In den 80ern kannte die Electro-Landkarte neben New York und Miami auch die Westküste. Bevor es NWA gab, haben Crews wie "World Class Wrecking Crew" mit Dr. Dre ioder das "L.A. Dream Team" hre Chauvi-Party-Variante von Kraftwerk entworfen. Der Egytian Lover war mit "Egypt, Egypt" der populärste Hengst im Stall. Eine gut gelaunte Rückerinnerung.
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 96

Kraftwerk mit mehr Bass

Greg Broussard hat es geschafft. Als jugendlicher DJ in L.A. nahm er in den 80ern mit Ice-T, Chris “the Glove” Taylor und Super AJ seine erste Platte für einen Graffiti- und Breakdance-Film auf. Kurz darauf landete er mit “Egypt, Egypt” seinen eigenen Superhit, verkaufte eine Million Platten und wurde zu einer Ikone des Electro-Funk. Zwanzig Jahre später hat er die Lust an Ägypten-Raps und Electro immer noch nicht verloren. Warum auch? Der Mann ist glücklich, er arbeitet schließlich im lustigsten Business der Welt.

Vor einem Hintergrund aus Palmen und Pyramiden posiert ein stämmiger Kerl mit weit offenem Hemd und einem weißen Schal. Die Arme sind lässig auf die Hüften gestützt, ganz so, als möchte er seine Schultern noch breiter wirken lassen. Als die Kamera auslöst und der Blitz die Szene einfriert, hat sich zwischen seinem Bart und den schwarzen Locken ein tief schmachtender Blick verfangen; ob dieser Blick heute, 20 Jahre nach dem Foto, auch nur einem einzigen Betrachter des “On the Nile”-Cover einen Hauch Nimm-mich!-Gefühl bereitet, ist fraglich. Erheiterung ist, zumindest bei denen, die ihn nicht kennen, eine Reaktion, auf die sich eher wetten lässt. Wir werden nie erfahren, ob der Egyptian Lover jemals wirklich ein Sexsymbol war. Aus Ägypten, soviel darf verraten werden, kommt er jedenfalls nicht. Aber er wird schließlich von den wenigsten für seine grandiosen Kostüme gefeiert und auch nicht für die ägyptischen Tanzeinlagen, die er auf der Bühne hinlegt. Egypt gilt neben Leuten wie Afrika Bambaata, Dr. Dre oder Ice-T als ausgewiesener HipHop-Pionier. Niemand außer Prince stöhnte damals wie der Lover. Sein großer Hit “Egypt, Egypt” verkaufte sich millionenfach und stiftete ganze Landstriche zu mechanisch zuckenden Tänzen an. Als Wegbereiter des Electro Funk hob er die Musikrichtung aus der Taufe, die den Geist der Funkmobs mit der Soundästhetik Kraftwerks verband. Kurz vor “Egypt, Egypt” hatte Afrika Bambaataa das Feld mit “Planet Rock” eröffnet und Trans-Europa-Express plötzlich tanzbar gemacht. Zur gleichen Zeit eroberten Juan Atkins und sein mysteriöser Partner 3070 unter dem Codenamen Cybotron die Tanzflächen von Detroit aus (“Clear”), während eine Jazz-Größe wie Herbie Hancock im Fernsehen Puppen zum Leben erweckte und das inoffizielle Motto dieser Electro-Funk-Jahre ausrief: “Future Shock”. Das Karnevaleske, das auch schon Parliament so ausgiebig zelebriert hatte, war natürlich eines der augenfälligsten Merkmale der neuen Bewegung. Vom Äußeren her muss der Elektro Funk wie ein feuchten Traum aus Robotern, Raumschiffen, Drumcomputern und in diesem speziellem Fall eben auch noch Pyramiden und Kamelen gewirkt haben. Aber Fakt ist, es war eine musikalisch hoch progressive Zeit. Unter dem Deckmantel des Electro Funk kamen sich Techno und HipHop im Geiste und im Tempo so nahe wie zu keinem späteren Zeitpunkt wieder. Der Egyptian Lover rappte bei 120 BPM zwischen Synthie-Bässen, harten Beats und ägyptischen Strings – und das tat er mit Vorliebe über sich selbst, den nächsten Aufriss, Pyramiden und Kamele. Electro Funk war rückblickend für die meisten Künstler eine Art stilistische Weggabelung. Juan Atkins kam mit Techno zu Ruhm, weil er sich damals für das synthetische Element der Musik entschieden hatte. Dr. Dre hingegen verabschiedete sich davon sehr bald und konzentrierte sich stattdessen auf Sampling und die Raps. Auch er wurde berühmt. Interessant ist die Frage, was mit denen passiert ist, die an diesem Scheidepunkt geradeaus gingen. Obwohl der Electro-Funk nach einigen Boom-Jahren als Massenphänomen verschwand und fortan dazu verdammt war, ein Schattendasein in Breakdance und Graffiti-Erinnerungen zu fristen, ist ihm der Lover bis heute treu geblieben. Mehr als 20 Jahre später erzählt er in einem kleinen Wäldchen bei Danzig mit tatkräftiger Unterstützung seines Live-Partners Jamie Jupiter die Geschichte des Electro-Funk aus einer sehr persönlichen Perspektive. Dabei wird er auch Licht auf die drängende Frage werfen können, welche Geistesverfassung man in Gottes Namen mitbringen sollte, um den Spaß an ägyptischen Tänzen und Lover-Raps niemals zu verlieren. Wir sitzen in einem schummerigen Hotelzimmer, ein rotes Getränk mit Eiswürfeln wird aus einem Sektkübel ausgeschenkt und rumgereicht. Während CNN im Hintergrund stumme News aus dem Krieg zeigt, entfaltet es langsam seine Wirkung, und der gut gelaunte Mann, der damals so feurig vor den Pyramiden posierte, gerät allmählich in Erzählstimmung.

Egypt, wo begann die Geschichte des Egyptian Lover?

Egypt: Ich wurde in Los Angeles in den USA geboren. Den Egyptian Lover gibt es seit 1972, seit ich zehn Jahre alt bin. Als “Shaft” und “Superfly” rauskamen, waren wir alle Hustler, Player oder Pimps. Damals mussten einfach alle einen Gangster-Namen haben. Ich war der Lover und Egyptian Lover war mein Name. Wie eine Mischung aus Rudolf Valentino und König Tut. In dem Stummfilm “The Sheik” trug Valentino ägyptische Kostüme, er schlug und küsste die Frauen (lacht). So wollte ich sein, ein Königsjunge und ein Lover.

Wie wurde aus dem kleinen Jungen in L.A. dann ein Musiker?

Egypt: Es hat alles mit Veranstaltungen von DJs und Partycrews in L.A. begonnen. Ich war ein Mitglied von Uncle Jamm’s Army, die bestand aus mir, Egyptian Lover, Bobcat, der dann später der DJ von LL Cool J wurde und jetzt Gruppen für Dre und andere Leute produziert, und Roger Clayton, der da draußen jetzt immer noch Partys organisiert. Uncle Jamm’s Army war eine große Truppe, das war so um ’79 oder ’80 rum. Wir haben in ganz L.A. Partys veranstaltet und sind sogar bis nach San Francisco gekommen. Es kamen bis zu 10.000 Leute, nur für Djs, das gab es damals sonst überhaupt noch nicht.

Was hast du denn in der Crew gemacht?

Egypt: Ich war ein DJ. Es gab damals auch andere wichtige Crews, zum Beispiel die Wreckin’ Crew, das waren Dr. Dre und Alonso und solche Leute, jeder hatte seine eigene Crew, das L.A. Dream Team, alle waren wir eigentlich DJs. Bis ich eines Tages für andere Leute auflegte, ein Club-Radio, und die planten später, einen Film namens “Breaking and Entering” zu machen. Also gingen wir ins Studio: Ich, Ice-T, the Glove, und dieser andere Typ namens Super AJ, um die Musik für den Soundtrack aufzunehmen. Ich habe alle Beats gemacht und genau wie the Glove auch ein bisschen gescratched. Und dann merkte ich: Wow, das ist echt cool, wie einfach das eigentlich ist, eine Platte zu machen. Ich ging schnurstracks zurück zu Uncle Jamm’s Army und sagte meinen Leuten: Wir müssen eine Platte aufnehmen, schnell, ich weiß jetzt, wie man das macht. (lacht) Also sind wir 1984 alle zusammen ins Studio gegangen und haben “Dial-A-Freak” produziert. Und danach haben alle anderen Crews auch ihre Platten produziert: Die Wreckin’ Crew mit einem ähnlichen Sound, das war aber damals noch kein echter Westcoast-Sound.

Hattet ihr damals schon eigenes Equipment?

Egypt: Ich hatte eine Roland Tr-808 Drummachine, mit der habe ich live auf den Partys gespielt, wenn gerade keine Platte lief. Nur die 808, manchmal hatten wir noch so ein Keyboard, mit dem man kleine Sounds und Melodien spielen konnte. Das war aber nur, damit die Leute noch mehr abgingen, die hatten noch nie so einen Sound gehört, der ähnlich war wie Planet Rock, aber einfach mehr Bass und so was hatte. Also taten wir es eben. Und ich atmete und stöhnte dazu ins Mikrofon, so wie Prince, wie Sexy Dancer, weißt du? Die Leute sind darauf ausgeflippt, sage ich dir. Und einmal kommt dieses wirklich süße Mädchen nach vorne und fragt mich: Hey, wo kann ich diese Platte kaufen? Ich sagte: Das ist keine Platte, das bin ich selber, das war live. Sie: Ach, verarsch mich nicht. Ich: Wie heißt du? Sie sagte mir ihren Namen und ich fing an, ins Mikro zu stöhnen und gleichzeitig ihren Namen zu sagen – die war völlig weg hinterher. Genau so eine Platte wollten wir also machen: mit Atmen und Stöhnen, So was gab’s damals noch nicht und alle fragen danach auf den Partys. Also machten wir “Dial-A-Freak” und “Yes-Yes-Yes”, wo ich im Hintergrund stöhne.

Das Stöhnen wurde dann dein Markenzeichen …

Egypt: Ja, die harten Beats, das Stöhnen und die Raps, Das war alles nämlich so eine schlüpfrige Prince-Geschichte. Ich stand damals echt auf Prince. Mit dieser Art von Beats haben Kraftwerk angefangen, aber die hatten noch keinen Bass. Ich wollte da ein bisschen mehr Tiefen reinbringen. “Planet Rock” hatte schon ein wenig mehr Bass in diesen Beat hineingebracht, aber das war echt noch nicht genug. Ich musste noch mehr Bass bringen. Und die Leute mochten das wirklich auf den Partys, puhh, wir hatten so große Bass-Boxen …

Wann hast du eigentlich das erste Mal elektronische Musik gehört? Was hat das damals für einen Eindruck auf dich hinterlassen, diesen neuen Sound zu hören, der plötzlich nicht mehr von Bands und ihren Instrumenten kommt, sondern von merkwürdigen Kästen, die man in die Steckdose stecken muss?

Egypt: Das war ganz klar Kraftwerk. Mein erstes Mal. Dieses junge Mädchen namens Deborah Thompson kam rüber zu meinem Haus, wir waren zu der Zeit beide auf derselben High School. Sie brachte mir dieses Album, “Computer World”, und fragte: Kannst du mir das auf Tape überspielen? Ich wusste gar nicht, dass das von Kraftwerk war, während ich es komplett von vorne bis hinten durchhörte. Ich sagte zu ihr: Weißt du was? Ich mag diesen Sound, du kannst dein Album gerne wiederhaben, aber ich behalte das Tape. Naja, so war das. Die Frau habe ich dann später auch geheiratet. Sie hat mich in die elektronische Musik eingeführt, das musste ich tun, um den Kreis zu schließen (lacht sich tot).

Wie wurde dieser Sound eigentlich in Amerika aufgenommen?

Egypt: Ich habe die ganze Zeit nur noch Kraftwerk gehört, dann lief plötzlich im Radio bei uns “Numbers” und “Pocket Calculator”, es gab so eine kleine Elektronik-Welle, die aber nicht allzu viel später verebbt ist. Wir haben auch “Numbers” auf Partys gespielt und es haben viele Leute getanzt. Es war ein guter Song, aber eines fehlte, er hatte nicht genug Bass. Das war dann später zur Zeit von “Dial-A-Freak” mein Ziel: Ich wollte diese Platte mit dem Stöhnen und dem dicken Bassfundament machen – heraus kam schließlich “Egypt, Egypt”.

Die Platte, nach der dich das süße Mädchen gefragt hatte?

Egypt: Richtig (grinst).

Wie war das Gefühl, sich mit diesem neuen technischen Equipment auseinander zu setzen? War das irgendwie futuristisch?

Egypt: Ach, wenn ich die Drummachine hörte und programmierte, dachte ich immer nur, es wäre einfach ein kleiner Fake-Drummer. Und mir war klar, mit diesem Fake-Drummer können wir Sachen machen, die sonst völlig unmöglich sind. Auf “Yes-Yes-Yes” hörst du zum Beispiel Drum-Programmierungen, die niemals ein Schlagzeuger fertig bringen würde. Ich erinnere mich an Baby Face, den R’n’B-Sänger, der heute TLC und so was produziert, er kam zu einer unserer Uncle-Jamm’s-Army-Partys und sagte: Ich habe noch nie in meinem Leben einen Schlagzeuger so spielen gehört. Verrückte Beats hatten wir damals zum Teil …

Es ging also nur darum, dass es einfacher war, mit so was Musik zu machen?

Egypt: Definitiv, das war einfach. Ich brauchte keinen Drummer, nur meinen Kopf, den Rhythmus und das, was ich gerade Gefühlt habe, um die 808 zu programmieren. Ich habe tonnenweise Beats produziert und dabei nie klassische Instrumente gespielt. Aber mit der Drummachine war ich echt gut. Bevor ich eine Platte gemacht habe, bin ich später in den besten Laden für Musikinstrumente in der Stadt gegangen und habe gefragt: Was sind die drei heißesten neuen Keyboards, die ihr habt? Und die habe ich dann gekauft und direkt ins Studio getragen.

Hast du die 808 immer noch mit im Gepäck?

Egypt: Nein. Das letzte Mal, das wir unser Equipment mitgeschleppt haben, war in Florida. Du weißt, der ganze Kram ist jetzt echt selten und wertvoll. Wir waren mit 4 Roland TR-808 Drumcomputern unterwegs, einem Emulator, drei Keyboards, Mikrofonen und Vocodern. Und stell dir vor – die Airline hat alles verloren. Kannst du das glauben? Klar, das haben die nur gesagt, irgendwer hat es natürlich gestohlen. Die haben uns nur den Einkaufspreis gegeben, aber jetzt ist das doch alles zehnmal so viel wert. Mann, deswegen nehmen wir jetzt alles auf Band auf, wenn wir touren.

“Egypt, Egypt” war dein Durchbruch. Wie ging’s danach weiter?

Egypt: “Egypt, Egypt” war meine erste Solo-Platte und auch die erste, die von Egyptian Lover erschien. Weil unsere gemeinsame Platte noch ziemlich frisch war, musste ich sie für 6 Monate zurückhalten. Alle haben ständig gesagt: Mann, bring es jetzt raus, du musst es jetzt veröffentlichen. Aber ich wollte unsere andere Platte nicht töten. Nach 6 Monaten haben wir die Platte im Radio zum ersten Mal gespielt und ich sage dir, das kleine rote Telefon-Lichtchen ist direkt angesprungen und nicht mehr ausgegangen. Greg Mack, der DJ von KDAY, meinte, er hätte noch nie zuvor so viele Anrufe wegen einer Platte gekriegt. “Egypt, Egypt” war ein Hit-Record. Wir haben die Platte nur für unsere Partys gemacht. Aber dann ging’s los mit den Telefonanrufen, kannst du hier ein Konzert geben, kannst du dort auftreten? Wir geben dir 5000 Dollar pro Auftritt, mach 5 Shows für uns in Florida. Was? Ok, ich bin auf dem Weg, Leute. Dadurch musste ich dann auch aufhören mit dem DJing. Mit Konzerten verdient man einfach viel mehr. Ich war überall in Amerika und im Ausland, das sind jetzt 22 Jahre und es hat nie aufgehört.

Was? Es gab nie eine Pause oder einen Karriereknick? Du warst bis jetzt permanent unterwegs?

Egypt: Pause gibt es nur, wenn ich über die Feiertage nach Hause gehe. Dann ist es auch egal, wie viel sie mir bieten.

Wann war dir klar, dass das zu deinem Beruf wurde?

Egypt: Ich hatte nie einen Job, es gab immer nur die Musik. Nach “Egypt, Egypt” wurde mir klar, dass man mehr Songs braucht, um eine richtige Show zu machen. Also ging ich ins Studio und nahm “On the Nile” auf. Irgendwann haben mich dann Priority Records angesprochen, die hatten bis dahin keine Rap-Gruppen, nur California Raisins. Also habe ich dort ein Album veröffentlicht und N.W.A. sind mir dahin gefolgt.

Du bist mit “Egypt, Egypt” ja genau auf dieser großen Electro-Funk-Welle geritten, mit “Planet Rock”, mit Al Naafish, Cybotrons “Clear” und “Let the Music Play” von Shannon. Wie war es denn, als dieser Sound dann allmählich an Popularität verloren hat?

Egypt: Ach, ich habe das nie so erlebt. Für mich ging es immer weiter, ich war immer auf Tour. 1989 habe ich mein Greatest-Hits-Album, “King of Extasy”, veröffentlicht. Ich habe 1988 das Album auf Priority Records gemacht, das lief nicht so gut. Das war zur Zeit von N.W.A. und die wollten mich auch als Gangsta-Rapper verkaufen. Ich habe gesagt, das geht nicht. Mein Zeug ist anders. Dann habe ich ein paar Sachen unter anderem Namen gemacht. Aber jetzt sind die Leute es langsam wieder leid, immer nur “Fuck the Police” und “Bitch this Bitch that” zu hören, es geht zurück zum Tanzen. Einfach nur eine gute Zeit haben. Sogar die Gangsta-Rapper sehen das ein, guck dir 50 Cent “in da Club” an. Die Musikgeschichte verläuft sowieso in Kreisläufen, der Electro-Sound wird Amerika bald wieder treffen, das merkst du auch, wenn du dir gegenwärtig Popmusik anhörst.

Bist du eigentlich immer noch in der HipHop-Szene oder hast du dich auch mal woanders, vielleicht im technoiden Electro-Bereich getummelt?

Egypt: Natürlich, ich liebe HipHop. Dr Dre. und ich kommen von den Ursprüngen. Seine erste Platte “Surgery” war ja eine Kopie von meiner ersten Platte. Naja, ein bisschen zumindest: Das Atmen und Stöhnen … Aber das war mir ziemlich egal. Jetzt ist er ein Superproduzent in den USA. Alles, was er anfasst, wird ein Hit, er hat den Golden Touch. Ich mag seine Musik, echt, aber meine Liebe gilt doch mehr dem schnellen Uptempo Stuff. Ich habe es immer als HipHop bezeichnet, im Plattenladen findest du mich in der Rap-Sektion. Manchmal habe ich es auch Techno-Hop genannt. Aber einigen wir uns der Einfachheit halber doch auf Dance-Music.

Du bist jetzt aber nicht Techno-mäßig unterwegs, oder?

Egypt: Ich mag Techno, ich hör mir das gerne in den Clubs an. Aber ich mag es nicht, wenn es von mir selbst kommt. Ich mache so was auch zu Hause, zum Beispiel habe ich einmal eine Art House-Version von “What’s going on” von Marvin Gaye gemacht und eine Egypt-Rave-Version 1993. Die hat damals zwar niemand gekauft, aber ein Jahr später ist sie mir aus den Händen gerissen worden. Ich werde immer bei meinem Electro bleiben, jetzt gibt es eine neue Single, “Party”, und in ein paar Monaten wird das neue Album folgen.

Geht’s bei dir eigentlich immer noch um dieselben Themen? Wie du die Mädels auf einen Kamelritt in deinen Palast einlädst und sie in dem Zimmer mit deinem 50 Fuß langen Wasserbett und den goldenen Lautsprechern zu einer kleinen Massage überredest … Sei ehrlich, hat die Masche mit Ägypten jemals gezogen?

Egypt: Na klar, deswegen heiße ich so. Ich bin der Lover (lacht). Wenn die Masche nicht ziehen würde, würde ich mich wahrscheinlich Prince Diamond nennen oder so ähnlich und nicht Egyptian Lover. Es geht im Wesentlichen immer noch um Schlösser, Autos, einsame Inseln, Yachten und Party.

Wer oder was ist eigentlich Jamie Jupiter? Ich dachte, das wäre Egyptian Lovers alter Ego …

Jamie Jupiter (aus dem Hintergrund): Nein. Du weißt nicht, ob es ein Typ, eine Gruppe oder eine Maschine ist. Mann kann sich nicht einmal sicher sein, dass er im Moment in diesem Raum ist. Ich könnte lügen … (gluckst)

Egypt: Vielleicht bin ich Jamie Jupiter. Jamie Jupiter ist der Anfang von Electro-Musik, Jamie Jupiter ist elektronisch. Er ist ein Roboter.

Jamie Jupiter: Auf dem Cover für das erste Album sollte auch eigentlich ein Roboter sein, der die Keyboards spielt, aber es wurde nie fertig …

Egypt: Weil du zum Militär gegangen bist.

Jamie Jupiter: Für vier Jahre, das war 1983. Ganz zu Beginn meiner Karriere. Ich hatte mich schon vorher dazu verpflichtet. Als ich dann ging, musste Egypt die Platte fertig machen. So wurden wir dann zwangsweise zu einer Gruppe. Wir sind das beide: Egypts zweiter Name ist James und ich spiele den Jupiter-Synthie.

Egypt: Er war dann übrigens ein großer DJ in Deutschland.

Jamie Jupiter: Ich war der DJ auf unserer Militärbasis in Karlsruhe, Germany. Ich war dort stationiert und habe hauptsächlich im Umkreis aufgelegt. Das hat mir Egypt gut beigebracht.

Mann, du hättest berühmt in Deutschland werden können. Damals gab es so was praktisch gar nicht …

Jamie Jupiter: Ach, weißt du. Wenn du weg von der Szene bist, bist du weg und einfach nicht mehr dabei …

Egypt: Und als er wieder daheim war, in der Szene, wollte er nie wieder zurück nach Deutschland. So einfach. Als er zurück in den USA war, waren wir plötzlich groß, 10.000 Leute auf unseren Partys.

Es war damals schon deutlich einfacher, Platten zu verkaufen, oder?

Egypt: Klar, alle DJs haben sich gleich zwei gekauft. Jeder Breakdancer musste meine Platte haben. Ich habe mit “Egypt, Egypt” eine Million Platten verkauft, bevor ich überhaupt wusste, was passiert war. Als ich meinen ersten Scheck in der Hand hielt, wusste ich gar nicht, was ich damit machen sollte. Das war übrigens die erste Westcoast-Platte, die Gold erhielt.

Triffst du deine Mitstreiter von früher eigentlich noch? Dr. Dre und so …

Egypt: Klar, ich telefoniere und treffe mich mit denen. Die bringen mir alle noch Respekt entgegen, weil ich in vielen Bereichen der Erste war, der was auf die Beine gestellt hat, und weil ich der böseste DJ bin, den sie je in ihrem Leben gesehen haben. Ich habe früh meinen eigenen Stil entwickelt und alle haben darauf aufgebaut. Ich habe meinen Scratches Namen gegeben, die die Jungen heute gar nicht mehr kennen, zum Beispiel den “Triple Threat”, wo du ein Wort dreimal wiederholst. Das habe ich denen alles beigebracht. Und: Ich habe nie an den Plattenspielern geübt, ich bin ein Natur-Talent und habe nie einen Fehler gemacht …

Alles klar, und ich bin die nächste Reinkarnation von Afrika Bambataa. Keinen Fehler, dass ich nicht lache …

Egypt: Ok, ok, einmal.

Jamie Jupiter: Ahaaa!

Egypt: Aber – das war der großartigste Fehler meines ganzen Lebens. Ich stand auf einer Monitorbox neben den Turntables in meinem ägyptischen Umhang, stellte meinen Fuß auf den Turntable und begann damit zu scratchen: “its time, time time, dschigge dschigge ding”. Dann, als ich von der Box herunterspringen wollte, stieß ich mit dem Fuß aus versehen an den anderen Turntable und die Nadel sprang – taktgenau direkt zum Breakdown: “Just feel it, Just feel it”. 10.000 Leute vor der Bühne sind ausgerastet. Das war die beste Show meines Lebens. Jeder aus L.A. erinnert sich noch an diesen Abend, Dr. Dre., alle. Egyptian Lover ist der beste DJ. Nur zahlen die Leute für Live-Konzerte einfach besser als für Djs, deswegen lege ich so selten auf.

Werde ich weitersagen, versprochen. Wenn du jetzt zurückschaust auf dein Leben, hätte sich der DJ Egyptian Lover als Jugendlicher Ende der ’70er jemals träumen lassen, dass sein Leben so verlaufen würde?

Egypt: Darüber haben wir beide gerade geredet, bevor du hier zur Tür reingekommen bist. Mann, wenn das Flugzeug übermorgen abstürzt, bin ich wirklich bereit zu gehen, weil ich die beste Zeit meines Lebens gehabt habe. Ich könnte mir kein besseres Leben vorstellen. Das Musicbusiness ist echt das lustigste Business von allen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.