Für Electroclash, diesem Subgenre zwischen Kleinkunst-Glamour und 80ies-Electro, muss vor allem Larry Tee verantwortlich gemacht werden. Warum sich ein New Yorker Ex-House-DJ zu dieser Tat hinreißen ließ, was er damit für eine Welle lostrat, welche Missverständnisse, Geschmacksverirrungen und Zumutungen er beförderte, wird nun ein für allemal geklärt.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 68

Wer macht da nur so’n Larry?

Es gab mal so’n lustigen Reißbretttiger, der dachte sich, Rockmusik ist langweilig geworden mit seinen Muckerhansels auf Stadionbühnen, da müssen wir was entgegensetzen. Also konzentriert man sich auf die außermusikalischen Elemente, Styling und Show. Parodieren wir doch die Bikerrockmontur und ziehen sie wortwörtlich durch den Dreck, barbarisieren wir doch den Griff an die Eier und rülpsen, furzen und beschmieren uns mit Dieselfett, dass Martin Luther seine reine Freude hätte. Diese klamaukige Vision von Las Vegas als gigantischem Schweinestall nannte sich Grebo. Das war 1987. Ihr erinnert euch nicht an Bomb Party, Gaye Bikers on Acid, Zodiac Mindwarp? Kein Wunder, Grebo wollte nie in die Geschichtsbücher, verstand sich nur als sardonisches Späßchen am Rande.

2003. Im Nachmittagsfernsehen befragen Boulevardmoderatoren Ehefrauen, was sie denn von ihren trendbewussten Männern mit diesen gewagten 80er-Vokuhila-Frisuren hielten. “Ja, das hat man doch jetzt zu dieser neuen Musikmode, Electroclash. So eine nette Hommage übrigens, der Name, wo doch gerade Joe Strummer gestorben ist. In der ‘Glamour’ hatten sie schon das ganze 1 x 1 dazu, von Lockenwickler bis Zerschneidetipps für T-Shirts.” “Aber, ganz ehrlich, mein Mann und ich, wir kleiden uns auch gerne etwas frecher, aber hören tun wir viel lieber unsere Italodisco-Evergreens, Kano, Natasha King, Klein & M.B.O., N.O.I.A., B.B. Band, Sandy Steele. Bernhard Mikulski und Tony Carrasco liegen mir mehr am Herzen als Larry Tee und dieser andere, DJ Hell, das schwör’ ich aber!”

Perfide Performance

Der lustige Reißbretttiger Electroclash dachte sich, die elektronische Tanzmusik ist so in ihren Formaten festgefahren, da müssen wir was entgegensetzen: die außermusikalischen Elemente, Styling und Show. Nehmen wir doch die schrill aufgetakelten Konservenpop-80er und überbetonen den Pappmaché-Aspekt. Unsere Idee von Electro soll nichts mit der Detroit-Mystifikation am Hut haben, dem Soul der Extraterrestrier (Drexciya, Ersatz Audio, Dopplereffekt). Keine sinistre Anonymität, sondern ganz im Gegenteil grelle Sichtbarkeit, offensive Potemkinsche Dörfer, billiger Spaß. In die Geschichtsbücher will auch damit niemand.

Zumindest nicht, wenn man Larry Tee fragt, Electroclash-Namensgeber, Initiator des gleichnamigen New Yorker Festivals, Produzent und Besitzer des Labels “Mogul”: “Mir doch egal, wenn der Hype sich nächstes Jahr ausgebrannt hat. Ich bin dann eh ganz woanders. Wer in Bewegung ist, muss sich nicht um den Status Quo kümmern. Ich bin ständig in Bewegung. Electroclash, don’t take it too serious!” Wie er das sagt, ist er ganz der integre Klamauk-Verwalter einer Las Vegas-Idee von Tanzmusik, die die Posterplakativität von Waldorf, A.R.E. Weapons, Avenue D., W.I.T. oder Scissor Sisters für den letzten Schrei an hippem Signifying hält.

Übertreibung und Missverständnis

Komisch, dass es nach dem weiten Weg vom New Yorker Stadtteil Williamsburg bis Deutschland nur noch abgeschmackt und dümmlich wirkt, ungefähr so lustig wie Truck Stops Country-Adaption. Oder versteht man aus eurozentrischer Hetero-Sicht einfach was falsch? Geht’s hier nicht um die Cowboys von Truck Stop, sondern um den Cowboy der Village People? It’s a New York Drag-/Queer-Thing? “Don’t take it too serious!” Larry Tee hat jahrelang totsturen House aufgelegt in New Yorks Großclubs, bis er vor lauter Langeweile und Mix-Vergiftung nur noch kotzen musste. Also jetzt bitte alles durcheinander, auch und gerne zur rechten Zeit gerade das, was offensiv schlecht ist. “It’s just trash. It’s great.” Das Larry Tee-Universum kreist um die klassischen Schwulendisco-Items Schwindel, Kitsch, Übertreibung, Plastik-Hysterie, exzessive Oberflächlichkeit, Uneigentlichkeit. Die typische Cabarét-Theatralik, die ihre Ironie als politisches Statement gegen den Zwang zur Selbstverleugnung setzt. Unsere Bedürfnisse werden marginalisiert, also übererfüllen wir sie umso lauter. “I’m marginal, let’s have some fun.” (Universal Congress of …) “I’m marginal, let’s have two tons of fun.” (Larry Tee) Electroclash hat aus New Yorker Perspektive viel mehr mit der Vogueing-Filmdokumentation “Paris is burning” zu tun als mit dem Soundtrack zum Boutiquenshoppen für die Depressions-Überlebenden, die immer noch in costumized Sneakern zum Selbstverwirklichungsjob gehen können, wie es aus deutscher Sicht erscheint. Electroclash ist in New York selbstermächtigter Trash-Spaß für jene, die ihre Vorstellung von Spaß nie öffentlich leben dürfen. Die sich selbst statt der Gesellschaft den Travestiespiegel vorhalten und dabei den Szene-internsten Spaß haben. Wenn man diese Form des Spaßes Szene-extern ausweitet, kann es nur zu Missverständnissen führen. Abturnenden Missverständnissen.

Tanzfläche versus Bühne

These: Treibt er sich im falschen Kontext rum, bringt es den Besten um. Beweis: Ich hatte das ungemeine Glück, Gottlieb Wendehals vor seinem Durch-BRUCH (sic!), vor “Polonaise Blankenese” in einem kleinen Jazzclub in Gütersloh erleben zu dürfen. Er war so gut, mindestens, wenn nicht besser als Helge Schneider zu dessen Glanzzeiten. Na, ist das kein Beweis? Nicht nur, dass Electroclash durch den Exodus aus Williamsburg dem “Polonaise Blankenese”-Syndrom erliegt, es wird auch noch mit Aufgaben überfrachtet, die eines Herkules würdig wären; dabei ist Electroclash höchstens der kleine Bruder von Ganymed: Was soll eigentlich der Quatsch von der Rettung der Dance-Kultur aus dem Würgegriff der Abfütter-Routiniers, der von allen Seiten (inklusive Larry Tee selbst) Electroclash angedichtet wird? Megaraves, auf denen die anonymisierte Masse paralysiert auf Timo Maas-Klone in der Kanzel stiert, sind doch nicht die Realität, mit der sich ein ambitionierter Raver herumschlagen müsste. Das ist nicht die Matrix, vor der Electroclash wieder Individuen, Performance, Glamour und Gesang zur Überwindung gesichtsloser Langeweile in Anschlag bringen müsste – zumindest nicht außerhalb New Yorks. So sieht nicht die Aufgabe von Electroclash aus. Und die wird dann auch noch als Bärendienst geleistet.
Techno hat das Verhältnis von Produzent zu Rezipient revolutioniert, das steht hier zum 1001. Mal in aller plakativen Deutlichkeit. Die Tanzfläche ist die Bühne, der Tänzer der Star. Der Spaß wird nicht von den Künstlern ersatzvorgelebt, sie schaffen den Rahmen für das Erleben der Tänzer. Langeweile und steifer Hals vom Starren auf die Bühne waren gestern. Electroclash reinstalliert ganz reaktionär wieder dieses Gestern, die typische Substitutwelt des Rock’n’Roll mit ihrer Trennung in Konsumenten im dunklen Pit und den Actionhelden da oben im Lichte, wie comicmäßig auch immer – und schafft so genau das, wogegen es scheinbar angetreten war. Electroclash muss sich schon einen Phantomgegner wie Megaraves herbeidichten, um den Backlash zu rechtfertigen, Rock nicht nur als musikalischen Stil wieder einzuführen, sondern auch Rock als elitäres Starmodell. Und das dann obendrein auf Betriebsfest-Niveau.

Also haben wir unsere langweiligsten alten Fürze ausgesandt, um garantiert griesgrämige Einschätzungen zu diesem tolldreisten Schabernack namens Electroclash einzusammeln. Drei Projekte wurden aus sicherer Verschanzung hinter der Bar beobachtet: eines, das größer ist als das Etikett, eines, das mit dem Etikett abschmieren wird, und eines, das wohl froh wäre, würde es unter diesem Etikett überhaupt wahrgenommen. Viel Spaß mit der spaßverderberischen Debug.

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Elektronische Lebensaspekte.