz macht, warum auch. Es gibt ohnehin Tage, da sitzt einer der beiden alleine im Studio. Ansonsten macht jemand die Arrangements und jemand nörgelt – immer abwechselnd. Bis das eingetütet ist, bis also nichts mehr rausgeschmissen, gewechselt oder neu eingeklampft gehört. “Wir hatten Ende letzten Jahres mal wieder Bock“, sagt Jimi. “Die fünf Jahre davor halt nicht“, sagt Mense. Und wenn du keinen Bock hast, macht es auch keinen Sinn.

Das ändert aber nichts daran, dass seit “Bieker“, seit der Jahrtausendwende, den letzten Tracks, viel passiert ist. Das klassische Für und Wider des Älterwerdens zuerst. Das mantrahafte Beteuern, am nächsten Morgen nicht gleich wieder drei Kippen zum Wachwerden zu rauchen, dieses Auflodern des schlechten Gewissens, plötzlich werden Runden im Park gejoggt – nichtsdestotrotz hast du mittendrin, ungeachtet im Bett verbrachter Wochenenden, einen Hörsturz. In den Köpfen hat sich so oder so viel getan, auch in Einzelprojekten, dazu noch in den unzähligen Clubs, in welchen Egoexpress launisch wie eh und je bretterten und züngelten. Die einstige Cargo-Lifter-Halle in Brandenburg hätte statt zum Tropen-Klon auch zur Residency der beiden werden können, weil ja im Osten jeder Großraum verstopft ist, wenn Jimi und Mense ihre über die Jahre jungfräulich gebliebene Art des Raves von vorne entdecken. Rave also – so völlig unpassend, so dermaßen unglücklich, weil damit quasi die ganze Fußnoten-Suche beendet ist. Dann funktionieren die Klischees nicht mehr.

Es ist auch bei “Hot Wire My Heart“ eine gewisse Humorigkeit, ein Hang zur klamaukigen Überzeichnung festzustellen, der ja per se das darstellt, was als Primärtugend von Egoexpress altbekannt, altbewundert und altbekrittelt ist: die Herangehensweise an House aus dem Nichts. Weder Jimi noch Mense haben mit 16 in der Provinz einen Synthesizer zusammengespart oder waren zwei Pillentröten auf grundlegenden Erststundenraves. Sie hatten auch schon ein Musiker-Leben vor der ersten Veröffentlichung auf Ladomat, Mitte der Neunziger. Sie waren richtige Mucker, aus der Provinz, gekommen, um ehrlich-verrockte Verbindungen einzugehen. In Bands zu spielen. Mense schlagzeugte bei Stella, auch bei den Goldenen Zitronen. Jimi spielte etwa bei “Das Neue Brot“. Entschuldigung, das klingt nun mal nach Indie. Das klingt nach Rote Zora, nach Golden Pudel Club, nach Politpop. Nach Hamburg letztlich. Und dann standen sie plötzlich im WMF, 1998, auch Westbam war da und alle staunten: Das war so organischer Tanztechno, so pointierter Halsüber-House, aber nein, nicht aus unserem Kreis. Und nach Referenzen gefragt, antworteten Ego Express stoisch: Mr. Oizo. Ja, gut, und weiter? So viele Namen wüssten sie nun auch nicht. Heute ist das genauso. Sie sagen: Oizo. “2004 war ein inspirierendes Jahr“, meint Jimi und meint damit auch Matthew Johnson, Alter Ego, Villalobos und eben: Oizo. Dann sagt er: “So der Spezialist bin ich auch nicht.“ Ahnungslosen-Kracher sind es dementsprechend, die Ego Express herstellen. Voll der Ahnung, was genau einen Track zu dem Track macht, mit dem entscheidenden Vocal, dem neckischsten Break. Hits, weil im 4/4-Wahn diese aberwitzige Dreistigkeit durchdringt, eben doch noch einen draufzulegen. “Für uns war das nie eine Sache, einen besonderen Hintergrund zu haben“, sagt dann Mense, “das muss man sich nicht besonders vorstellen, als wir damals in die Elektroclubs kamen, wir haben einfach anderes nebenher gemacht.“

Es sind aber auch beim aktuellen Werk jene Interludes, die an die Beginner oder, böse, an Fettes Brot erinnern und von diesem eigenen Humor künden, eingangs erwähnt und beheimatet bei Schorsch Kamerun und Anhang. Lustige Stimmenfetzen, die das, was folgt, unterstützen, indem sie es schockiert ankündigen. Es folgt Technoides. “Das Album ist auf jeden Fall trackiger geworden, vielleicht weniger zugänglich“, sagt Mense. Die logische Konsequenz aus der Live-Aktivität der beiden und gleichzeitig das logische Ende der nie dagewesenen Indiedisko. “Ey, nee“, sagt Mense. Klischee! Einzig, weil Ego Express immer ein bisschen mehr nach Musizieren klangen. Auch diesmal wurde alles eigens eingespielt, eingesungen, akribischst angeordnet. Doch jetzt ist nur das Nötigste Trumpf, und das Nötigste ist Bass, ist Spannungsaufbau, ist Linearität. Aber ebenso Übertreibung, nur wichtig: keine Ironie. Dadaesk gerne, absurd auch, sagt Mense. Also beginnt “Hot Wire My Heart“ mit einer zutiefst schönen Instrumental-Einleitung, so in voller Blüte, dass im Prinzip schon Frieden geschlossen wird: Gerne, wenn es denn euer Wille ist, so poliert das Sanfte, die Schwelgdisco. “Unser Tempo hat sich aber nicht geändert“, sagt Mense, “wir bleiben nicht unter 130.“ Zumal ihn eines in den letzten Jahren elektronischer Musik gestört hat, aus der Nicht-Experten-Sicht sozusagen, nämlich die Songlastigkeit. “Das finden wir langweilig, unser Ansatz sind Tracks, nicht um viele Samples aufgebaut, simple Tracks.“

Wäre es nicht so, dass es ja schon immer so war, läge jetzt die Vermutung nahe, Ego Express wollten endlich als, hört zu, Techno akzeptiert werden. Jahre nachdem sie schon zu den tollsten Houseproduzenten geadelt wurden, aber eben trotzdem was für die Einweihungsparty der Germanistik-Studenten waren. Nur: Sie wollten nie etwas anderes sein, nie etwas anderes machen, als das, wonach ihnen gerade ist, keinesfalls aber zwanghaft das, was andere nicht machen. “Man darf uns gerne noch Band nennen“, sagt Jimi. Bandsein, das heißt, Ego Express ist kein offenes Projekt, nicht so wie die vielen anderen Projekte, an denen sie arbeiten. Das ist alles. Es gibt für beide mehr als Ego Express, aber Ego Express ist puristisch in seiner Zielstrebigkeit.

Eventuell war dieses Eingezwängtsein zwischen Marusha und Carl Cox damals ein entscheidendes Moment. Ein riesiges Festival, etwa 1999, sehr früh morgens. Erst kurz zuvor hatten Ego Express auf dem Mayday debütiert, hatten demnach das Attribut verschlaffter Rocker mit Beats zerklopft und sichtlich Spaß dabei. Doch dann, an jenem Morgen, blickten sie auf vollkommen verständnislose Gesichter unten auf der taufrischen Wiese. Es passte einfach nicht. Von hinten gaffte Marusha etwas mitleidig und Carl Cox blieb später profihaft reserviert. “Das war das erste und letzte Mal, dass wir fehl am Platz waren“, sagt Mense. Möglich, dass sie in dieser Stunde jene resolute Selbstverständlichkeit entwickelten, die sie heute sagen lässt: “Solange wir eine Bühne bekommen, ist alles gut.“ Und Jimi kann es gar kaum mehr abwarten, bis endlich wieder die Festivalsaison beginnt: “Das ist das Größte!“ Morgens dann total versifft die Sonne aufgehen zu sehen und unter keinen Umständen darüber reden zu müssen, was denn das Politische am Hamburger Elektroschwofen ist. “Da könnte ich viel zu verkünden, es ist ja auch wichtig“, sagt Mense. Aber er hat definitiv keine Lust. Auf dem Festival-Dixi-Klo bleibt auch keine Zeit, über die eventuell typische Poppigkeit des Egoexpress-Raves zu sinnieren. “Also meinetwegen, wenn damit Massenkultur gemeint ist, Massenkultur finde ich geil“, sagt Mense. Vielleicht geht es gar nicht um Klischees. Es sind eher kleine, aber feine Unterschiede. Es ist die Unterscheidbarkeit von Ego Express. Dort, wo sonst kaum unterschieden wird.

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Elektronische Lebensaspekte.