Die Hamburger von Einmusik haben ihre Hausaufgaben in Sachen Ravemelodien für Millionen gemacht.Eine gute Breitseite Bombast-Techno, ein bisschen Kitsch und mindestens eine wedelnde Führhand überm Haupthaar: hanseatische Feierfreude mit Boygroup-Charme.
Text: sami khatib aus De:Bug 88

Modern Trance
Einmusik

2001 taten sich die Hamburger DJs Cranque und Unique mit dem Produzenten Nicol zusammen, um der gemeinsamen Feierfreude willen zukünftig Studio und Bühne zu teilen. Ihre musikalischen Einflüsse schreiben sich in ausführlichen Odysseen durch die Hamburger Clubszene der späteren 1990er Jahre ein: Techno im weitesten Sinne, Drum and Bass und Pop.
“Früher habe ich nur so Underground-Sachen gemacht. Heute habe ich aber kein Problem, wenn wir manchmal nach Pop klingen oder zu kommerziell wirken“, beendet Nicol gleich alte 90er Debatten.
Den Zusatz “Techno Boygroup“ hat sich das Trio bisher zwar noch nicht mit Tanzchoreographien live erarbeitet, eine latente, zuweilen manifeste Pop- und Massenraveaffinität ist den beiden Einmusik-DJs Cranque und Unique jedoch nicht fern.
“Eigentlich ist eine Boygroup im Techno ja ein Widerspruch“, räumt Cranque ein, “aber wie bei einer ‘echten’ Boygroup stehen wir drei für verschiedene Charaktere.“
In der Tat: Cranque und Nicol, die mit bürgerlichem Namen Bastian el Zohbi und Samuel Kindermann heißen, kommen vom Drum and Bass. Unique alias Pelle Buys ging dagegen durch die harte Schule des Gabba.
Nach unzähligen Gastspielen u.a. in den Nebelbänken des “Phonodrom“ und schweißnassen Abenden im “Golden Pudel“ haben Basti und Pelle im Hamburger “Click“, dem örtlichen Ravekaufhausclub, ihre feste Residence gefunden.

Derart Floor-erprobt, konnte mit der Gründung von Einmusik also niemand nur subtil verspulten Wohnzimmerhouse erwarten, sondern eher was für die Ravekajüte. Hamburger Nieselregen und Hafenmelancholie: Haben wir da was verpasst?
“Hamburg war in den 90ern auch Trancehochburg“, rekapitulieren die drei ihre Partysozialisation. Musikalisch ohne Berührungsängste vor Sounds und Flächenteppichen, von denen andere nicht mal homöopathische Dosen ertragen, funktioniert Einmusik irgendwo zwischen sattem Breitbandtechno und Trancehymne.
“Wir wollen eleganter raven“, heißt die Parole. Ob schwere Bässe oder vornehme Minimalpercussion, mit geschmäcklerischen Nebenwidersprüchen hält sich das Trio nicht lange auf: Hier geht es um Ravekultur, mit Stil.
“Entscheidend ist, wie die Leute abgehen“, klärt Basti auf. “Bei einem guten Rave wollen die Leute zwar alle richtig was auf die 12 haben, als DJ muss man aber ein Set zum Peak Level hin entwickeln, alles andere ist langweilig.“

Wo Einmusik zuweilen altkölsche Aufgeräumtheit suggerieren, geht es dann doch ganz schnell dahin, wo es anfänglich weh tut, später aber umso wonnetrunkener klingt. Die Liaison von darken Bässen, sweeten Glöckchen und wavigen Vocals auf einschlägigen Flächen führt zu den zitierten Traditionslinien von Einmusik:
“Wir lieben Trance, wir lieben warme Sounds und dieses Harmoniegefühl. Gegen seine Gefühle kann man nichts tun. Mit sowas bin ich aufgewachsen. Das ist eben unser Erbe, unser ‘Jittery Heritage’.“
In ihren musikalisch-humoresken Zwiegesprächen, die auf der EP “Kommunikation“ (WizKidz) fast ein wenig an den Schalk von Mitte Karaoke erinnern, bleibt der Trancebezug zwar immer ambivalent und ironisiert. Einen apriorischen Geschmacksfilter, der das Zitat als Zitat erst kenntlich macht, wollen sich Einmusik in ihrem künstlerischen Schaffen aber nicht auferlegen. Dass sie sich derart unbedarft an solch ein kontaminiertes, wahrhaft ‘nerviges’ Erbe wagen, wundert vielleicht auf den ersten Blick: Schließlich sind Einmusik schon mit ihrer ersten EP “Weekender“ zu den rheinischen Minimal-Ästheten von “Italic“ gegangen. Ob sich Italic mit “Einmusik“ bestimmten Einflüssen öffnen möchte, die als edler Speicherschranz bei Kompakt längst zu allen Ehren gekommen sind, darf spekuliert werden.
Ihre aktuelle Doppel EP, “Jittery Heritage“, weist jedenfalls den Weg dorthin.
Und ihr nächstes Ziel? Mayday?
“Ja“, frohlocken die drei Einmusiker lachend, “hoffentlich bald!“
Einstweilen aber rocken Basti und Pelle das “Click“ und frönen dabei nicht nur mollfarbenen Hymnen: Modern Trance eben.

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Elektronische Lebensaspekte.