Sirupsüße Kitschscapes drehen sich per Retroturbo durch die Netzstrumpfhose - et voilà, das Wort macht die Musik: Electroclash! Larry Tees Überwort der englischen Musikpresse erfährt eine epochal-ontologische Ausdeutung von unserem Infusionsexperten Jan Joswig. Abschließendes Testurteil: Viel Fummeln, wenig Musik.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 67

Wer sich über die musikalische Nicht-Dimension (im Großen und Ganzen; zum Kleinen und Speziellen kommen wir später) des erstaunlich ausbeulungsfähigen Electroclash-Plastikbeutels moralisch ereifern will, der hat den Beutel irgendwie falschrum gekrempelt. Niemand, also wirklich niemand der Hauptverantwortlichen (Larry Tee, Larry Tee und Larry Tee, alle anderen wurden unsacht überrumpelt von Larry Tee und haben sich mehr, weniger oder gar nicht zähneknirschend eingereiht) hat je behauptet, bei Electroclash ginge es hauptsächlich um Musik. Was für Inhalte- und Substanzspießer seid denn ihr? Electroclash ist Rumfummeln, sonst nichts, rumfummeln mit viel Fummel und wenig Musik. Denn der Spaß muss zurückkehren in die Clubs. Die Leier kennt ihr? Zuletzt zum Beispiel von Basement Jaxx? Genau so ein Sympath wie die englischen Nachbarschaftsrocker ist eigentlich auch Larry Tee. Der Wahl-New Yorker DJ und Clubnotoriker, der aussieht wie ein glücklich pensionierter Richie Hawtin, hat 1993 als Autor von RuPauls “Supermodel (You Better Work)” eigentlich schon alles zum richtigen Mischungsverhältnis von Musik und außermusikalischem Spaß gesagt. Nur hatte er acht Jahre später diese mörderisch geniale Eingebung – das Buzzwort “Electroclash” -, das leider nur noch mörderisch ist und das Mischungsverhältnis ordentlich in Schieflage gebracht hat.

Vom Club Pauahi auf Honululu bis zum Big Eden in Berlin tanzt man sich mittlerweile messerscharf ins Hip-Aus. EBM-Mumien, Disco not Disco-Punkfunk, Blondie- und Suicide-Klone bis sage und schreibe Metro Area holt das gefräßige Zauberwort aus seinem Hut. Die Irgendwie-80er-Verweise sind das einzig entscheidende Element, damit man musikalisch weiß, dass man auf der richtigen Party ist. Nur gegenüber den originalen 80er-Exgrößen im Revivalwahn wie Soft Cell, Fad Gadget oder ABC sind die Electroclasher erstaunlich resistent. Ein ignoranter Segen? Wichtiger ist der Style drumrum. Bei Electroclash steht niemand am DJ-Pult zum Trainspotten, aber alle betrainspotten sich gegenseitig. Oder eben andersrum: Der Style ist zentral, die Musik ist drumrum. Und wie ist der Style, Herr Sanada vom Club Pauahi? “Man shoppt bei Woolworth, gibt aber 80 EUR für die Haare aus.” Das wird mit so viel akribischem Ernst betrieben, dass der Spaß schon wieder ganz woanders hin geflüchtet ist. Bedauern wir das wegen irgendjemandem? Wegen Trevor Jackson, den Black Strobes und Larry Tee. Aber die könnten ja mit Suicide auf Tour gehen zur Richtigstellung.

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Elektronische Lebensaspekte.