Kenneth Gibson tauscht öfter seinen Kopf aus, um Musik aus anderer Perspektive machen zu können. Das hat in zehn Jahren zu unzähligen Pseudonymen, Kollaborationen und Alben geführt.
Text: Alexis Waltz aus De:Bug 94

Ein Mann, tausend Fraktale – [a]pendix shuffle

Nachdem der Powerbook-Sound in der Repräsentation der elektronischen Tanzmusik stark zurückgetreten ist, nachdem sich erstaunlich weite Teile der Elektronik-Szene in eine marodierende Bande verwandelt haben, die entweder alte Chicago- und NuGroove-Platten nach Hit-Tauglichem abgrast oder auf den großen Pop-Crossover-Erfolg wartet, ist man schon fast erstaunt, dass es die Deleuzianer der elektronischen Musik immer noch gibt. Kenneth James Gibson etwa ist seit zehn Jahren als Produzent aktiv und hat als Eight Frozen Modules, [a]pendics.shuffle und Electronic Music Composer sieben Alben veröffentlicht. Gibson: “Ich lebe in der City of Angels. Um das gesamte Potential dieses Ortes auszunutzen, muss ich mehr als eine Person sein und dazu dient die Musik. Indem ich mehrere Aliase verwende, werde ich produktiver: Manche musikalischen Perspektiven machen erst von einem bestimmten Pseudonym her Sinn. Wenn mir der gebrochene Computerfunk als [a]pendics.shuffle langweilig wird, tausche ich meinen Kopf aus und mache als Eight Frozen Modules ein wenig ‘crazy music’. In dubbigen Stimmungen wechsel ich zu dubLoner. ‘Electronic Music Composer’ sind ich und Ian Read, ‘Hiss and Buzz’ sind ich und Jack Dangers von Meat Beat Manifesto, Whoa Buck bin ich mit Konstantin Gabbro von Orac. Für mich als Person sorgt die Musik wiederum dafür, dass ich nicht verrückt werde. Dabei wünschte ich mir, es gäbe noch ein romantischeres Motiv zum Musikmachen.”
Gibsons Tracks können von jedem rhythmischen Grundgerüst zwischen Techno und Breakbeat her aufgezogen sein, wobei die Breakbeats der Normalfall sind und die gerade Bassdrum bloß das ist, auf das manche [a]pendics.shuffle–Tracks hinarbeiten. Seine gesamte aktuelle Musik ist aus abstrakten, kurzen, digitalen Sounds gebaut. Allgemein geht es in Gibsons Musik darum, möglichst viel passieren zu lassen. Was bei anderer Musik ein einzelner Sound macht, entsteht hier durch eine Gruppe, einen ganzen Schauer von Sounds. Teile der Tracks treten als eine Art Schwarm auf, sie sind Fraktale, kein Ornament. Trotzdem entsteht kein Moment des Disparaten in Gibsons Musik, alles arbeitet einer kaum fassbaren, gemeinsamen Aktion zu. Besonders bei den Tracks als Eight Frozen Modules fragt man sich, was das Interface dieser Musik ist. Gibsons Musik scheint in einem bestimmten, irgendwie isolierten Raum stattzufinden, einziger spürbarer Bezugspunkt sind die schnellen experimentellen Breakbeat-Musiken der Neunziger und bei den [a]pendics.shuffle-Nummern manche postminimale Tracks. Die Wildheit der Musik entsteht aus absolut glatten Sounds, deren Räume abstrakt und still sind – wild macht sie erst das Verhältnis, in dem sie zueinander stehen, und das, was sie miteinander machen.
Aktion und Rohheit sind entscheidend, erklärt er. Aktion impliziert “Ereignis, Bewegung, das Kollidieren der Sounds, Wahnsinn herzustellen, letztlich Liebe. Rohheit ist alles. Alles, was mich umgibt, ist roh, meine Nachbarschaft etwa. Meine Musik soll roh sein. Roh sind die Soundquellen, die mich ins Herz treffen. Wenn Sounds roh sind, sprießen aus ihnen Haare heraus und diese Haare machen mich neugierig.”
Weil Gibson die umherstehende Crowd bei seinen früheren Live-Acts als unbefriedigend empfand, produziert er neuerdings dezidiert Tanzmusik. Mit Konstantin Gabbro hat Gibson das Kompakt-Label Adjunct gegründet, der erste Release wird eine Splitmaxi mit John Tejada, Bruno Pronsato, Pheek and [a]pendics.shuffle sein. Durch einen neuen europäischen Booking-Kontakt wird er auch hierzulande öfter zu hören sein. Und sonst? “Neben dem neuen Label werde ich mich weiterhin im Studio abrackern und dafür sorgen, dass ich beschäftigt bin. Ich habe das Gefühl, noch nicht mal die Oberfläche dessen erreicht zu haben, was ich in der Musik machen will.”
Und was interessiert dich jenseits der Musik? “Ich suche alte Bilder von Sonnenuntergängen am Meer, diese Art Photos, auf denen ein Mann und eine Frau Hand in Hand in den Sonnenuntergang spazieren. Das fasziniert mich.”

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.