Identität scheint dieser Tage ohne ein zünftiges Medienbuhei nicht mehr vollständig. Gleichzeitig bläht sich der Kommunikations-Basar ungeniert auf, immer mehr Flächen erlauben bzw. verlangen nach "Personalisierung". Identität läuft dabei allerdings Gefahr, zum Image zu verkommen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 107

Image

Acht Milliarden Superstars
Ego-Optimierung

Die Ausweitung der medialen Zonen schreitet hurtig voran, was zweifellos jede Menge wirklich toller Möglichkeiten und Chancen mit sich bringt, allerdings auch einen ganzen Haufen neuer Zwänge sowie ein abstruses Maß an Zeitvergeudung. Wenn Kommunikation und Unterhaltung sich immer weiter verschränken, wenn auch der langweiligste Zuseher plötzlich Produzent sein soll und will, wenn man beim Tagebuchschreiben immer an die Leser und die Sponsoren denken muss: Dann kann man schon ziemlich wuschig werden im Kopf. Also, was passiert da wirklich? Zunächst findet die lange angekündigte Medienrevolution jetzt doch noch statt. Chaotische Sache, aber hinter den Nebelwänden des Web2.0-Hypes um Nutzer-generierte Inhalte werden auch langsam die Konturen einer neuen, genauso bunten wie knallharten Alltagskultur erkennbar: Kamera-Allgegenwart heißt eben auch Model-Allgegenwart. PR-Maßnahmen und Image-Regeln, die bislang nur für Firmen, Marken und Popbands Gültigkeit hatten, werden zum Imperativ für die Massen, immer neue Flächen müssen gestaltet werden, vom Klingelton über die einschlägigen “Profil”-Seiten bis hin zur Multimedia-Bewerbung für den Praktikumsplatz. Und parallel zur allgemein erworbenen Medienkompetenz steigen natürlich auch die Ansprüche an die Gestaltungs-Tiefe und -Qualität: Deine Fotos müssen originell sein, dein Musikgeschmack erlesen und der grafische Rahmen superstylisch – Von der gerade abgewickelten Ich-AG ist offensichtlich nur die Marketingabteilung übrig geblieben, aber die macht dafür jetzt richtig Alarm. So wird die Gestaltung eigener medialer Räume immer mehr zur Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe: Feature dich selbst wie die Hölle oder du bist raus.

Verbindlich war gestern
Die Grundparameter dieser Entwicklung, die heute nicht nur vor unseren Augen, sondern eben auch unter unserer fleißigen Mitwirkung abläuft, heißen Selbstdarstellung und Fragmentierung. Das sind zwar wahrhaftig keine brandneuen Phänomene, aber sie erfahren gerade ihre Erfüllung im Internet und erzeugen dabei drollige Resultate wie die Myspace-Friseuse, den Image-Flatrater und gepimpte Kinder. Das Netz gibt heute die Rolle des großen Integrators, der alle vertrauten Medien und Formate schluckt und verdaut, aber: Das viel beschworene große Gemetzel findet nicht statt, es werden Gefangene gemacht – Alleine weil sich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es vorteilhafter ist, ein Zuschauerpotential parasitär zu vereinnahmen, als es von der Platte zu fegen. Das TV ist daher auch alles andere als tot, es verliert allerdings seinen verbindlichen Charakter: Wenn man in den 70ern gesagt hat: “Es stimmt nicht alles, was im Fernsehen gesagt wird”, dann wurde damit die echte Überzeugung ausgedrückt, dass das meiste im Fernsehen wahr ist. Ebenfalls ein beliebter Schulhofspruch bis weit in die 80er: “Hast du gestern den Film gesehen?” Den Nimbus des verbindlichen, zentralen Mediums, auf das alle Augen gerichtet sind, konnte das Fernsehen erstaunlich lange für sich beanspruchen, auch die tiefste Kochtopf-Show konnte noch etwas Tagesschau-Amtlichkeit für sich beanspruchen. Allerdings nur so lange Fernsehen keine echte, neue Konkurrenz hatte, und seitdem sich das Netz zu einem ernsthaften Video-Distributionskanal gemausert hat, schwindet die TV-Aura rapide. Und ausgerechnet die Mutter aller Funkhäuser, die britische BBC, hat das Dilemma bisher am deutlichsten benannt: Die ehrwürdige Institution verkündete im Frühjahr das Ende des Rundfunks als dominierendes Medien-Prinzip. Eine neue Verbindlichkeit entsteht unterdessen aber weder im Netz noch an anderer Stelle, stattdessen greift die Fragmentierung von Zuschauern, Produzenten und Kanälen weiter um sich: Wenn das Prinzip Rundfunk ausgedient hat, gibt es eben per Definition auch kein Zentrum mehr.

Ich und meine Repräsentanten
Eine der Haupttriebfedern der Entwicklung sind die Räume, die allen mit Netzzugang für die Inszenierung ihres Egos zur Verfügung stehen, und dabei haben wir es auch noch mit einem sich selbst verstärkenden Prozess zu tun: Identität und Image blähen sich im Wechselspiel mit dem Medium Internet immer weiter auf. In Zeiten medialer Unschuld war schon der eigene Vorname eine wahnsinnig abstrakte Angelegenheit und Nachnamen etwas für Stände, die schon einmal eine Gabel gesehen hatten. Seitdem hat sich rund um die Identität eine Aura aus Dokumenten und Verweisen gebildet, die immer dichter und abstrakter wird. So ein Vorgang macht natürlich auch Angst, und wie traumatisch der individuelle Kontrollverlust angesichts der eigenen Informations-Wolke aus Papieren, Plastikkarten und Datenbankeinträgen ist, zeigen die zahllosen Filme nach dem Schema: Seriöser Schreibtischschnösel steht vor dem Nichts, weil er aus allen Verzeichnissen gelöscht wurde, aber dann entdeckt er das wahre Leben, weil die Prostituierte mit dem guten Herz ihn aufnimmt. Hundertmal gesehen, diesen Schmus. Im Großen und Ganzen ist der persönliche Datenraum allerdings erprobt und wird als integraler Bestandteil des Selbstkonzepts (Rollenidentität) betrachtet: Dieser wundervoll sperrige Begriff setzt sich bei den echten Soziologen aus dem körperbezogenen, dem emotionalen, dem leistungsbezogenen und dem sozialen Selbstkonzept zusammen und alle vier Bereiche werden – Binsenweisheit – schon seit Jahrzehnten auch durch die Medien beeinflusst. Dabei handelte es sich bislang allerdings vor allem um Projektionen medialer Rollen und Stars auf die eigene Identität, inzwischen drängt das Selbstkonzept sich direkt ins Medium. Die Formatierung und Präsentation der Images hält sich dabei natürlich an die erlernten Muster und Spielregeln, wodurch jeder zum Star wird und zwar nicht nur für lausige 15 Minuten.

Mach’s dir selbst
Wohin die Image-Explosion auf allen Kanälen nach den Regeln der Popkultur führt, ist noch längst keine ausgemachte Sache, weil derzeit einfach zu viele Parameter gleichzeitig verschoben werden. Schon jetzt steht allerdings fest, dass die angestoßene Entwicklung ob ihrer soliden Eigendynamik sich noch um etliche Level weiterschrauben wird und Medien und Identitäten neu definiert werden. Die zentralen Konflikte heißen dabei: Personalisierung vs. Relevanz und Identität vs. Image. Im ersten Punkt geht es letztendlich darum, die Lücke zu füllen, die durch das Ende der Rundfunk-Verbindlichkeit entstanden ist. Im schlimmsten Fall wird sie durch Boulevard- und Marketing-Brei aufgefüllt, eine klassische Lose-Lose-Situation. Im Idealfall bilden sich neue Spielregeln und Strukturen heraus, die Relevantes vom Informationsmüll unterscheiden. Und weil genau das eigentlich die Rolle der klassischen Medien ist, liegt hier auch ihre Chance, im weiteren Gang der Dinge nicht sang- und klanglos unterzugehen und zu bloßen Distributionskanälen zu verkommen. Identität muss sich unterdessen gegen das keck nach vorne drängelnde Image behaupten, denn die neuen Möglichkeiten der Selbstdarstellungen entwickeln natürlich eine Eigendynamik: Wenn man ohne Ego-Pimping auf allen Flächen und Kanälen gar nicht mehr wahrgenommen wird, entsteht ein Zwang zum Mitmachen, auch wenn man der Welt eigentlich gar nichts mitzuteilen hat. Dazu kommt die Gefahr einer epedemischen Ausbreitung des narzisstischen Popstar-Syndroms: Wenn man nicht gut aufpasst, steht man Ende mit einem ausgefeilten, coolen Image, aber ohne jede Idee des Selbst da.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.