Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 26

Schuld ist die Industrie. Jedenfalls in meinem Fall. Zugegeben, in meiner Plattenkiste stehen auch 7″es von Throbbing Gristle. Allerdings sind die inzwischen so weit nach hinten gerutscht, dass ihre Staubschicht eigentlich alles sagt. Jeder, der in den 80ern musikalisch sozialisiert wurde (und ich meine nicht die spätere Initialzündung der persönlichen Nischenfindung, gepaart mit einer plötzlichen Vorliebe für sehr speziell duftende eigeschweisste Importmaxis) hat irgendwo noch einen Schuhkarton mit leicht angegrabbelten Singles, die man im Radio lieben gelernt hat. Pop, oder besser: Catchyness. Sieben, vielleicht acht Minuten – mehr liessen die Schnittmeister von damals selten zu, schliesslich musste es kicken, in Kinderzimmern genauso wie auf überdesignten Braun HiFi-Anlagen, die damals immer die reichen Verwandten hatten, in Musikboxen, in Kneipenhinterzimmern und Diskotheken. Acht Minuten Miniaturuniversum also, zum quasi-sozialistischen Einheitspreis von am Ende sechs Mark. Maxi-CDs können da heute nicht mithalten, die braucht kein Mensch. Ausserdem sind 7″es hipper denn je. Sie haben sich aufgemacht auf eine Reise heraus aus den Plattensupermärkten, raus aus den Charts des Mainstream, rein in den inzwischen hochgradig individualisierten Elektronik- und Indieuntergrund. Das kleinste handelsübliche Vinylformat ist die ideale Plattform für kleine Geschichten, krakelige Ideen, verschrobene Theorien, die aber so bunt und selbstbewusst sind, dass sie einem direkt aus der Rille ins Gesicht springen, einem beide Wangen küssen und dann auf dem linken Nasenflügel Platz nehmen. Hand auf’s Herz: Was will man mehr? Ein kleines, wenn’s geht buntes Stück Vinyl mit irrer Aerodynamik, freundlicher Verpackung und der standardisierten, langweiligen Lochcovern überdrüssige Plattenkäufer freut sich über eine intensive, obendrein preiswerte Portion Kurzweil. Doch das Business ist hart. Presswerke machen für 500 7″es schon lange keinen Sekt mehr auf und die Produktionskosten machen jeden Release zu einer finanziellen Zitterpartie. Würde man die Verantwortlichen von fünf 7″-Labels an einen Tisch setzen, das Gespräch würde für mindestens drei Wochen um nur wenige Fragen kreisen: Wo lasst ihr pressen? Tolle Hüllen! Woher? Jaja, das hat mir das Presswerk auch mal auf’s Auge drücken wollen, einfach ignorieren. Ich kenne da jemanden, der schneidet auch zehn Minuten pro Seite. Diese Menschen leiden für jede Sekunde Musik. Und dennoch: 1999 ist das Jahr der 7″es, von überall her spriessen kleine Unternehmen, um uns ihre Version von Catchyness um die Ohren zu reiben. Ein Überblick…

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Elektronische Lebensaspekte.