Indie-HipHop: Kotzt sich aus
Text: Jan Kage aus De:Bug 110


Seit seinen Tagen als Teil der legendären HipHop-Formation Company Flow, reißt El-P regelmäßig sein Maul auf, wenn er die Schnauze mal wieder voll hat. Dann heißt es auskotzen. Alles muss raus. Sehr zur Freude der Indie-HipHop-Fraktion.

El-P hat HipHop soundästhetisch wie inhaltlich in den letzten zehn Jahren wesentlich mitgeprägt und ist dabei geschickt auf dem schmalen Grad zwischen Undergroundappeal und Mainstreamkompatibilität gewandelt. Mit seiner Gruppe Company Flow war El Producto Ende der 90er (damals 17-jährig) ein Zugpferd von Rawkus, dem Label, das mit Rappern wie Mos Def und den Compilations “Lyricist Lounge“ auftrumpfte. Aber El-P, der Revoluzzer, war wiederum der Erste, der das von Rupert Murdoch finanzierte Label verließ und sein eigenes namens Definitive Jux – kurz: Def Jux – aufbaute, um dort Künstler wie Mr.Lif, RJD2, Aesop Rock und Cannibal Ox rauszubringen. Während es Rawkus seit längerem nicht mehr gibt, hat sich Def Jux als feste Bastion im Underground etabliert. Und während in den USA mit Homeland Security Act und patriotischen Einschüchterungsgebärden durchregiert wurde, arbeitet der Existenzialist El-P an seinem neuen Solo-Album und lud sich dazu illustre und durchaus genrefremde Gäste wie Mars Volta, Trent Reznor und Yo La Tengo ein. Manche mögen nicht, was El-P zu sagen hat, und andere wiederum mögen nicht, wie er es sagt, aber dass er was zu sagen hat, kann niemand überhören.

Dein neues Album heißt “I’ll Sleep When You’re Dead“. Wer ist “du“?

El-P: Könnte ich sein, ich weiß nicht genau. Es gibt mehrere Bedeutungen. Zum einen war es das härteste, was mir eingefallen ist, das am abgefucktesten klang. Außerdem ist es eine Referenz an meine Stadt New York, die ja das Klischee der Stadt, die niemals schläft, ist. Ich habe mir einfach vorgestellt, was wäre, wenn die Stadt sprechen könnte. Vielleicht würde sie genau das sagen: “Ich werde schlafen, aber erst mal bring ich dich um.“

Gab es irgendein Motto für die Platte oder ein untergründiges Thema?

El-P: Ja, mehrere. Ich hatte einfach das Gefühl, dass niemand mehr etwas Menschliches sagt. Niemand sprach mehr für meine Stadt oder meine Generation und niemand veröffentlichte mehr Platten, die … Es gibt zwei Sorten von Platten: Platten, die komplett all die Aspekte ignorieren, die eine Person ausmachen, und dann gibt es Platten, die viel zu weit gehen mit irgendwelchem pseudo-geopolitischem Blödsinn, den man von einem Rapper nicht hören will. Es gab einfach nicht besonders viel, das sich genuin angefühlt hat, und ich hatte einfach die Schnauze davon voll. Und normalerweise mache ich eine Platte, wenn ich die Schnauze voll habe und wenn ich was zu sagen habe. Es ist eine Kampf-Platte. Es ist eine wütende Platte. Und wenn ich mich jetzt umgucke zu der ganzen Musik, die gerade rauskommt, bin ich erstaunt, dass sie nicht noch wütender ist. Das ist auch irgendwie die Idee des Albums: Wenn ich untergehe oder rausgenommen werde, dann mit ordentlich Krach. Es ist an der Zeit, dass die Leute auf die Töpfe kloppen und aus dem Fenster brüllen. Und wenn es kein anderer tut, mach ich es halt.

Ist das dein künstlerischer Antrieb: die Wut?

El-P: Nein, das ist nicht nur ein Antrieb, es ist eine Suche, eine Erforschung. Eine Suche nach Wahrheit, eine Untersuchung, wer ich selber aus meiner Perspektive bin und wie ich mit den Sachen umgehe, die um mich rum passieren. Wut ist da nur ein Aspekt des Ganzen. Meine Inspiration sind Hader (Struggle) und Hoffnung. Ich glaube, es ist an der Zeit, Platten zu machen, die wirklich reflexiv sind. Ich will einfach nicht die Zeit der Leute verschwenden, indem ich einfach bloß mich selber abfeier oder dadurch, dass ich irgendetwas zurückhalte. Es ist an der Zeit, dass die Leute ihre Schnappschüsse der Gegenwart machen und dass sie diese veröffentlichen. Und dass sie Musik machen, die egal was ist: wütend oder traurig – was auch immer es ist: Es muss lebendig sein, weil die Musik ‘nen Dreck bedeutet, wenn sie nicht irgendeine Form der Rebellion ist oder irgendeine Form von Menschlichkeit birgt. Das ist mein Antrieb: Etwas Ehrliches und Genuines und Eloquentes und Abgefucktes auf die beste Weise auszudrücken, in der ich es kann – denn das ist es, was wir alle sind.

Aber predigt man nicht immer den sowieso schon Bekehrten, wenn man sein Anliegen auf einer Platte explizit macht?

El-P: Was wäre denn die Alternative? Being a fake Motherfucker? Ich weiß es nicht. Predige ich den Bekehrten? Weiß nicht, weil ich kein Prediger bin! Ich bin ein verdammter Künstler! Das ist mein Job. Man erwartet von uns, dass wir aufgeschlossen sind und dass wir sensibel für Sachen sind, mit denen andere Leute sich nicht auseinander setzen wollen und über die sie nicht die ganze Zeit nachdenken wollen. Und unser einziger Job ist es, uns selbst und unsere Geister und Herzen durch diesen ganzen Prozess und die ganzen Gedanken und die ganzen Gefühle zu schicken, die jeder durchmacht, aber bei denen sich nicht jeder die Mühe gibt, sie in ein Stück Kunst zu übersetzen.
Ich weiß also nicht, was zum Teufel passieren wird oder wer zuhört oder was die Leute drüber denken: Aber wenn du meine Platte anhörst, wirst du nicht einfach weggehen und denken, du hättest gerade ein langes Nichts gehört. Du wirst mit dem Wissen weggehen, dass da Herz drinsteckt. Und das ist, glaube ich, meine Verantwortung. Wenn ich das nicht tue, dann bin ich wertlos und du könntest mich genauso gut an die Wand stellen und mir in den Hinterkopf schießen oder mir die Befähigung nehmen, Musik zu machen. Wir sind austauschbar! Und Künstler zu sein, ist ein Luxus.

Das ist doch Existentialismus – oder? Aber kann und muss Kunst die Welt retten? Wird die Welt besser, wenn jeder ein Künstler wird? Oder ist nicht – mit Beuys – jeder sowieso schon einer? Das letzte Wort hat noch mal El-P:

El-P: Ich habe jetzt seit Jahren Platten gemacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es genau das ist, was ich machen sollte – nicht unbedingt, was jeder tun sollte, aber ganz bestimmt, was ich tun sollte.

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Elektronische Lebensaspekte.