Mit einem legendärern Traveller-DJ als Papa und einem Hit in dem Remix-Hit "Sunglasses At Night" in der Hosentasche, kann sich Tiga aus Montreal lässig zurücklehnen und mal eben eine DJ-Kicks hinfusseln. Zwischen Soft Cell und einer neu gesungenen Version von Felix da Housecats "Madame Hollywood" lebt Tiga die Magie des Pops. Mit dem teuersten Analog/Digital-Wandler der Welt.
Text: Pat Kalt aus De:Bug 68

Electro auf den Hund gekommen
Tiga

Interviews mit Stars, bei denen sich die Journalisten die Klinke fortlaufend in die Hand drücken, haben ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten. Da kann es schon mal passieren, dass einem der Interviewpartner mit fettem Kebab und einer Cola in der Hand gegenübersitzt … Party- und Remixkönig Tiga jedenfalls nimmt die Sache gelassen, ungemein entspannt und entschuldigt sich zwischen zwei schnellen Bissen für den strengen Knoblauchduft, aber schließlich hätte er den Interview-Raum im K7-Office an diesem Tag kaum verlassen. Die Nacht zuvor stand der sympathische Kanadier in seinem Berliner Lieblingsclub an der Charlottenstraße hinter den Plattentellern und machte auf eine sehr beeindruckende Art und Weise Werbung für seine soeben auf K7 erschienene DJ-Kicks. So seltsam das bei einem DJ auch klingen mag, aber bei Tiga scheint das Talent vererbt: Schon sein Vater beglückt in den wilden Siebzigern auf Goa tanzende Menschenmassen mit psychedelischen Klängen von Tapedecks. Mama und Sohnemann begleiten ihn auf seinen Reisen, und so lernt der kleine Tiga schon früh, was es heißt, ein Set vorzubereiten, aufzubauen, Stimmungen und Spannungsbögen zu formen. Wo andere Kinder im Sandkasten spielen, paukt der Kanadier aus Montreal das Einmaleins der DJ-Schule. Eine Erfahrung, die man Tiga beim Spielen ansieht und die spürbar hörbar ist. “Ich bin ja eigentlich schon ein richtiger DJ-Veteran”, lacht der heute 29-Jährige. “Wenn ich daran denke, in wieviel tausenden von DJ-Battles ich bereits verwickelt war, dann ist das Auflegen für mich mittlerweile wie Fahrradfahren …”

Unbekanntes Neuland betritt er vor zwei Jahren, als er zusammen mit Kumpel Jori Hulkkonen den 80er-Hit “Sunglasses at night” von Corey Hart unters Remix-Messer nimmt. Der Song schlägt ein wie eine Bombe, klettert sogar in die Top Ten und für ein gutes Jahr sind die Sonnenbrillen aus keinem Club der Welt mehr wegzudenken. Dabei, so gesteht Tiga ganz offen, sei der Remix in gerade mal einer knappen Stunde bei ihm Zuhause mit von Freunden geliehenem Equipment entstanden. Sogar sein Hund hat sich dabei verewigt; wer der Platte aufmerksam lauscht, wird irgendwann einmal einen Hund entfernt im Hintergrund bellen hören.” Mit diesen wenigen und billigen Mitteln einen Top Ten-Hit neben all diesen unglaublich aufwendig produzierten und bis ins kleinste Detail soundtechnisch perfektionierten Songs von Kylie oder anderen Stars zu landen, das ist wahrer Punkrock für mich!” Zwischenzeitlich ist das Studio allerdings deutlich gewachsen, dem Hit sei Dank, und ein Remix-Auftrag reiht sich an den anderen: “Remixen, das ist wie ein Gericht würzen und abrunden.”

Für die aktuellen DJ-Kicks waren Tiga nur die besten Soundgrundlagen gut genug: “Mein letztes Mixalbum ist soundtechnisch einfach nicht zufriedenstellend gewesen. Ich finde im Allgemeinen, dass viele Mix-Alben einfach ein Problem mit der Soundqualität haben.” Im Kaufrausch ersteht der Kanadier einen High-End-Mixer und einen “arschteuren” Analog-Digital-Konverter, dessen Output er in seinen Rechner lädt und von dort in Loops und Bits wieder zurück ins Mischpult. “Am Ende blieb mir kaum noch Geld für Platten übrig …” Das Ergebnis kann sich hören lassen. Die insgesamt 25 Tracks auf der CD klingen richtig fett und gehen gut nach vorne. Bei der musikalischen Auswahl kennt Tiga keine stilistischen Grenzen: Gut ist, was gefällt und den tanzbaren Clubkontext nicht verlässt. Auf Tigas Spielwiese tummeln sich dann auch in harmonischer Eintracht die Sounds von 2raumwohnung, Soft Cell, Le Tigre, Carl Finlow oder Märtini Brös. Die “Magie des Pops” ist Tiga wichtig und wird durch ein John-Lennon-Zitat abgestützt: “If you can’t play with one finger, it’s not a good song.” Und so krönt der Kanadier sein Mix-Album dann auch folgerichtig mit einer selbst gesungen Version des Felix da Housecat-Songs “Madame Hollywood”, die Frau Kittin in punkto Pop-Appeal harte Konkurrenz macht. Wie heißt es doch so schön: “If I can’t dance to it, it’s not my revolution.”

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Elektronische Lebensaspekte.