Technologie hat in Deutschland bei der Kritik einen schlechten Ruf. Davon ist der Computer nicht ausgenommen. Dabei existiert elektronischer Ungehorsam im Netz zuhauf. Mit Ideenreichtum, Witz und keiner Angst vor Technologie unterhaltsam ungehorsam. Reload. Ein paar Beispiele.
Text: pauli feigelfeld | a.rebours@ihateclowns.com aus De:Bug 49

Von wegen digital geordnet
Elektronischer Ungehorsam im Netz

Critical Art Ensemble
Das Critical Art Ensemble ist ein Kollektiv aus fünf Künstlern, das sich dem Erforschen der Zwischenräume zwischen Kunst, Technologie, radikaler Politik und kritischer Theorie widmet. 1994 stellte das Ensemble zum ersten Mal ein mögliches Modell des “elektronischen zivilen Ungehorsams” (ECD, Electronic Civil Disobedience) als eine Option des Widerstandes im Cyberspace vor, als eine Möglichkeit, mit den allgemein zugänglichen Mitteln des Internet politisch oder künstlerisch aktiv zu werden “Cyberspace ist der Ort und das Mittel des Widerstands – das zu begreifen bedeutet, ein neues strategisches Modell politischer Praxis ins Spiel zu bringen”, sagt ein Mitglied der Netzaktivisten des Critical Art Ensemble. So weit so gut. Nun stellt sich die Frage, in welcher Form man die Mittel nutzt. Als direkte Aktion oder Simulation.
Das Critical Art Ensemble entschied sich vorerst, die heimliche Subversion offiziellen Praktiken vorzuziehen und gab der Simulation eine Chance. Doch 1995 verfasste CAE einen Nachtrag zu “ECD und andere unpopuläre Ideen” und stellte fest, dass sich unter den US-Sicherheitsorganen eine stetig wachsende Paranoia einschlich, was die Kontrollierbarkeit elektronischen Widerstandes betraf. Der interessante Punkt ist, dass diese Angst in erster Linie auf selbstimplizierten Konstrukten digitaler Verbrechen basierte, was CAE dazu verleitete, ironisch festzustellen, dass ECD allem Anschein nach funktionierte, ohne vorher erprobt worden zu sein. Allein der Gedanke an die Möglichkeit von “Cyber Resistance” würde eine derartige Panik auslösen, dass Handlungs- und Denkfähigkeit von hyperreal konstruierter Angst blockiert würde. Im nachhinein betrachtet bereut CAE diesen Gedanken, da einige AktivistInnen ihn ernst nahmen und umsetzten. Via Netz wurden Firmen- und Staatsparanoia mit hyperrealen Drohungen gefüttert. Ein Schuss, der nach hinten los ging: Die Paranoia wurde durch die Massenmedien in öffentliche Paranoia umgewandelt, stärkte somit wiederum nur die Machtposition des Staats und sicherte Law-and-Order-Politikern nötige Stimmen.

Anonymous Digital Coalition
1998 rief eine italienische Gruppe, die sich Anonymous Digital Coalition nennt, nach dem Massaker an Indios in Chiapas zu einer aktiven Form des kollektiven Protestes im Netz auf. Diese Aktion wurde von Ricardo Dominguez und Stefan Wray – einem der Mitbegründer des “Electronic Disturbance Theater”, aber darauf kommen wir später zurück – weitergeführt und sollte in Solidarität mit den Zapatistas durchgeführt werden. Am 8. August 1998, dem Geburtstag des Begründers der Bewegung Emiliano Zapata, besuchten mehrere tausend virtuelle Besetzer die Site des mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo und legten sie durch das permanente Klicken des Reload-Buttons lahm. “Wer kritische Einwände gegenüber dem Computer hat”, so Stefan Wray, “sollte einen zweiten Blick darauf werfen und sich überlegen, wie man Computer als Instrumente für einen weitreichenden und massiven elektronischen zivilen Ungehorsam gegen Unternehmen und Staats- sowie Finanzinstitutionen einsetzen kann, die gegenwärtig für die Zerstörung des Lebens auf diesem Planeten verantwortlich sind.” Es ist eine wachsende Politisierung und Bereitschaft im virtuellen Raum zu erkennen, sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen. Das Electronic Disturbance Theater entwickelte kurz darauf eine revolutionäre Software, eigentlich ein simples kleines Programm, mit dessen Hilfe sich das permanente Klicken auf eine Website automatisiert. Flood Net taucht nur zu bestimmten Zeiten im Netz auf. Die Protestteilnehmer verbinden sich auf dieser Plattform und werden von dort z.B. auf die Site der mexikanischen Regierung weitergeleitet, während das Programm alle 7 Sekunden automatisch den Reload-Befehl ausführt. System Shut Down.

Reverend Billy stiftet Verwirrung
Eine sehr interessante Verbindung zwischen virtuellem und physischem zivilen Ungehorsam betreibt der New Yorker Performer Reverend Billy mit seinen Aktionen gegen Großunternehmen wie Starbucks Coffee – das auch in Naomi Kleins Buch “No Logo” heftig für seine Franchise- und Werbepolitik kritisiert wurde – für heillose Verwirrung in den Franchisefilialen von New York sorgt. Neben seinen Predigten, die er in bester Preacherman-Manier meistens auf einem Tisch in einer Starbucks-Filiale abhält und dabei oft sehr laut wird, organisieren sich über seine Website ebenfalls virtuelle Sit-Ins, die sich gegen ausbeuterische Unternehmen auf der ganzen Welt richten. NYPD und Reverend Billy sind inzwischen gute Bekannte – oft gibt es bittersüße Wiedersehen.

Surveillance Camera Players
Weniger virtuell, sondern relativ klassisch aktionistisch kämpft die Gruppe “Surveillance Camera Players” gegen die vollstänige Videoüberwachung des öffentlichen Raums. Kurzerhand sprechen sie dazu dem System seine Ernsthaftigkeit ab. Big Brother wird verarscht, denn was er auf seinen Screens zu sehen bekommt, sind kurze Theaterstücke, pantomimisch dargestellt und unterstützt durch simple Mittel des epischen Theaters. Beschriebene Schilder ersetzen den Text.

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Elektronische Lebensaspekte.

Österreichs FPÖ-Opposition ruft auf: Electronic Resistance! Mit wöchentlichen Volkstanz-Demonstrationen auf dem Wiener Heldenplatz wird die Regierung hinfortgetanzt. Wer kein Rhythmusgefühl hat, kann stattdessen eine Solidaritäts-CD kaufen.
Text: Kerstin Brett aus De:Bug 37

Text: Kerstin Brett cat@tivision.at Schnitzel-Slowbeat gegen Haider ”Electronic Resistance”-CD unterstützt Soundsystem-Demos Natürlich würden wir alle gern in unserem Lieblingsösterreich leben. Die Schwarzen [ÖVP oder Afrikaner], die Blauen [FPÖ], DJs, so manche Theaterintendanten oder Künstler und Intellektuelle, die es hier noch geben soll. Plötzlich haben wir alle die Chance und die Pflicht, uns zu Wort zu melden. Man denkt wieder nach, macht Politik auf der Strasse, im Theater, vielleicht sogar im Kaffeehaus. Und auf einer CD. Ist das nicht wunderbar. Eine Zeit lang konnte man nicht mal mehr Strassenbahn fahren, ohne sich Gedanken über die politische Einstellung seines Sitznachbars zu machen. Es war die reinste Hölle. Soll man so seine Tage in Wien oder dem restlichen Österreich fristen? Politisches Gemixe Jeden Samstag starten um 14.00 Uhr in Wien die Volkstanzdemos. Treffpunkt ist der historisch mit allen Wassern gewaschene Heldenplatz. Dann ziehen sie los, die Demonstranten, manchmal um die Innenstadt herum, manchmal weiter, manchmal stehen sie auch still, aber immer ist eine Soundanlage dabei, zwei Plattenteller und ein Mischpult. Volkstanz wird von zirka 20 Leuten betrieben, die sich den Arsch aufreissen, dass der Widerstand nicht abbricht. Sie wollen weitermachen. Die ganze Welt soll wissen, dass manche Österreicher, vor allem die Jungen, den ganzen Scheiss nicht fressen. Demonstrieren mit lauter musikalischer Untermalung. Aber am liebsten natürlich bei Schönwetter. Bei Volkstanz haben die Djs die Möglichkeit, mit ihrem Gemixe politisch von sich hören zu machen. Sogar das benachbarte Ausland wurde in Form von Dj Hell schon mobilisiert. Sleepfighting Man Volkstanz muss auch finanziert werden. Bei der ersten Demo stellte eine Soundfirma Wagen plus Anlage noch gratis zur Verfügung, Sponsoren gibt es auch, nette T-Shirts mit dem Aufdruck “Electronic Resistance” kann man um 150 ATS erwerben, und neuerdings gibt es auch eine CD. “ELECTRONIC RESISTANCE AGAINST THE RACIST, SEXIST, ANT-SOCIAL GOVERNMENT IN AUSTRIA.” Eine CD, für die auch Wiener Berühmtheiten wie Pulsinger oder Dorfmeister oder Kruder ohne mit der Wimper zu zucken gratis Tracks zur Verfügung stellten. Reinerlös kommt natürlich Volkstanz zu gute. Bei der anschliessenden Frage “Kauft man die CD oder kauft man sie nicht?”, ergibt sich ein Für-einen-guten-Zweck-Problem. Wir wollen natürlich alle nicht, dass die FPÖVP-Regierung weiterhin Humbug treiben kann. Gegen Rassismus, Sexismus sind wir auch, aber – in Zeiten der Repolitisierung einer ganzen Zivilgesellschaft gibt es auch einen erhöhten Geständniszwang und eine Verpflichtung zur Wahrheit und nichts als der Wahrheit. Deshalb: Ein bisschen fad und vor allem LANGSAM im Verhältnis zum Strassekampftempo ist diese CD dann doch geraten, jetzt akustisch, nicht konzeptionell. Und besonders politisch hören sich die Tracks auch nicht an, wie auch anders beim impliziten Inhaltsverständnis elektronischer Musik. Quelle domage. Allerdings einen von den 12 Tracks hat unser Miteuropäer und Franzose David Carretta zusammen mit der Miteuropäerin und Österreicherin Electric Indigo produziert. Das wäre dann Track Nummer 11, der den BPM Durchschnitt der CD etwas anhebt. Miteuropäische Österreicher mit Lichtern Kurz nach dem 4. Februar, dem schwarzblauen Tag in Österreichs Geschichte, fand in Wien die grösste Demo statt, veranstaltet von SOS Mitmensch. Viele Lichter, an die 300.000 Menschen, nicht nur miteuropäische Österreicher, auch Franzosen, darunter auch ein berühmter Schauspieler. Ist man gegen Rassismus, gegen diese Gruselregierung etc, ist man gleichzeitig mit Leuten, mit denen man nie am gleichen Kaffeehaustisch sitzen würde. Pech. Ist man für Electronic Resistance, für Volkstanz, muss man sich auch wohl oder übel einen Track von Tosca zu Gemüte führen. Auch Pech? http://www.volkstanz.at Kontaktadresse: funkateer@hotmail.com

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