Einst waren Adventure Games einfach und schräg. Statt sich in Features neuer Spiele zu ertränken oder sich mit Emulatoren nur an alte Pixeltage zu erinnern, legt die Spiele Engine 'Adventure Game Studio' den Grund für eine Fortsetzung: Los, setz dir dein eigenes Spiel.
Text: Moritz Sauer aus De:Bug 67

“Also, Du musst erst den Stock am Baum abbrechen, dann dem zweiköpfigen Eichhörnchen eins überbraten und dann den Stock mit dem Berg benutzen. Hast Du übrigens schon ‘rausgefunden, dass man im Flugzeug das Ei in die Mikrowelle schieben muss? …”, so oder ähnlich klangen damals in der 5. Klasse unsere Gespräche in den Pausen. Es gab sicher Gründe, komisch zu uns herüberzuschauen, doch wir waren vollkommen absorbiert von Adventures wie “Maniac Mansion”, “Zak McKracken” oder später dann “Indiana Jones” und “Monkey Island”. Vor allem waren es die herrlich-schrägen Geschichten und eine reduzierte Navigation, die uns stundenlang an den Bildschirm fesselte. Man war noch nicht in Features ertränkt. “Benutze”, “Schaue”, “Nimm”, “Gehe Zu” und “Ziehe” waren die spärlichen Möglichkeiten, die einem für die Rettung der Erde zur Verfügung standen. Ob Spieleschmieden wie Lucasfilm oder Sierra Online, es kam auf die Geschichten und vor allem auf die witzig-ironischen Dialoge an. Die Krümelgrafik reizte die Phantasie. Charaktere wie der Playboy Larry bestanden nicht aus tausenden gestylter Polygone, sondern waren liebevoll Pixel für Pixel zusammengesetzt worden. Das Gesicht musste man sich vorstellen, denn es war nur eine rosafarbene Fläche.

Die Re-Animation vergangener Tage

Ewigen Nostalgikern blieb in der Vergangenheit nur das Abstauben alter Volkscomputer oder der Umweg über Emulatoren, um noch einmal das Flair der Jugenderinnerungen wachzurufen. Doch da die “Generation Golf” immer noch viel Zeit hat, das Web eine Flora für wuchernde Projekte bietet und genügend Wille zur Erneuerung da ist, gibt es seit einiger Zeit auch Fortsetzungen der alten Spiele. Verantwortlich ist dafür vor allem Chris Jones, der Entwickler des Adventure Game Studio. Die Spiele-Engine erlaubt einem die aufregende Möglichkeit, seine ganz eigenen Click-And-Point Adventures zurechtzukneten.

Die lediglich 2 MB große Freeware ist für großartige Nachfolger wie Zak McKracken 2 oder Kings Quest VGA verantwortlich. Das Programm läuft einwandfrei auf Windows 95, 98, ME, 2000 or XP und bietet einem jegliche Möglichkeiten. Ob eigene Fonts, MP3’s oder Grafiken, alles lässt sich so einbauen, wie man es sich wünscht. Zwar ist die Steuerung recht komplex und die Einarbeitung braucht ihre Zeit, dafür erhält man aber auch die vollkommene Kontrolle über das entstehende Spiel. Mittels Menüführung verknüpft man Dialoge, Zwischensequenzen und Objekte, die in Scripten abgelegt werden. Man bestimmt, wo Objekte liegen, welche Aktionen in Kraft treten, sobald der Charakter den Raum betreten hat, ob der Spieler sich dreidimensional im Raum bewegen kann… Die Scripte erstellt man entweder in Menüs oder, wer Freak genug ist, hackt den Code selbst, um z.B. die Steuerung zu verfeinern und die Interaktionen aufzublasen.

Wem das aufwändige Basteln eigener Objekte und Charaktere, den so genannten Sprites, zu langwierig ist, der bedient sich einfach an der Theke der Geschichte. Mit Programmen wie SCI-Decoder rippt man Grafiken aus alten Sierra-Klassikern (für die Lucasfilm-Fans bietet sich Scumm Revisited an) und benutzt das vorliegende Sierra-Interface von AGS. Das Benutzer-Spiele-Interface kann man natürlich auch umstricken, doch es kostet seine Zeit, das AGS-Interface so anzupassen, dass man die Spieleführung eines Lucas-Spiels erhält. Leider hat das Web gerade ein solches des AGS’lers Spyros verschluckt. Doch im Forum der AGS Site bieten andere Begeisterte ausreichend Hilfe. Und dann kann man uns hoffentlich bald wieder komisch anschauen.

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Elektronische Lebensaspekte.