Während DJs in der DDR nur nach spezieller Prüfung hinter die Tape-Decks durften, hatten in den westlichen Besatzungszonen die stationierten Soldaten den größten Einfluss auf Popmusik in der BRD. Eike Kühl erinnert er sich an die G.I.s und ihre Musik.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 137

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Aus dem Special in De:Bug 137: EINHEITSTECHNO

Im März 1945, zwei Monate vor der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, marschierten die amerikanischen Streitkräfte in Hessen ein. Auch nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 blieben sie mit zahlreichen Stützpunkten im Land, erst nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurden die US-Truppen weitgehend abgezogen. Im Rhein-Main-Gebiet mit Städten wie Frankfurt, Hanau und Wiesbaden waren die Amerikaner besonders präsent, dabei prägten sie die Region auch kulturell und insbesondere musikalisch.

Klaus Walter, Autor, Radiomacher und DJ aus Frankfurt, hat diese Entwicklung in großen Teilen hautnah miterlebt. 1955 geboren zunächst als Jugendlicher vor dem Radio, in dem über Sender wie dem American Forces Network (AFN) zum ersten Mal der “american way of life”, der auch das Stadtbild Frankfurts zunehmend prägte, musikalische Realität wurde. Zu Beginn der 80er Jahre erlebte er als Taxifahrer aus erster Hand, wie sich das Nachtleben veränderte und wie der Funk der 70er Jahre langsam von frühen House- und HipHop-Produktionen abgelöst wurde, die nun begannen den Sound der Clubs zu dominieren.

1984 wechselte Klaus Walter schließlich auf die Seite der Macher und setzte mit seiner Radiosendung “Der Ball ist rund” für den Hessischen Rundfunk bis zur Einstellung im Jahr 2008 Maßstäbe in Sachen Radioformat. Inzwischen ist er Redakteur und Moderator beim Internetsender byteFM. Gemeinsam mit uns blickt er zurück auf eine Zeit, deren Ende mit der Wiedervereinigung einherging.

Debug: Deine Biographie ist fast untrennbar mit dem Radio verbunden. Aber wie wichtig war Radio als kulturelles Medium in deiner Jugend?

Klaus Walter: Das war die Zeit vor Privat- und Musikfernsehen. Radio hatte noch eine viel größere Definitionsmacht über Pop und über das, was die Leute hören. Es war vor allem für die Menschen auf dem Land, die keinen Zugang zu Diskotheken und Plattenläden hatten, die wohl wichtigste Informationsquelle in Sachen Musik. Ich habe das später auch bei meiner eigenen Sendung erlebt, dass gerade die Hörer vom Land oft die größten Fans waren. Viele Biographien aus dieser Zeit fangen dementsprechend auch an mit “Hätte ich damals nicht diese oder jene Sendung gehört …”. Bei mir war das genauso.

Debug: Wie groß war der Einfluss der so genannten Besatzungssender auf die Musikszene in Westdeutschland?

Walter: Die Hegemonie der anglo-amerikanischen Sender war natürlich im Radio zu spüren. Ich bin groß geworden zu einer Zeit, in der es noch keine wirklichen deutschen Popwellen gab. AFN dagegen hatte damals schon ein Top-40-Format. Das hieß nichts anderes, als dass es eine Rotation von rund 40 Liedern gab, die den ganzen Tag gespielt wurden. Dementsprechend haben sich diese Songs auch in das Gedächtnis eingebrannt.

Man muss natürlich sagen, dass die kommerziell erfolgreiche Popmusik in den USA Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre auch extrem spannend war. Es gab diese Dichotomie: Auf der einen Seite Soul, vor allem Motown und Stax, was für uns weiße pubertierende Gymnasiasten die Verkörperung des Spießertums war.

Auf der anderen Seite das, was damals als “progressiv” galt, also Steppenwolf, The Doors, Chicago und ähnliches. Das war “unser” Sound, das hat uns angesprochen. Erst Jahre später, mit einer gewissen Geschlechtsreife, habe ich kapiert, wie toll Motown und Stax sind und wie weniger toll Steppenwolf.

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Bil: Klaus Walter

Debug: In der DDR waren Radio und Fernsehen oft der einzige Kontakt zum Westen. Wie sah es denn auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs aus?

Walter:
In der DDR war die Sache natürlich noch politisch aufgeladen: Da hat man ja im Radio den Sender des “Feindes” gehört. Im Westen war das nicht ganz so schlimm, aber man war trotzdem in der Position, dass Amerika für seinen Pop geliebt wurde, obwohl man es politisch ablehnen musste. Es war immerhin die Zeit des Vietnam-Kriegs. Aber es kam nun mal die beste Musik von dort. In den 70ern wurden dann auch die ersten deutschen Popwellen gegründet, die auf amerikanischem Vorbild basierten und dann auch die anglo-amerikanische Musik spielten, weil man es einfach nicht mehr ignorieren konnte.

Debug: Du hast mal die These aufgestellt, dass es in (West)Deutschland eine Art “Poplandkarte” gibt, die aus den jeweiligen Besatzungszonen heraus entstanden ist.

Walter: Die Grenzen lassen sich grob nach dem Sendegebiet der Besatzungssender ziehen. Punk kam zum Beispiel in Frankfurt und Hessen eigentlich nie an. Das war dagegen im Bereich von BFBS, gerade in Gegenden wie Ostwestfalen und natürlich Hamburg viel ausgeprägter. Auch die britische Mod-Kultur gab es in Frankfurt als Phänomen nur am Rande, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die entsprechende Musik, die damit einherging, nicht im Radio lief. Im Gebiet von AFN waren neben dem erwähnten Rock vor allem Soul und später Funk und auch HipHop deutlich ausgeprägter.

Debug: Trotzdem gilt Frankfurt als eine der Geburtsstätten von Dance-Musik und auch Techno in Deutschland. Lässt sich das denn vereinbaren?

Walter: Ich denke schon, dass es da gewisse Verbindungen gibt. Zunächst kam die hedonistische Soulmusik, dann Funk und daraus haben sich dann langsam Hip Hop und auch House entwickelt. In den 80er Jahren, vor der großen Entmischung, gab es diese Trennung nicht, man hatte noch nicht so klare Begriffe von HipHop oder House. Funk hatte damals auch schon vermehrt mit Elektro-Elementen gespielt. Afrika Bambaataa hat Düsseldorfer Elektronik in die Bronx transportiert und mit HipHop vermischt.

In den Clubs war das ähnlich, da lief “The Message” von Grandmaster Flash neben Moskwa TVs “Generator 7”. Diese Vermischung der unterschiedlichen Stile kam erst später, aber ich denke, dass gerade dieser sehr hedonistische Feierstil durchaus auch mit den amerikanischen Einflüssen zusammenhängt.

Debug: Gerade in Frankfurt und Hanau gab es eine Vielzahl an amerikanischen Clubs. Welche Musik lief dort?

Walter: Die typischen G.I.-Clubs waren primär Orte, wo weiße Frauen und schwarze Männer sich näher kamen. Aber auch die Musik war extrem spannend. Ich bin von 1979 bis ´86 Taxi gefahren und habe dabei so einiges mitbekommen, gerade wenn am Wochenende die Soldaten aus den Kasernen im Umkreis kamen. Ich habe zwar nur davor gestanden, aber in den Clubs liefen Sachen wie “Atomic Dog” von George Clinton in einer irrsinnigen Lautstärke. Das hatte eine Energie, die faszinierend war und vieles schon vorweggenommen hat, was später in den Technoclubs wie dem Omen lief.

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Bil: Logo des American Forces Network

Debug: Das klingt allerdings so, als hätte es keine Vermischung zwischen den G.I.s und den einheimischen Clubgängern gegeben?

Walter: Nicht wirklich, nein, man kam ja als deutscher Mann gar nicht rein. Auf der anderen Seite hatten aber gerade auch schwarze G.I.s kaum Chancen in die einheimischen Diskotheken reinzukommen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass etwa das Cooky’s jemals eine Gruppe von zehn Soldaten reingelassen hat, da war die Angst vor Trouble – was passiert, wenn sich die G.I.s mit den Freunden der Frauen dort in die Haare bekommen? Oder mit den weißen Zuhältern?

Später gab es einen Laden in Frankfurt, das “Funkadelic”, in dem das Publikum etwas gemischter war, allerdings war auch hier die Atmosphäre immer etwas angespannt. Die Musik war aber natürlich klasse, hier liefen die Funk-Sachen genau wie später dann HipHop, den man in anderen Läden nicht zu hören bekam. Was allerdings häufiger vorkam, ist dass die Deutschen zum Einkaufen in die amerikanische PX gefahren sind, wo man mit einem bestimmten Ausweis amerikanische Waren kaufen konnte, darunter natürlich auch gute Platten.

Debug: Platten, die man in Deutschland sonst nicht bekommen hätte?

Walter: Viele DJs haben damals auch dort eingekauft, weil es natürlich die ganzen Import-Platten zu relativ günstigen Preisen gab. Dort gab es aber nicht nur Aktuelles, sondern vor allem auch viele obskure Sachen. In Frankfurt war die Plattenladensituation am Anfang der 80er Jahre ohnehin alles andere als gut, da war die PX natürlich eine gute Anlaufstelle und Alternative. Auch die Maxi-Single als Format wurde in den USA viel früher populär und hat sich hier erst nach und nach etabliert, vielleicht auch dank des amerikanischen Einflusses.

Debug: Gab es denn musikalische Produktionen, in denen die Einflüsse beider Seiten aufgegriffen wurden?

Walter: Es gab mal diesen merkwürdigen Bastard namens HipHouse, der inzwischen fast vergessen ist. Deskees “Let There Be House” war, glaube ich eine der ersten deutschen Produktionen, die diesen 4/4 Housebeat mit Rap verbunden hat, noch bevor Snap! dann ein paar Jahre später dieses Konzept verfeinert haben und auch radiotauglich machten. Das war vielleicht eine der ersten wirklichen Verbindungen von den amerikanischen Einflüssen in Form von HipHop und den frühen deutschen Dance-Produktionen.

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Debug:
Wie hat sich die Präsenz der Besatzungsmacht denn generell in der Stadt deutlich gemacht?

Walter:
Die physische Präsenz der Amerikaner war natürlich enorm prägend für das Stadtbild. Man muss sich ja vorstellen, dass viele tausend junge Männer in der Stadt gelebt haben, die in den meisten Fällen keine festen Bindungen hatten. Am Wochenende gab´s Geld und wenn der Dollar gut stand, dann sind sie damit durch die Stadt zogen. Das Bild des schwarzen G.I.s mit dem Ghettoblaster auf der Schulter ist kein Klischee, sondern war damals ebenso “real” wie die Tatsache, dass aus den Jeeps heraus Grandmaster Flash tönte. Nach der Wende ist dieses Bild dann nach und nach verschwunden.

Debug: Wie hat sich dieses Vakuum dann gefüllt?

Walter: Ich denke, dass ab den frühen und Mitt-90er Jahren gerade die Nachkommen der Arbeits-Immigranten in diese Bresche gesprungen sind, die die Amerikaner hinterlassen haben. Es ist kein Zufall, dass gerade diese soziale Gruppe auch die einzige ist, die man wirklich klar mit HipHop verbinden kann. Auch das Bild des jungen, sexuell freizügigen Mannes, der laut Musik auf der Straße hört und das man heute häufig mit der zweiten und dritten Generation der Immigranten verbindet, ist ja sehr amerikanisch geprägt.

Debug: Wenn du von HipHop sprichst, dann denke ich automatisch an Advanced Chemistry, die als einer der ersten deutschen Acts gelten und aus Heidelberg, also einer ebenfalls deutlich amerikanisch geprägten Stadt, kamen.

Walter: Stimmt, Advanced Chemistry haben sich natürlich stark am amerikanischen Vorbild orientiert, aber interessanterweise haben sie alle drei nichtdeutsche Vorfahren, haben Erfahrungen mit rassistischer Ausgrenzung und das mit den Mitteln des HipHop thematisiert. Ähnliche Entwicklungen gab es auch unter Migrantenkindern in Frankfurt. Das setzt sich bis heute fort.

Debug: HipHop hatte trotzdem oder genau deswegen lange einen schweren Stand.

Walter: Absolut. Ich habe selbst erlebt, wie das Aufkommen von HipHop zu einer Spaltung der Hörerschaft geführt hat, die ich natürlich auch ein wenig forciert habe. Bei meinen Hörern gab es das, was man heute vielleicht als Indie-Spießer bezeichnet, also die Leute, die ihren jammernden weißen Songwriter als authentisch bezeichnen und Jay-Z als kommerziellen Scheiß abstempeln. In den 80er Jahren hieß es natürlich nicht Radiohead gegen Jay-Z sondern eben The Smiths gegen De La Soul. Ich hab oft Leserbriefe bekommen, in denen ich aufgefordert wurde, diese fürchterliche Musik nicht mehr zu spielen.

Debug: Wie hat sich die Wiedervereinigung letztendlich auf die Musikkultur im Westen ausgewirkt? Wurde dadurch die Hegemonie der Amerikaner schwächer?

Walter: Eine der gravierendsten Folgen ist das allseits gewachsene deutsche Selbstbewusstsein; das vom ehemaligen Bundespräsidenten Herzog proklamierte “unverkrampfte” Umgehen mit deutscher Identität und Geschichte. Das hat zu einem ungeahnten Boom deutscher Popmusik geführt, zum Triumph der Rammsteins und Onkelz, der Silbermonds und Julis.

Das ist schon ein lustiges Paradox: So ziemlich das Einzige, was sich aus der DDR in die neue BRD gerettet hat, ist die Freude am deutschen Liedgut. Da fällt die Mauer und die ansonsten untergebutterten und des Englischen meist nicht mächtigen Ostdeutschen bringen den überheblichen Wessis bei, dass man doch stolz sein kann auf seine deutschen Lieder. Da wäre ein bisschen Verkrampftheit kein Fehler.

Insofern muss ich mich bei den Amerikanern bedanken: Ohne AFN hätte ich keinen Soul verstanden und wäre heute ein alter Rocktrottel, der Grönemeyer für den deutschen Dylan hält und Naidoo für den deutschen Michael Jackson. Dieser Weg ist mir erspart geblieben.

Aus dem Special in De:Bug 137: EINHEITSTECHNO

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