Text: Jan Joswig aus De:Bug 94

Ein Magazin spaltet die Gemüter – Vice über Deutschland

Vulgär, spekulativ, zynisch, verkokst, Männergerülpse mit Hosen runter, das sind noch die harmloseren Kommentare zu der kontroversesten Magazingründung der letzten zehn Jahren. Das ursprünglich kanadische Vice-Magazin, mittlerweile international, hat in seiner Mischung aus gröhlendem, typisch englischsprachigem Bloke-Humor, Hipster-Arroganz, Political-Correctness-Verhöhnung und knallhartem Style-Bewusstsein mit Marketing-Abgebrühtheit einen Spiegel geschaffen, in dem alle Metropolen-Ausgeh-Elitaristen verzerrt sich selbst begegnen.
Wer traut sich schon daran, Modestrecken mit Trisomie-21-Patienten oder Junkies in Reizunterwäsche zu fotografieren? Und obendrein zwei Seiten weiter Titten-Websites zu besprechen. Davor aber einen Artikel über die Legende des militanten UK-Punks “Crass”, ein Interview Mit Stevie Nicks von “Fleetwood Mac”, dem absoluten Punk-Feindbild, und einen Text über Musik als Instrument politischer Folter zu bringen – und dabei Noriegas Musikauswahl zu loben. Vice kommt so rüber, als ob es seine Haltung parodierend distanziert meinen würde – und dann eben auch wieder gar nicht. Aber kein anderes Lifestyle-Magazin zwingt einen so dazu, sich mit den moralisch-ästhetischen Grenzsetzungen seines abgebrühten Lifestyles auseinander zu setzen wie Vice. Das Magazin stresst einen. Kollaborateure wie Terry Richardson, der alle Coverfotos schießt, Spike Jonze oder Mike Skinner von “The Streets” sind sich sicher, dass es gut stresst.
Ab Juli startet Vice mit einer deutschen Ausgabe, die etwa zu 70% aus englischem/internationalem Inhalt bestehen wird und zu 30% aus deutschen Texten zu deutschen Themen. Die Vice-Attitüde soll aber erhalten bleiben. Auf Deutsch? Ohne etwas anderes als eine schlechte Übertreibung vom “Blond”-Magazin zu werden? Das wird doppelt stressig.

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Elektronische Lebensaspekte.