War Techno der Sound der Wiedervereinung? Oder ereignete sich der Techno-Boom nur zufällig kurz nach dem Fall der Mauer? Es diskutieren Mark Reeder (Brite), Ronald Lippok (Ostdeutscher), Dimitri Hegemann (Westdeutscher) und Frank Blümel aka DJ Valis (Ostdeutscher).
Text: Felix Denk / Anton Waldt aus De:Bug 137

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Aus dem Special in De:Bug 137: EINHEITSTECHNO

Debug: Ihr habt die Zeit vor dem Mauerfall alle noch recht ausführlich mitbekommen, wie war die jeweilige Wahrnehmung der anderen Seite?

Mark Reeder:
Ostberlin war eine Parallelwelt, eine Zeitreise. Der Unterschied war gravierend. Nicht nur, dass alles kaputt war: Alles war so altmodisch – wie in die 50er Jahren. Und ich war oft drüben. Als ich in Berlin ankam, habe ich Deutsche gefragt, wie man nach Ostberlin kommt und alle haben geanwortet, das sei unmöglich. Irgendwann bin ich einfach mal zum Checkpoint Charlie gegangen und dort hieß es, dass ein Pass genügt.

Debug: Was gab es im Ostberlin der 80er Jahre an elektronischer Musik?

Ronald Lippok:
Es gab Partys, aber alles sehr heimlich. Vor ein paar Jahren gab es diese Ausstellung namens “Shrinking Cities”, wo anhand von Manchester und Detroit gezeigt wurde, wie verlorene Orte wiederbelebt werden, also genau die Plätze, wo die Warehouse-Partys stattfanden.

Das hat mich total an die Ostberliner Szenerie der 80er erinnert. Ich hatte damals mit meinem Bruder Robert die Band Ornament und Verbrechen und wir haben auch Acid-Partys gemacht. Beispielsweise in der Kunsthochschule Weißensee, wo auch Paul Landers dabei war, der jetzt bei Rammstein spielt. Die Sounds kamen aus einen C64.

Reeder: Aus dem Intershop?

Lippok: Nein. Von Westverwandten. Unsere Oma hat den rübergebracht, Rentner durften ja reisen.

Frank Blümel: Ich war glühender Fan von Ornament und Verbrechen und bin zu jedem Konzert gefahren. Die waren eine der ganz wenigen, die elektronisch gespielt haben, aber jede Show war anders. Mal düsterer Wave, mal Pop oder eben Acid House. Musik, die ich sonst nur aus dem Westradio kannte. Die hatten Geräte wie Depeche Mode!

Lippok: Es gab ein paar Kontakte zwischen den Szenen in Ost- und Westberlin. 1988 war zum Beispiel Westbam auf Suche nach einem Eastbam, und bei der Gelegenheit hat er bei Bo Kondren in der Metzer Straße ein paar Acid-Scheiben da gelassen. Aber er war einer der wenigen, die rübergekommen sind und sich – wie Mark – interessiert haben, ob und was man da machen kann.

Reeder: Es gab wirklich mal einen Eastbam, der aus Estland kam und nur mit Tapes aufgelegt hat.

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Mark Reeder

Debug: Das klingt so, als ob zwischen West- und Ostberlin nicht nur eine Ungleichheit bezüglich der Bewegungsfreiheit gab, sondern auch ungleiches Interesse aneinander? Die im Westen hätten kommen können, interessierten sich aber nicht. Die im Osten haben sich für alles interessiert, konnten aber nicht rüber?

Reeder: Ich kannte jedenfalls wenig Berliner, die den Ostteil besuchten. Manchmal hab ich welche mitgenommen. Eigentlich komisch, dass es da so wenig Austausch gab.

Dimitri Hegemann:
In den frühen 80er Jahren hatte ich Kontakte zur Punk-Szene Prenzlauer Berg, da war ich drüben. Aber 1983 durfte ich plötzlich nicht mehr einreisen. Später habe ich dann erfahren, dass unter meinen Bekannten wohl ein IM war.

Debug: Wurde es im Osten als ignorant empfunden, dass ihr euch so für Westmusik interessiert habt und scheinbar oder tatsächlich so wenig Aufmerksamkeit zurückkam?

Lippok: Nein. In den 80ern ging ja auch der Exodus los. Viele haben die DDR verlassen und den Dagebliebenen berichtet, was im Westen passierte. So habe ich schon vor 1989 gewusst, was im UFO passierte. Wir haben aber schon vorher mit Leuten aus dem Westen gearbeitet, aus dem Kreuzberger Noise-Umfeld. Bands wie Knochen-Girl, da gab es keine Ressentiments. Und nach dem Mauerfall ist es rasant weitergegangen. Am zweiten Tag nach dem Mauerfall haben wir einen Proberaum in Kreuzberg am Erkelenzdamm bezogen.

Blümel: Ein Freund von mir hat in der S-Bahn jemanden aus dem Westen kennen gelernt und der hat ihm eine Platte geschenkt – von Fad Gadget. Ich bin in Ohmacht gefallen! Mit dem Typen habe ich mich bis zur Wende drei Jahre lang jeden Monat getroffen, er hat mir Tapes mit elektronischer Musik mitgebracht, die Spex und das damals wichtigste Fanzine “New Life” aus der Schweiz. Ich war also super informiert.

Debug: Als sich nach dem Mauerfall die Techno-Szene rasant entwickelte, war das ein Gemeinschaftsprojekt von Ost- und West-Ravern?

Reeder: Die Szene im Osten verhielt sich ja wie der Widerstand im Zweiten Weltkrieg: kleine Gruppen und jeder hatte Angst aus seiner Gruppe auszubrechen wegen der Stasi. Das war auch immer mit Angst verbunden, wenn sich mehr als fünf Leute in einer Wohnung trafen. Da konnte nichts zusammenwachsen. Das ist der Grund, warum Techno der Sound war, der mit dieser Revolution so groß wurde.

Die Leute waren plötzlich frei, man konnte die Platten kaufen, die man wollte. Tanzen, wie man wollte. Und die Musik brach mit allen Regeln des Rock’n’Roll, sie hatte keine Texte, sondern war pure Energie.

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Frank Blümel


Blümel:
Das habe ich auch so empfunden. In der DDR hatte ich einen DJ-Schein mit amtlicher Urkunde gemacht. Da gab es alle möglichen Regeln, etwa dass 60 Prozent der Musik aus dem Osten kommen musste. Und, ganz wichtig, es musste moderiert werden. Als ich am 16. November 1989 mit einer Woche Verspätung rüber durfte, denn ich war gerade beim Militär, bin ich auf einer Clubtour morgens um halb sechs im Ufo gelandet.

Es sah aus wie im Raumschiff: Strobo, Licht, alle tanzen, schreien, lachen. Und keiner moderiert! Aber ich war auch vor der Wende glücklich, weil es so super Bands gab wie Ornament und Verbrechen. Ich war stolz darauf, dass die so Sound machen wie im Westen. Toll, dass es auch in der DDR was Cooles gab. Die Kassetten waren dann auch superbegehrt.

Debug: War Acid/House/Techno dann eine Freiheitserfahrung?

Blümel: Total. Und das hat sich dann ja immer stärker weiterentwickelt. Die Musik hat viel von dem verkörpert, was ich mit Freiheit assoziieren würde.

Lippok: Da gab es keine Hierarchie, es gab keine Bühne, die Leute sind einfach voll in der Party aufgegangen.

Blümel: Und das hat nicht nur mit den Drogen zu tun, sondern viel mit loslassen, sich gehen lassen, ein bisschen wie fliegen.

Lippok:
Eine Zeit lang herrschte einfach Anarchie. Die Bullen wussten nicht, was sie tun sollen. Die waren so verzweifelt, dass sie irgendwann sagten: “Kinder, macht doch wat ihr wollt.”

Hegemann: Der Mauerfall hat eine unglaubliche Energie freigesetzt, die noch ein paar Jahre zu spüren war. Dazu war auch wieder Raum da, wo man feiern konnte und von der Polizei in Ruhe gelassen wurde.

Debug: Die Menschen im Osten haben das Regime gestürzt und sich so Freiheiten erkämpft – Die aus dem Westen dadurch dann mehr Platz zum Feiern?

Hegemann:
In Westberlin gab es Ende der 80er Jahre keinen freien Quadratmeter mehr.

Reeder:
Und immer Ärger mit den Nachbarn. Plötzlich konnte man in dieser gesperrten Zone feiern, in die man vorher ohne Passkontrolle nicht konnte oder durfte.

Debug: War Techno einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Oder hat sich durch die Wiedervereinigung der Stadt auch der Sound verändert?

Hegemann: Das war wohl Zufall, aber der Vibe trieb die Leute zu Höchstleistungen.

Reeder: Wie sich Techno entwickelt hat, hat sehr viel mit dem Osten zu tun. Vor dem Fall der Mauer war Techno keine Massenbewegung. Es gab in verschiedenen Städten kleine Szenen, nur eine Hand voll Leute. Es war neu und hätte sich im Laufe von Jahren entwickeln können, aber durch den Kick nach dem Mauerfall wurde es schlagartig zu einer großen Bewegung.

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Dimitri Hegemann


Hegemann:
Es kam unheimlich viel internationale Presse nach Berlin und Techno wurde als Nebenprogramm zur Weltgeschichte in der Berichterstattung mitgenommen. In der New York Times wurde beispielsweise berichtet, dass der Tresor früher ein Folterkeller der Stasi war und davor der Führerbunker. Da wurde alles verwischt, so à la Bürgerkinder feiern Weltuntergang.

Lippok: Bürgerkinder feiern Weltuntergang klingt gut! Für Ost- und Westberlin war es auch ungleich leichter zusammenzukommen als für Frankfurt/Oder und Frankfurt/Main. Da kamen die Sachen schnell zusammen, der chemische Prozess war sehr viel schneller als das Zusammenwachsen zweier träger Staatsgebilde.

Reeder:
Vor der Wende war die Musik dominiert von Amerika und England. Auf Platten warben Aufkleber mit dem Hinweis “Tophit USA” oder “Nummer Eins in England”. Das war plötzlich nicht mehr wichtig. Jetzt passierte die Musik hier und das wurde auch international wahrgenommen.

Debug: Woher kam eigentlich die verstrahlte Idee, ein Label kurz nach dem Verschwinden der Stasi MFS zu nennen?

Reeder:
In der DDR gab es all diese Abkürzungen und ich fand es lustig, wenn Kids mit MFS-T-Shirts rumlaufen, während die Eltern ihre Stasi-Akten studieren. MFS entstand aus der Kooperation mit der DDR-Plattenfirma Amiga. Ich habe 1989 mit einer Band namens “Die Vision” in Ostberlin eine Platte aufgenommen. Aus der Zusammenarbeit mit den Beamten, die ich dabei kennen lernte, entwickelte sich MFS.

Amiga wollte, dass ich Musik für junge Leute veröffentliche. Es gab in der DDR ja nur eine 12″ und das war die Sowjetische Nationalhymne. Im Dezember 1990 habe ich dann das Label “Masterminded for Success” gegründet, kurz MFS. Auf dem ersten Poster stand: “MFS – Wir sind zurück”. Die von Amiga sind in Ohmacht gefallen! Die erste Pressekonferenz fand im Reichstagpräsidentenpalais hinter dem Reichstag statt, da saß Amiga. Im Abhörraum 101 haben wir die erste Konferenz gemacht. Ich habe das wie in der DDR gestaltet, FDJ-Mädels haben die Platten verteilt, alle anderen hatten NVA-Uniformen an, Einladungen waren Einreisekarten, die am Eingang eingesammelt und gestempelt wurden.

Debug: Fandet ihr so was im Osten auch lustig?

Blümel:
Aber ja.

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Roland Lippok


Lippok:
Auf jeden Fall. Das ist ja so wie mit den Armee-Klamotten der NVA, die durfte man in der DDR auch nicht tragen, jedenfalls nicht außerhalb der Kaserne. Als man sie dann doch getragen hat, war es eine Umdeutung wie im Punkrock, Zeichen neu besetzen. Das war im Techno wichtig. Musik, die funky ist, und aus Maschinen kommt.

Debug:
In den frühen 90ern entstand die Clubszene in Mitte, 1991 hat auch der Tresor aufgemacht. Es fällt auf, dass die meisten Clubs von Westlern betrieben wurden. Auch auf MFS dominierten Künstler aus dem Westen. Wenn Techno die erste deutsch-deutsche Jugendkultur gewesen sein soll, war diese am Anfang wohl ziemlich West-lastig. Oder war Ostberlin einfach ein Spielplatz für gelangweilte Spinner aus dem Westen?

Reeder: In etwa war das so. Aber ohne böse Absichten. Nach 40 Jahren DDR waren die Leute geprägt von einer “Du darfst das nicht”-Mentalität. Plötzlich alles zu dürfen, war ungewohnt. Außerdem hatte kaum jemand Equipment.

Blümel:
Wir waren damit beschäftigt, uns selbst zu finden. Die Mauer ist gefallen. Ich wollte reisen, ein Auto kaufen, wohnen, wo ich will. Ich musste entscheiden, wo ich wohnen will, wovon ich leben soll, ob ich studiere. Und dann kommt da noch so eine Jugendkultur dazu!

Reeder: Ursprünglich wollte ich mein Label für junge, kreative Ostdeutsche machen – aber finde mal einen! Die meisten kamen aus der Rockecke.

Lippok: Es lag auch daran, dass die Leute im Osten sich daran gewöhnt hatten, für einen kleinen Sympathisantenkreis in Nischen zu arbeiten. Da gab es eine Scheu gegenüber Massenveranstaltungen, größeren Zusammenhängen oder Organisationen. Die Leute waren an esoterische Szenen gewöhnt. Also esoterisch in dem Sinne, wie wir Kassetten produziert haben. Diese Kassetten-Label waren generell total klein, da ging es um Auflagen von 30 Stück, die wir verschenkt haben – und die ihr (an Blümel gewandt) dann weiterverkauft habt, was ich sehr süß finde.

Blümel: Kopiert! Und dann verkauft.

Lippok: Jedenfalls fehlte den Leuten etwas, um offensiv Partys zu veranstalten, einfach zu sagen, das ist ein geiler Ort, den besetzen wir jetzt und deuten ihn um und machen hier unser Ding. Daher wundert es mich nicht, wenn aus dem Osten zunächst wenige Impulse kamen.

Blümel: Aber die gab es. Johnnie Stieler hat beim Tresor mitgemacht. Ich habe mit Freunden aus dem Westen ein Fanzine gemacht, Ronald hat seine Band umbenannt und sich neue Leute dazu geholt, Westler, Ostler, wen auch immer. Man hat nicht nur still dagesessen, man hat schon Sachen ausprobiert.

Hegemann:
Es war ein Experiment. Wir wussten zu der Zeit auch nicht, wie das mit der elektronischen Musik weitergeht. Es waren erstmal auch ganz kleine Zellen und kein Massenspektakel. Damit hatten natürlich die Westveranstalter einfach mehr Erfahrung.

Lippok: Wir kannten eher die Schattenwirtschaft.

Hegemann: Als wir dann ´91 den Tresor aufgemacht haben, gingen in dem Gebäude unglaubliche Sachen ab. Der Club lag ja im Mauerstreifen, wo der Zugang für normale DDR-Bürger nicht möglich war. Im Tresor-Gebäude gab es ein Lager der Firma Intourist, die Reisen in den Ostblock veranstaltet hatte. Dieses Lager durften wir nicht betreten, da fanden sonderbare Deals statt. Russische Militärfahrzeuge kamen, Mercedes-Limousinen mit Frankfurter Kennzeichen – ich weiß nicht, was da alles geschmuggelt wurde. In der Zeit war sehr viel möglich, es ging alles drunter und drüber.

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Debug: Wir müssen da nochmal drauf rumreiten: Wenn die meisten Veranstalter, Label-Macher und erfolgreichen DJs aus dem Westen kamen, ist das Klischee von Techno als Sound der Wiedervereinigung nicht total unhaltbar?

Lippok:
In unseren Kreisen war Wiedervereinigung kein Thema. Ich fand auch dieses “Wir sind ein Volk” beängstigend. Die Band Mutter hat es so ausgedrückt: “Du bist nicht mein Bruder, du bist nicht meine Schwester.” Bei uns ging es überhaupt nicht um die Idee eines vereinten Deutschlands.

“Techno als Sound der Wiedervereinigung” klingt ja so, als wäre es mit einer politischen Idee verbunden, als ginge es um den Soundtrack eines wiedervereinigten Deutschlands. Darum ging es den Leuten damals aber gar nicht. Klar, sich zu treffen, zusammen Sachen machen, Clubs eröffnen, zusammen musizieren, zusammen eine gute Zeit haben, das ist eine andere Sache. Techno als Sound der Wiedervereinigung hat einen schwierigen politischen Beigeschmack. Das war nicht auf der Agenda.

Hegemann: Es hat die Bewegungen begleitet, als die Kids aus Ost- und Westberlin sich trafen. Aber es hatte auch eine neue Intensität, die ich davor nicht erlebt hatte.

Lippok: In der letzten, sehr freien DDR-Zeit dachte man, es gibt noch mal was ganz anderes, eine Hakim-Bey-mässige, temporär-autonome Zone. Und dass man es vielleicht noch eine Weile hinkriegt, die Sachen in der Schwebe zu halten, in der so viel möglich scheint, wo die Polizei so schwach ist, wo die staatlichen Mächte so ausgeschaltet sind – wie kriegt man das noch eine Weile hin? Wir wollten ja nicht für ein gemeinsames Deutschland eintreten, wir wollten zusammen tanzen und Musik machen.

Hegemann: Man trat ja auch in kleinen Gruppen auf …

Lippok: Ja, die Revolution war ja schon passiert, da konntet ihr euch organisieren und euer Ding durchzuziehen, ohne die Vorschriften, Bauordnung und so weiter. Insofern ist Techno für mich nicht zwangsläufig der Sound der Wiedervereinigung.

Blümel:
Aber hat Techno die nicht so schön hinbekommen, wie es immer gewünscht wurde? Vernünftig zusammengewachsen, nicht verordnet. Wir haben einfach zu den Leuten gefunden. Mir war egal, ob ich Teil eines Staates war, ich wollte Leute kennen lernen, weil sie interessant waren! Es ist auf eine wunderbar harmonische Art zusammengewachsen. Die Leute waren peacig, also nicht peacig im Hippie-Sinn …

Reeder:
Ein bisschen vielleicht doch! Das Gespenst vom atomaren Untergang war doch auch plötzlich verschwunden.

Blümel: Es ging darum sich auszuleben. Gerade in Techno und House gab es ganz schnell kein Osten und Westen mehr.

Lippok: Wie bei Aldous Huxley, wo das synthetische Orchester die Vereinigungshymne spielt: “Melt in the music of the drums, for I am you and you are I.” Es herrschte das Gefühl, die Grenzen runterzufahren, sich Erlebnissen auszuliefern, wo viele Faktoren plötzlich keine Rolle mehr spielen. Das kann man Hippie-mäßig finden, aber es hat funktioniert. Techno war viel unhierarchischer, im UFO und im Planet gab es ja keine Ikonen. Davon hat mir schon mein Bruder erzählt, der in den Westen gegangen war. Man sieht keinen DJ, da ist nur Musik, es ist laut und neblig, du wirfst dich rein und flippst aus. That´s it.

Blümel:
Mir hat diese Clubwelt zum Beispiel sehr geholfen im Westen klarzukommen. Ich habe im Osten gewohnt und bald im Westen gearbeitet, nachts beim Ausgehen war alles gleich. Aber es ging nie um die Frage, ob man Bestandteil eines neuen Staats werden muss. Es war eher politikfrei. Denn die Politik hatte mich gerade 20 Jahre behindert, das wollte ich erstmal ablegen. Luft holen.

Lippok: Das war keine apolitische Haltung, sondern eine anti-politische. Weil du in der DDR ständig gezwungen warst, dich zum Staat zu bekennen. Dann hat man irgendwann gedacht: Leck mich am Arsch! Ein Label MFS zu nennen, finde ich deshalb auch gut, das hat den Verein bestimmt genervt.

Blümel:
Nachdem du alles mitgemacht hast, Jungpionier, FDJ, GST, NVA. Ich war ja sogar bei der Armee!

Reeder: Wenn du älter gewesen wärst, wärst du auch noch zu anderen Organen gekommen.

Blümel: Man hat sich eben eingereiht. Klar kann man jetzt drüber diskutieren, ob man auch ausbrechen hätte können. Aber mach das mal, wenn du in der Kleinstadt aufwächst. Dann kam plötzlich auf einmal alles – Tanzen, Nebel, laute Musik.

Reeder:
Und die Gesetzlosigkeit! Niemand konnte dir etwas verbieten. Die alten Gesetze galten nicht mehr und bis sie die neuen erschaffen hatten, gab es ein riesiges Loch – Let´s do it! Meine erste MFS-Party habe ich oben im Fernsehturm gemacht, 1991.

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Debug: Wer hat gespielt?

Reeder: Niemand! Wir haben die Party organisiert, alles war phantastisch, bis es am Abend hieß: “Was machen sie denn da mit dieser Musikanlage? Wir haben hier doch schon eine wunderbare Anlage.” Am Ende durften wir eine Kassette über die Cafe-Boxen laufen lassen und als die Kassette am Ende war, hat eine Kellnerin einfach zum Radio umgeschaltet. Die waren überhaupt nicht einverstanden mit diesem Label MFS und was das für Leute waren, die überall tanzten.

Debug: Heute ist Techno in den neuen Bundesländern immer noch eine große Nummer im Gegensatz zu Hessen oder Nordrheinwestfalen. Warum?

Lippok: Stumpf ist trumpf?!

Blümel:
Würde ich nicht sagen. Techno war der Begleitsound der Wiedervereinigung, meinetwegen auch der Entstehung eines neuen Lands. Die Leute, die das im Gegensatz zu den westlichen Bundesländern immer noch mögen, haben es für sich vereinnahmt.

Die Ossis denken vielleicht, dass ihnen der Sound ein bisschen mehr gehört als den Wessis. Im Osten, also Leipzig, Dresden, etc, gab es ja auch ganz schnell an vielen Orten starke Szenen. Es war vielleicht eher so ein – auch wenn ich den Begiff nicht mag – ostiger Sound.

Debug: Techno fiel im Osten offensichtlich auf einen großen Resonanzboden. Inzwischen gibt es auch sehr viele erfolgreiche DJs aus Brandenburg, angefangen vom Cluster bei BPitch bis hin zu Berghain-Residents wie Shed oder Marcel Dettmann.

Lippok: … da ist auch der Türsteher aus dem Osten!

Blümel: Das ist doch eine super Umkehrung. Früher kamen die Macher eher aus dem Westen, jetzt kommen ganz viele Akteure aus dem Osten.

Hegemann: Die Brandenburger haben trotzdem ein sonderbares Image, sie gelten als gefährlich. Etwa wenn die Ostfunk-Parties sind, ist da im Vorfeld so eine komische Stimmung, da wollen viele Berliner nicht hin. Ich kann das nicht verstehen, die Partys sind nämlich richtig gut.

Blümel: Als das mit den Clubs losging, E-Werk, Tresor, Planet, gab es eine supertolle Mischung aus Schwulen, Brandenburgern … Aber keine VIPs, keine Backstage-Räume, keine Superstar-DJs, der kilometerweit hinter einem Absperrband standen. Eben keine Wichtigtuer. Es war unfertig. Als es anfing professioneller zu werden und man damit Geld verdienen konnte, die Szenen sich aufsplitteten, die Musik sich ausdifferenzierte, da ist etwas passiert, was in der Szene eigentlich nie gewollt war.

Auf einmal haben die Brandenburger für sich gefeiert, die Schwulen sind wieder in eigene Clubs gerannt und wir normale Clubber haben angefangen zu denken: Der DJ ist jetzt auch nicht mehr so gut, zu dem gehe ich nicht. Das hat am Anfang nie interessiert. Wenn der Laden geil war, war mir doch egal, wer da auflegt, oder ob der Brandenburger neben mir eine Haarantenne auf dem Kopf hat. Diese Ausgrenzung war wie früher im Osten. Mir tun die Brandenburger nicht weh, mögen sie auch nicht die coolen Klamotten anhaben. Letztendlich können die gut feiern.

Reeder: Früher war egal, wo du herkamst, wir haben uns alle geliebt. Aber vielleicht lag das auch an den Drogen.

Aus dem Special in De:Bug 137: EINHEITSTECHNO

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