Abseits belangloser Raps zum Poposchütteln und lehrbuchmäßiger Kopf-MCs gibt es auch rumpeligere Wege, sich der Welt mitzuteilen. Der New Yorker MC El-P war einst Teil der Indietruppe Company Flow, ist nun Labelbesitzer von Def Jux und hat gerade seine erste eigene Platte gemacht. Die ist ungefähr so behaglich wie ein Albtraum in frischen Laken.
Text: clara völker aus De:Bug 60

Kanalisierte Konfusion

Man sollte nie meinen, alles könnte einfach so perfekt werden. Die Welt ist und bleibt ein wirrer Haufen bitterer Mist, manchmal zwar wundervoll oder amüsant, oft aber unerträglich krank. Wenn man die Situation so sieht, ist es naheliegend, sie für den Fortbestand des eigenen Wohlergehens irgendwie zu kanalisieren. Guten Tag, Rapmusik. In diesem Zusammenhang auch: Hallo, El-P. Und natürlich Händedruck, “Fantastic Damage”. So der Titel von El-Ps erster, komplett eigener LP. “Meine Musik ist definitiv politisch. Das Album ist eine Kombination persönlicherer und politischerer Songs.” Was es nicht wirklich leicht zugänglich macht, denn El-P teilt hier in mehrschichtiger und roher Weise seine Ansichten mit. “Mich selber auszudrücken, ist beim Musik machen wichtiger, als den Leuten etwas zu geben. Das ist auch der Grund, weshalb ich Risiken auf mich nehme und auch Sachen mache, die den Zuhörer ‘überschwemmen‘ könnten. Ich versuche, nichts zurückzuhalten und verforme nichts, damit es leichter oder schwieriger zum Zuhören wird. Ich folge einfach meinen Instinkten.” Man könnte vermuten, dass El-P vielen Dingen gegenüber eine ablehnende Haltung hat. Aber: “Ich bin nicht anti. Ich bin bewusst, ich bin aufmerksam. Ich würde meinen Style als ‘in touch‘ bezeichnen. Ich berühre die Konfusion und Nervosität. Leute wie ich und Leute meiner Generation, die nicht verstehen, wie genau wir in diese für uns von irgendwelchen Leuten aufgestellten Strukturen hineinpassen sollen. Und die wollen keine korrekten Strukturen oder irgend etwas richtig machen. Ich glaube, jeder kann dieselbe Art Statement über sein eigenes Leben fällen. Ich bin in der Realität, bin nicht anti-irgendwas, ich bin für Menschlichkeit. Und ich habe keine Antworten, ich habe auch keinerlei Lösungen. Ich werfe einfach Fragen auf und bin bloß ehrlich über meine Verwirrung.” Amerika trägt seinen Teil zu diesen Ansichten bei: “In dem Stück ‘Dead Disnee‘ benutze ich Disney als Metapher für alles, was ich an amerikanischer Populärkultur und unserer Politik verrückt finde. Es ist ein Weg, zu sagen, dass die ganze Art des seltsamen amerikanischen Ideals, die Sorte 50er Jahre Amerikaideal: perfekte Familie, perfekte Welt, nicht mehr auf unsere Gesellschaft zutreffen kann.” Das alltägliche Absurde des Realen ist der Boden für El-Ps Sichtweise: “Meine Konfusion kommt vom Leben in New York City, davon fern zu schauen und zu sehen, was passiert, sie kommt vom Aufwachsen, von einer Menge Plätzen. Ich habe so etwas wie einen natürlichen Instinkt, mächtigen Sachen, einflussreichen Systemen und Leuten zu misstrauen. Ein natürlicher Gang der Dinge ist, dass wir die Erben dessen sein werden, was jetzt gebildet wird. Und ich glaube nicht, dass sich gerade irgendjemand wirklich sicher darüber ist, was da auf uns zukommt.”

Umarme, was du bist

El-P ist trotz Bürstenschnitt keineswegs engstirnig. Neben seinen superb düsteren Remixen, u.a bei Big Dada oder Hefty Records, und seinen exzellenten Produktionen beispielsweise für Cannibal Ox setzt er sich abseits diverser Musiksorten auch mit anderer Rapmusik als der eigenen auseinander. Mit Konsequenz: “Meine Platte muss existieren. Es ist ein schmutziger Job, aber irgendjemand muss ihn erledigen. Ich stelle das zur Verfügung. Ich mache keine Musik, die alles für jeden sein soll. Ich mache Musik, um etwas für mich zu sein. Sie ist etwas Eigenartiges, das man anmachen kann und eine andere Idee hat, verglichen mit dem, was man anmacht und was einen dann in derselben Art entspannt wie eben alles andere auch.” Dieses Ziel verfolgt auch sein Label, “Definitive Jux”: “Für mich ist es die einfachste, verlässlichste Sache, einfach gute Musik herauszubringen. Das ist glaube ich alles. Rawkus hat es versaut, weil sie sich selber überholt haben. Sie wurden zu groß und verstanden nicht, was sie besonders gemacht hat. Das ist der Unterschied zwischen mir und ihnen. Ich verstehe, weshalb DefJux ein Potential hat, wichtig oder besonders für die Zuhörer zu sein. Ich schätze, wenn wir gute Platten herausbringen und nicht versuchen, uns selber zu überholen, wird das schon hinhauen, und dann mal sehen, was passiert. Und wenn nicht, dann nicht.” Bedeutung wird meistens erst durch Relationen sichtbar: “Zu einem gewissen Ausmaß sehe ich uns schon als Gegengewicht zum kommerziellen Kram. Es gibt verschiedene Arten der Musikindustrie, alles ist weit offen. Die Leute müssen sich auf etwas konzentrieren. Eine Idee haben, eine Vision, die sie abgrenzt, die sie besitzen. Ich glaube gewiss nicht, dass der Weg, um erfolgreich zu werden, der eines Majorlabels ist, oder versuche, ein kommerzielles Label zu sein, wenn man das nicht ist. Für mich ist der Schlüssel, das zu umarmen, was du bist, und daran zu arbeiten , die Welt zu dieser Haltung zu bringen. Und das ist es, was wir versuchen.”

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Elektronische Lebensaspekte.