Das International Symposium on Electronic Art (ISEA) widmete sich dieses Jahr in Japan mit dem Begriff "Orai" den Themen Kommunikation, Kontakt, Verkehr, Straßen, Brief. Ein interessanter Ansatz, meist aber wieder mal nicht mehr als eine Steilvorlage für die üblichen Vorträge. Bis auf einige Ausnahmen. Matthias Sohr berichtet aus Nagoya.
Text: Matthias Sohr aus De:Bug 66

Phrasendrescherei, New Age, Hysterie
Elektronische Kunst hat es schwer, diesmal bei ISEA

Oft wird man in Japan von Haikus angefallen. Dreizeilige Tiefsinnigkeit stereotypisiert. Zur Einstimmung auf das elfte ”International Symposium on Electronic Art” (www.isea.jp) im Hafen von Nagoya dann Basho: “Sommergras ist alles, was geblieben ist vom Traum des Kriegers.” Realität, Virtualität, hier strecken sich ”Vergangenes und Kommendes” weit: [Orai] lautete das Thema des ISEA Ende Oktober – Bedeutung in full effect: Kommunikation, Kontakt, Verkehr, Straßen, Brief. Schnell noch daran erinnert, dass Europa und der Rest der westlichen Welt angeblich erst mit den “Tausend Plateaus” den geistigen Vorsprung Japans aufgeholt haben. Gerne, immer wieder wurde das ISEA-Mantra auf die Vernetzung und die globale Verschränkung angestimmt, einer vernetzten Beschränkung gleich. Einzig und allein die Tatsache des fast vollständig fehlenden japanischen Publikums hätte man als Indiz für einen Überdruss am Überthema bemühen können. Dass man sich nicht immer wieder von den ”gaijins” (Fremden) erzählen lassen will, was man schon viel länger weiß. Schweigen, Ästhetik des Verschwindens nicht nur als japanische Ausdrucksform, vielmehr ein notwendiger Schutzmechanismus gegen das drohende Über. Oder doch die noch kaum überwundene Sprachbarriere Englisch?

Viele Lesarten also, ein Logo aus sich überschneidenden Linien, alle Themen im Boot: Partizipation, Urheberrecht, Raum, Körper, Wearables, Robotics, Semiologie, Ästhetik, Interface, Realitäten, Moral, Design, Soziales. Gemixt unter Papers, Panels, Poster Sessions, Institutional Presentations, Round Tables, Workshops, Tutorials, Performances, Electronic Theatre, Concerts, Exhibitions. Vier Tage lang. Plus Zusatzprogramme anderer Veranstalter. Neue Themen und Schlagworte hatte niemand erwartet. Mehrwert war also nur garantiert bei kluger Wahl aus dem reichhaltigen Angebot, um am Ende nicht das Gefühl zu haben, nur eine überarbeitete Auflage eines englischsprachigen ”Orai-monos” (Textbuch/Reader) verlesen bekommen zu haben. Einige Schätze gab es zu heben, so zum Beispiel den Vortrag ”Interdisciplinary trouble: Performing Science in Media Arts”. Tapio Mäkeläs (www.m-cult.org), Veranstalter des ISEA 2004 in Helsinki, Tallinn und Stockholm, der eine Kritik am steuerlosen Driften der stets mit der Wissenschaft flirtenden Medienkunst wagte: “Der Mix der CyberTheoretiker von nostalgischen Gefühlen für verlorene Stammespfade (Ascott), Phantasien von Online-Subjektivitäten (Turkle) und anderen Zutaten erlauben es dem Diskurs nicht, dem Vergleich mit Natur-, Geistes- oder Sozialwissenschaften Stand zu halten.” Roy Ascott himself, Gründer und Leiter der CAiiA (www.caiia-star.net), gab eine Kostprobe seiner assoziativ- metaphorischen Sinnforschung und präsentierte sein Internet-Strandgut, das er zum Begriff [Orai] gefunden hatte. Ascotts ”Making sense of Orai”: “Hypertracking durch das Netz, Kommunikation und Interaktion genauso wie Abrufen und Ablegen von Ideen in einem Zustand von telematischer Immersion bringen uns nahe der mentalen Aktivität von Schamanen, eingetaucht in einen psychischen Raum endloser Dimensionen, der Geist offen für größere Quellen von Ideen, Bildern und Weisheit.”

Documenta 12? Bäh!

Die Performances der Redner selbst zeugten von der psychischen Verfassung eines losen Bündels von Praktiken und Praktikern, Denkweisen und Denkenden, die man zu einer Kunstform zugehörig nennen könnte. Nur zu welcher? Philippe Codognet, Pariser Universität 6, leitete die Panel Discussion “Is Digital Art contemporary?” Dozenten und Professoren aus Paris, Dijon, Santa Barbara suchten nach Antwort. Codognet brach hervor, verlangte nach einem Manifest, zumindest einem ”October” der Digital Art, damit endlich Ordnung ins Chaos käme. Eine Art Wunderwaffe zur Legitimation der Existenz von Electronic Art und somit vielmehr Werkzeug zur Restauration der vom ignoranten großen Bruder, der zeitgenössischen Kunst, gekränkten Elektroniker-Seele. “Wir wollen auch gekauft werden!” Und da, ein Hoffnungsschimmer am Pazifik, der Integration verspricht und neuen Mut schöpfen lässt aus linearem Denken: documenta X = Photo, documenta 11 = Video, documenta 12 = Electronic Arts, Digital Arts, Medienkunst, ein großer Brei von Begriffen. Aber eigentlich mag auch niemand das Museum: falscher Kontext, drohender Ausverkauf. “Wir wollen nicht gekauft werden!”, so schien die zufrieden grinsende Pointe zu lauten, und alle waren heilfroh, denn dann hatte das ISEA und das ganze Reden ja doch seinen Sinn gehabt, die teure Reise gerechtfertigt, und angefüllt mit neuen Parolen konnte man beruhigt den letzten Tag skippen, noch schnell Sightseeing in Kyoto. (“Es ist leer geworden.”) Auf der Suche nach einer Antwort, wie die Heterogenität des ISEA doch ein Ganzes ermöglicht, war es an der Zeit, zu erfahren “how things stick”. “Glue” das Thema, Nat Muller (http://fo.am) sprach also von der “Unfähigkeit nach dem Dekonstruktivismus, Dinge wieder zusammenzufügen”. Der Ausweg aus der eigentlich mittlerweile gut ausgeschilderten Falle war betonte Wiederholung, beliebte regressive Strategie aller Vortragenden: “Wir befinden uns in einer Übergangszeit” und “Wir arbeiten interdisziplinär” liefen in Endlosschleife, die Schlauen und Witzigen hatten etwas Zeit in die Samplebearbeitung investiert und feuerten stattdessen ab: “Wir arbeiten undisziplinär” (www.doyondemers.org). Detaillierter wurden die essentiellen Produktionsprozesse meist nicht beschrieben, vielmehr promotete jeder Teilnehmer sein in den Grundfesten natürlich völlig unkommerzielles Kunstprodukt, dabei das Business, zumindest aber ”die anderen”, denunzierend.

Electronic Arts Party Guerilla

DJ I-Robot zum Beispiel (www.dj-i-robot.com), das RobotSoundSystem mit dem Ziel “den minderwertigen, unzuverlässigen menschlichen DJ durch ein überlegenes, mechatronisches System zu ersetzen.” Zur Feier des Tages auf einem furiosen, silbernen Prada-Art-Truck mit Ben Hur-Cut und Schlitz-Aufsätzen installiert (siehe Photo in Tsuzukis Buch “Cruising Kingdom”), cuttete das Do It Yourself-System, das “hundert Prozent Grandmaster Flash” simulieren kann, nach einem noch furioseren Zusammenbruch lustig unkoordiniert vor sich hin. Stellt sich also die Frage nach dem Maßstab, den Skills des menschlichen DJs, der für die Replacement-Phantasie herhalten muss. Der namenlose Operator Chris Csikszentmihalyi sprach, nicht die Maschine für sich: “DJ I hat perfekt gearbeitet. … Nein, da kam kein Audio aus dem Computer … Die Platten klebe ich mit Klebeband auf den Tellern fest, weil das Klebeband hat DJ-Geschichte: Keep it real!” Später umrundete er photographierend den Hochglanz-Truck, sagte leise, mehr zu sich selbst, dass DJ I auch mal so aussehen solle.

Konzeptuell verwandt, aber eine eher humorvoll als anmaßende Robotic Electronic Art-Version ist dagegen Alexei Shulgins (www.fu-fme.com) 386 DX Cyberpunk Rockband, die lediglich aus gleichnamigen Computern besteht und gerne Popstar spielt. Im Kontext des Panels “Why should I get a new one if the old one ain’t broken? Aesthetics, Pragmatics and Social Tactics of Low-Tech” vorgestellt, war das raffinierte Endergebnis der verspielten Diskussion: low-tech – ein unglaublich relationaler Begriff.

“Egotiation: the interdisciplinary process from chaos to concept”, einer von nur zwei ISEAWorkshops, mit utopisch klingendem Titel ködernd, gab relative low-tech Prozesseinsichten. SmartStudio, ein schwedisches Thinktank-Institut (http://smart.tii.se), stellte zwar nicht die spannendsten Produkte vor, aber gab Einblick in die Struktur der Ideenentwicklung. Mit durchaus bekannten Ansätzen aus Psychologie, Management und Dadaismus erklärte Ingenieur Magnus Jonsson, wie Arbeitsprozesse durch einen Supervisor strukturierter und effizienter gestaltet werden können. Die SmartStudio-Künstlerin Arijana Kafjes schwärmte, wie oktroyierte Struktur, gerne aus Chaos extrahiert, nicht einschränkt, sondern vielmehr jedem am Prozess Beteiligten die Freiheit gibt, den Raum individuell zu füllen. Mit den richtigen Tools erscheint dann konstruktive Interdisziplinarität plötzlich ganz einfach, jenseits von diskriminierender Abgrenzung, Phrasendrescherei, New Age-Mystik und Hysterie.

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Elektronische Lebensaspekte.