Frankreich hat einen neuen Kulturschlager nach dem Citroen DS und Foucault: Electronicat. Fred Bigot schleift mit verzerrter Gitarre Electroclash hinter seinem T. Rex-Esel her und zeigt La Monte Young den Suicide-Stinkefinger. Endlich kommt ElectricGlam aus der Hüfte.
Text: Baas Doehler aus De:Bug 72

TOY BOY

Würde man mich fragen, welches Land der Quell der mit Abstand verrücktesten und irgendwie prägensten Dinge ist, so würde ich ohne zu zögern antworten: “Frankreich natürlich! Was sonst? Frankreich! Definitiv!” Denn was wäre die Welt ohne Croissants, DS, Metrischem System oder Focault? Richtig. Sie wäre zumindest um einiges ärmer an Diskussionsstoff. Und um diese Liste ohne Umschweife fortzusetzen, nenne ich so ganz beiläufig den Namen Fred Bigot. Den sollte man sich nämlich unter allen Umständen merken. B-i-g-o-t. Jung, charmant, sexy.
Seine erste Gitarre bekam er mit 10 und begann sogleich, Songs von Neil Young zu covern. Das war im westfranzösischen Laval. Ein paar Jahre später wird er Gitarrist einer, wie er sagt, “arty psycho-pop band”. Electric Prunes und T-Rex treffen auf Prince und Nirvana. Noch jemand Fragen zum Thema Frankreich? Gut.
Kurz vor einer möglichen Vertragsunterzeichnung mit Polygram verlässt Bigot jedoch die Band und bricht mit einer 4-Spur-Tascam nach Paris auf. An der Seine beginnt er bei Live-Improvisationen intensiv mit Mikrofonen, Effektgeräten, Electronics und präparierten Gitarren zu experimentieren. Daneben spielte Bigot bei Sleaze Art, einem elektronischen Gitarrenorchester, das vom Komponisten und Bassisten Kasper Toeplitz gegründet wurde: “Ich spielte mit einer Art elektrisch verstäktem Bogen auf einer bundlosen Gitarre. Ich habe es geliebt, in dieses Meer aus Rückkopplungen und Brummen einzutauchen.” Als Gitarrengott Kurt Cobain stirbt, ist Fred Bigot eher Musikern wie La Monte Young als Lil’Louis oder Suicide zugetan.

psychedelic electro punky music

1997 ist das Geburtsjahr von Electronicat: Es ist das Jahr, in dem Bigot beginnt, sich und seine Gitarre mit einem Sampler zu verkabeln. Zwölf Monate später erscheint auf dem Pariser Label Noise Museum Records das gleichnamige Debütalbum. Gitarrenriffs, analoge Elektronik und Gesangspartikel gepaart mit einem gekonntem Griff in die Effektkiste: Distortion, Wah Wah und Delay im Überfluss. Für Bigot ist das einfach “psychedelic electro punky music”. Zur selben Zeit beginnt seine Zusammenarbeit mit der Multimedia-Künstlerin Cecile Babiole. Bei den gemeinsamen Auftritten sorgt Bigot für die Musik, Babiole für bewegte Bilder.
Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was da nun vor ein paar Tagen auf Disko B veröffentlicht worden ist, war das im Januar letzten Jahres erschienene “Amour salé”, Bigots brachiale und in die Farben der Trikolore getauchte Neuinterpretation von Soft Cells “Tainted Love”. Dagegen wirkt die drei Monate später von Marilyn Manson veröffentlichte Version wie Wolfgang Petry auf Speed, dem man kurzerhand das Mikrofon entrissen hat.
Koproduzent des Albums, das in Paris und Wien, Bigots Zweitwohnsitz, entstand, ist – aufgepasst! – Gerhard Potuznik, seines Zeichens Teil der Vienna-Electronic-Connection (Private Lightning Six) und jemand, den man, wie Fred Bigot, als musikalisch sehr umtriebig bezeichnen darf. Dies scheint Bigot zusätzlich inspiriert zu haben. Anders lässt sich das Wunder von “21st Century Toy”, dem Album mit der genialen Anspielung auf T-Rex’ “21st. Century Boy” im Titel, wohl nicht erklären. Ob “Frisco Bay”, wo das elektronische Universum Bigots auf die Essenz aus B-52s und Le Tigre, Yeah Yeah Yeahs und The Donnas trifft und Catriona Shaw von den Queens of Japan den Ton angibt, oder eben “21st. Century Toy”, das zwischen lässig adaptierten Morricone-Akkorden und Led Zeppelin Saitensprüngen pendelt, immer groovend, immer nach vorn, entspannt und doch zum Bersten fett und elektronisch.
Die ElectricGlam-Hymne für das neue Jahrtausend schlechthin ist aber ohne Frage “Till I die”: Brian Ferry und Marc Boland auf links gedreht, energetisch, treibend, die Wiedergeburt des authentisch Coolen. Denn wo sonst wird heute noch der Takt mit einem Fingerschnippsen aus der Hüfte angegeben.
Ja. Electronicat. Das ist Electroclash jenseits der Mitte, ungefilterter New Rock und immer elektronische Musik, die nicht ohne Punk leben kann und mag. Ein einziges humorvolles Crossover der Extreme ohne falsche Heldenverehrung. No Limits. ElectricGlam in Vollendung. Nach Frankreich nun also Österreich.

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Elektronische Lebensaspekte.