Das Ausnahme HipHop-Label Lex Records ist nicht nur durch seinen Sound unvergleichlich geprägt. Die von der britischen Designcrew EH? entworfenen Plattenhüllen steuern ihren Teil zum extravaganten Gesamtbild bei. Als Auftakt zur neuen Debug-Serie "CoverLover" haben wir sie nach ihren Ansichten zu Grafik und Graffiti, Design und Musik und Arbeitsphilosophie gefragt.
Text: Clara Völker aus De:Bug 83

Musikverpackung
EH?

Lex-Cover sind kleine Schätze aus dicker Pappe. Ihr grüner Gestaltungsfaden ist so charismatisch wie schnörkelig schlicht. Ehquestionmark heißt die britische Crew, die sich für das Artwork des Warp-HipHop-Unterlabels verantwortlich zeichnet. Mit Liebe zum Detail und einem ausgeprägten Sinn für Formschönheit und materieller Abstraktion gestalten sie Cover um Cover derart liebevoll analog, dass sich so manch anderer Designer eine Ecke davon abbrechen könnte. Keine Serienprodukte, sondern auf die jeweilige Platte abgestimmte, kostbare Verpackungen. Hier werden Hüllen zu so dauerhaften wie fühlbaren Kunststücken.

EINSTELLUNG
“Unser gemeinsames Arbeitsfeld und Fundament ist wohl die Typografie. Wir stecken eine Menge Leidenschaft da rein, verdienen aber kein Geld damit. Ehquestionmark haben wir als kommerzielle Organisation gegründet, damit wir von unseren Talenten leben können, um unser Wissen zu kapitalisieren. Daneben haben wir alle unsere eigenen, selbstzwecklerischen, in kreativer Hinsicht freien, nicht-kommerziellen Projekte am Laufen, die uns glücklich machen. Wir haben mit verschiedenen Bildschirm-Medien gearbeitet, aber Druck- und Farbe-basierte Medien sind unsere Spezialität: Publikationen, Wall Art, Werbung, Verpackungen und Kleidung. An jeder neuen Arbeit messen wir unsere Integrität. Du bist nur so gut wie dein letzter Shit, plus es muss mindestens eine Dekade lang halten. Wir versuchen, bei allem immer etwas zu lernen und wirklich unser Bestes zu geben. Dabei vergessen wir nie, dass dies zur Auszehrung der Ressourcen der Erde beiträgt.”

STEREOTYPE
“Meistens werden wir als Grafik-Designer oder Graffiti-Writer bezeichnet, Stereotype, die uns nicht besonders zusagen. Wir sind einfach Künstler, wir zielen auf Veränderung und streben nach vollständigem kreativen Individualismus – und nach Essen auf dem Tisch. Versteh uns nicht falsch, wir lieben die Mischung aus Anarchie und Typografie, die mit Graffiti einher geht, wir haben uns eine wirklich gesunde Obsession für fiese fette Zeichen angeeignet. Handschriften sind ein enorm wichtiger Aspekt von Graffiti und wie viele Designer zeichnen überhaupt noch? Es gibt zu viele Blender und schale profitgeile Cowboys in beiden Bereichen. Und es werden täglich mehr, die einen erstaunliche Menge grünschnabeligen, unausgegorenen, unechten und beschränkten Müll machen, der unsere Augen tagein, tagaus verschmutzt. Teilweise spornt uns das an, aber mit Sicherheit wollen wir da nicht hin. So ein grober Mangel an kreativer Integrität – aber wir vermuten eh, dass 90% aller Praktiker in jedem Feld pseudo sind – schau dir mal Klempner an. Wir wollen nicht zu selbstlobend, faschistisch oder anstößig klingen, wir sehen uns selbst nicht als Pioniere. Wir bemühen uns einfach, zugleich etwas Frisches und Liebevolles innerhalb der Zwänge dieser kapitalistischen Maschinerie zu kreieren. Es gibt nur eine Handvoll heimlicher Künstler, die den Major-Blowjobs widerstehen, und diese Künstler möchten wir durch unser Magazin (‘Hold No Hostage’) auf einem internationalen Level repräsentieren.”

FREIRAUM UND VERPACKUNG
“Lex vertraut uns genug, um uns vollen kreativen Freiraum zu geben und pumpt ein anständiges Budget in ihre Verpackungen – etwas, das in dieser Industrie mehr als fehlt. Dennoch gibt es bei jedem unserer Stücke noch immer zu viele Einschränkungen, mit denen wir kalkulieren müssen, um in das Budget zu passen und die Musiker glücklich zu machen. Wir haben eine Menge Respekt vor Musik-Verpackungen als Kunstform, und es ist einer der wenigen Wege der Musikindustrie mit greifbaren Formaten gegen MP3 anzukommen. Zudem ist es eines der wenigen kommerziellen Medien in der Grafikwelt, das individuelle Kreativität verlangt.
Es ist ein Pluspunkt, wenn der Sound exzellent ist, aber das ist nicht immer so. Es gibt einige wirklich erstaunliche Klangstücke in unfertigen, belanglosen Hüllen, ebenso gibt es eine Menge wunderschöner Hüllen mit lahmem Inhalt auf dem eigentlichen Medium. Das eigentliche Produkt muss die Zeit und den Aufwand wert sein, die man in seine Fassade gesteckt hat, sonst ist es bloß ein fäkaler Polierjob – finanzielle Umstände können das gewöhnlich beeinflussen. Die Verbindung eines schicklichen Stücks Musik mit einer geschickt ausgefeilten Hülle machen ein sorgsam handgemachtes Produkt – einen wahren Schatz.”

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Elektronische Lebensaspekte.