Was ist dran am Klischee von Techno als der Sound der Wiedervereinigung? War der Tresor der erste deutsch-deutsche Dancefloor? Oder nur eine Westberliner Disko in einer Ruine auf dem Ostberliner Mauerstreifen?
Text: Anton Waldt aus De:Bug 137

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Von Anton Waldt (Text) und Bronx+1 (Bild)

Aus dem Special in De:Bug 137: EINHEITSTECHNO

Vor 20 Jahren fiel die Mauer, ein Jahr später wurden BRD und DDR offiziell durch einen wiedervereinigten deutschen Staat abgelöst. Und mehr oder weniger zeitgleich wurde aus einem zarten Szene-Pflänzchen eine dynamische Bewegung und Techno in der Folge zum dominierenden Sound der 90er Jahre. Heute, anlässlich der fast schon penetranten Rückblicks-Hysterie, fragen wir uns nun, ob die beiden Ereignisse nur die Jahreszahlen miteinander teilen oder ob sie mehr verbindet. Unbestritten: Techno war die erste gesamtdeutsche Jugendkultur.

Aber lieferte vielleicht nicht erst die besondere Situation nach dem Mauerfall die Energie für den Techno-Boom? Oder erfüllte Techno vielleicht einfach die speziellen Bedürfnisse der Feierwütigen, die doch eigentlich aus denkbar unterschiedlichen Erfahrungswelten kamen? Eine auffällige Gemeinsamkeit von Mauerfall und Techno ist zunächst einmal die Entgrenzung als zentrales Element. Hier wie dort ging es – bei aller Unvergleichbarkeit eines revolutionären Umbruchs mit einer Partykultur – um die Auflösung tradierter Formen und Regeln.

Und die Frage, ob Techno von der besonderen Situation in Berlin und den “neuen Ländern” geprägt wurde, kann man wohl auch eindeutig mit Ja beantworten. Denn in Ostberlin fanden versierte Westberliner Party-Veranstalter ja nicht nur jede Menge temporär ungenutzte und von niemand beanspruchte Orte vor. Tresor, Walfisch, E-Werk und Planet waren definitiv auch Teil der spannenden Übergangsphase, in der alles möglich schien und tatsächlich viel mehr möglich war als üblich, weil die alte Ordnung implodiert war und eine neue sich erst langsam etablieren konnte.

Unter dem Blickwinkel der Eingangsfragen bekommt aber auch die vielgepriesene und -gescholtene Sprachlosigkeit von Techno eine neue Bedeutung. Denn ganz offensichtlich eignete sich Techno wunderbar als Projektionsfläche für gänzlich unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse. Und dass die Perspektiven der Ost- und der West-Raver Anfang der 90er sich grundsätzlich unterschieden, liegt wohl klar auf der Hand.

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Demnach hat die weitgehende Sprachlosigkeit von Techno wohl dazu beigetragen, dass man sich trotz aller Unterschiede auf einen Sound einigen konnte – wozu übrigens auch die damals neuen Drogen das ihre beigetragen haben dürften, schließlich ist Ecstacy hervorragend dazu geeignet, Unterschiede zu nivellieren und Konflikte zu verdrängen. Insgesamt erlaubte Techno es so allen, sich für die Dauer der Party als beste neue Freunde, als große Familie zu fühlen – natürlich nicht ohne den, entsprechend der hohen Erwartungen besonders desillusionierenden Kater. Denn die Eigenschaften, die Techno zur Universal-Projektionsfläche machten, erlaubten nicht nur die Integration von Ravern mit diametralen Hintergründen, sie brachten auch eine Menge Unverbindlichkeit ins Spiel.

Und die Entgrenzung, die Auflösung tradierter Formen und Regeln beschränkte sich ja nicht auf das Geschehen auf der Tanzfläche, sie riss auch eine Menge geschätzter Gewissheiten, gewohnter Strukturen und Zusammenhänge mit sich. Auf die Jugendkulturen bezogen kam der Kater sogar recht flott mit den ausländerfeindlichen Ausschreitungen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, die Diedrich Diederichsen 1992 zu der Feststellung nötigten “The Kids Are Not Alright”. Sound und politische Haltung hatten sich gründlich entkoppelt, war dies der Preis für die Harmonie auf der Tanzfläche?

Wir nähern uns dem vertrackt komplizierten Wechselspiel zwischen Mauerfall und Techno am runden Tisch mit Mark Reeder (Brite, MfS Records), Ronald Lippok (Ostdeutscher, To Rococo Rot), Dimitri Hegemann (Westdeutscher, Tresor) und Frank Blümel aka DJ Valis (Ostdeutscher). Anschließend werfen wir einen Blick auf das System des staatlich reglementierten DJ-Geschäfts in der DDR und den Einfluss der in Westdeutschland stationierten US-Truppen auf die dortige Pop- und Jugendkultur, über die Klaus Walter beispielhaft berichtet . Zuletzt hat unser Chef-Layouter Jan Rikus Hillmann den einflussreichen DDR-Typographen Karl Heinz Lange besucht.

Aus dem Special in De:Bug 137: EINHEITSTECHNO