Text: tamara warren aus De:Bug 16

Das Detroit Electro Kontinuum Tamara Warren tamarawarren@hotmail.com Die Musik, die aus den Soundsystems der Stadt dringt, spiegelt ihre vielschichtige Reichweite wider. Am Wochenende in schummrig beleuchteten Clubs, sonntags mit Drum & Bass auf der “No 4/4”-Nacht unter dem Titel Step, oder als Live P. A. unter der Ambassador Bridge, dem Gateway nach Windsor, Canada. All das sind Foren für das, was sich im Verlauf von zwei Dekaden als Detroit-Style-Electro, einem musikalischen Konglomerat aus verschiedenen Stilrichtungen, entwickelt hat. Back in the Days Als Juan Atkins in den frühen 80ern unter den Pseudonymen Cybotron und Model 500 zu produzieren begann, kamen Apple Computer gerade auf den Markt, Plattenpressmaschinen begannen zu verstauben, und die amerikanische Funkyness wurde von dem europäischen New Wave-Pop in den Hintergrund gedrängt. Seine Stadt war tagsüber unangenehm ruhig und leer, Unternehmen verließen die Stadt und die Grenzen, die Detroit umschlossen, waren für viele unüberwindbarer als die Berliner Mauer. Für Außenstehende war dies einer der unwahrscheinlichsten Orte für eine massive musikalische Bewegung. Dennoch ging wiedereinmal eine musikalische Revolution von Detroit aus, eine Revolution des Ausdrucks. Die trotzige Stimme eines unbeschriebenen Blattes der Musikgeschichte, die sich erst mal an ein lokales Publikum richtete. Keith Butts aka DJ KAOB, der sich bei dem wegbereitenden Vertrieb Submerge um Promotion und Verkauf kümmert, erinnert sich an die Anfänge: “Man konnte nicht schreiben was passierte, es passierte einfach.”, sagt er, während er über die Zeit sinniert, als er mit der Techno Ikone Jeff Mills und dem Underground Resistance-Gründer Mike Banks, zwei der treibenden Kräfte der elektronischen Tanzmusik, zusammenkam. Butts stieß in den frühen Achtzigern zur UR-Crew, bevor das elektronische Fieber außerhalb von Detroit ausbrach. Damals war das Ganze kein Achtziger-Retro Ding, sondern ein Sound, der an wenig bekannten Schauplätzen, in dunklen, Adrenalin-geladenen Clubs aufblühte. Multiple References Wie der ansteckende Vibe von Jazz, Soul und Motown, der ähnliche Detroiter Wurzeln hat, erschuf der Sound von Juan Atkins eine ganze Industrie, eine weltweite musikalische Bewegung. Nach zwei Dekaden und vielen technologischen Sprüngen spielt die Welt frenetisch mit den Instrumenten, die er damals benutzte, Keyboards, Drummachines und Mischpulte. In dem Maße in dem der musikalische Output sich nach wie vor in blitzartiger Geschwindigkeit multipliziert, ist es klar, daß die neuen Protagonisten, die zunehmend kritisch mit der Stadt umgehen, es immer noch nicht verstanden haben. Tanzmusik wird in Detroit nie aussterben, weil die Stadt nie aufhören wird zu tanzen. Egal, ob man es Electro, Ghetto Bass, Techno oder House nennt, es ist weniger der Name, der zählt, sondern die Kreuzung der Sounds, die den Beat von Detroit bestimmen. Für diejenigen, die vor Detroit wie vor einem Rätsel stehen, machen Kategorien die Natur der geteilten Stadt und ihre Musik es nur unverständlicher. Was die Welt also Detroit Electro nennt, beinhaltet ein weites Spektrum von Künstlern wie Aux 88, Drexciya, Will Webb, Ectomorph, Le Car, Keith Tucker, Posatronix, Dopplereffekt, DJ Godfather und DJ Assault. Dennoch ist es schwer, den Sound dieser Detroiter Künstler auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Jeder hat völlig unterschiedliche musikalische Visionen. Es war nicht der Stil, sondern die Energie der Musik, die Detroiter Produzenten inspirierte, Musik wie die von Juan Atkins zu machen. Als Techno die Welt eroberte, verschwand der Sound, der den Appetit nach Funk stillte, in Detroit nie. Im Gegenteil, Electro wucherte. “Electro war immer schon der Detroit Techno,” sagt KAOB. Polymorph Cluster Indem der ursprüngliche Sound Hörer aus allen Schichten anzog, inspirierte er Musiker sowohl Techno als auch Electro zu machen. So ist es wenig überraschend, daß die Stile, die sich dabei herausbildeten, umstritten wurden. ”Was man in Europa Electro nennt, nennen wir Techno.”, meint KAOB. “Electro ist nie gestorben, aber es war Techno, der auf der anderen Seite des Atlantiks groß rauskam.” Für KAOB wird der Detroiter Electro am besten von AUX 88 repräsentiert. “AUX 88 ist hier oben.”, sagt er die Hand nach oben bewegend, während die andere nach unten zeigt. “Alle anderen sind da unten.” Will man festmachen, wer nun die Idee einer Breakbeat Elektro-Technology groß gemacht hat, bekommt man von jedem in Detroit andere Antworten. ”Man muß den Bass haben, den Touch Kraftwerk, mit einem Schuß Cybotron versehen.”, sagt Butts. “Man kann dem keinen Namen geben. Die Europäer wissen nicht was Electro ist. Meine Definition von Electro ist Breakbeat. Im Augenblick ist es Bass mit funkigen Electroakkorden.” Aber andere Menschen haben andere Ideen über das, was einen Electro-Track ausmacht. Adam Miller von Ersatz Audio gilt aufgrund seiner Arbeit als Artificial Material, Le Car und seinem neuesten Projekt, Adult, als Electro Musiker. Dennoch sind seine Songs nicht für die Tanzfläche gemacht, obwohl sie von den Medien als Electro klassifiziert werden. Miller hat eine abstraktere Definition von dem was man als Electro bezeichnen könnte. “Es ist Musik, die eine Bedeutung hat, ein Konzept. Experimentell, das ist es, was ich mir wünschen würde, wie man es nennen sollte. Eine elektronische Künstler-Bewegung.”, sagt er. “Melodien werden gewürdigt, und die Snare ist normalerweise auf der Zwei und der Vier.” Er ist frustriert von der einengenden Kategorisierung seiner Musik. “Es ist ein bequemer Gattungsbegriff. Wie Groucho Marx sagte: ‘Ich will nicht Mitglied eines Clubs sein, der mich als Mitglied aufnehmen würde.'” Für manche ist die Zersplitterung frustrierend. Brendan Gillen aka Ectomorph, der das Label Interdimensional Transmissions betreibt, hat ein seiner Meinung nach eigenständiges Electro-Konzept. “Was ich als Electro definiere, ist völlig anders.”, sagt Gillen. “Es ist die Art und Weise, wie die Leute nach etwas Funkigem in der Musik suchen. Die ganze Electro-Sache ist eine Variation, es ist wie die Leute zum Funk zurückkehren, ein treibender Groove, ein didaktischer Groove, der dich die Dinge vergessen läßt.” Gillen versucht außerdem nicht einen bestimmten Electro-Sound zu vermarkten: “Für mich ging es nie darum, Electro zu pushen, es ging darum, die Eklektik zu pushen. Es ist wie mit der Phantasie, es gibt keine Grenzen. Das voranzutreiben ist mein Ziel mit Ectomorph.” Seiner Meinung nach ist die europäische Sichtweise von Electro auf einen Mangel an Verständnis für das, was in Detroit passiert, zurückzuführen. “Die Art, wie hier Musik gemacht wird, entspricht der Weise, wie die Leute hier auflegen, und das ist ziemlich einzigartiger Style.” Back in the Hood In Detroit macht man sich über die neueste Electro-Welle in Europa lustig, die Musik von DJ Godfather und DJ Assult auf Twilight 76, die man in Detroit als Booty oder Straight Up Ghetto Bass bezeichnet. KAOB erklärt diesen Style so: “Ghetto Bass ist ziemlich Sample-orienentiert, eine Call and Response-Sache, die Hood halt. Man kann die beiden Sachen nicht vergleichen. Jemand könnte viel Bass hören und sagen, oh, das ist ja Electro. “Der Klang von Ghetto Bass ist völlig anders. Godfather ist eine weitere Facette von Detroit, es ist jedoch nicht Electro”, meint KAOB. Zunächstmal ist die Bedeutung von Ghetto Bass-Tracks sehr roh und sexuell. Sie haben andere Konnotationen als die eigentlichen Electro-Nummern. Das macht das Ganze nicht gleich schlecht, es ist nur etwas anderes für die Produzenten.” Ich liebe das pornographische Element”, sagt Gillen über die Booty Musik.”Ich will nicht nachdenken müssen, wenn ich einen Techno-Track höre, ‘ist das sexy?'” Es ist schwer diesen eigenständigen Musikstil zu verstehen, ohne ihn mal in Detroit auf der Tanzfläche miterlebt zu haben. Die frenetische Resonanz der Crowd ist in der Tat einzigartig und in der Form nur in Michigan zu bestaunen. Die meisten Detroiter sind allerdings der Meinung, daß Ghetto Bass nicht typisch Electro ist. Eher ist es eine Schattierung des Sounds der Stadt, die Art, wie man sich in Detroit auf der Tanzfläche gibt, wo Ghetto Bass sowieso am meisten Spaß macht. “Die ganze Sache ist Teil des kulturellen Kontinuums von Detroit, deshalb fehlt in Europa der Kontext.”, fügt Gillen an. “Es ist sehr afrikanisch, so wie das Call and Response-Schema. Ein Teil des Soundtracks von Detroit eben. Ich glaube, der harte Kern in Europa versteht das.” Die Einflüsse, die Electro in Detroit geformt haben, sind also so verschieden wie die einzelnen Künstler. Alles von New Wave bis Industrial, von Kraftwerk bis Miami Bass und Arthur Baker können als Wurzeln von Electro, wie er heute auf der ganzen Welt produziert wird, gelten. Absolut jede Musikrichtung aus Detroit ist eine Collage von zahlreichen Styles, die die kulturelle Vielschichtigkeit der Stadt widerspiegeln. KAOB, der selbst auflegt, findet: “Die Europäer spielen die ganze Nacht straighten Techno, ein Detroiter Hood Jock fängt vielleicht mit HipHop und R&B an. Bei den Europäern ist alles immer so strukturiert. Ich spiele viel Electro, sowieso läuft auf den Parties viel Electro.” Tomorrow never dies Bei so vielen Lagern wird die Zukunft von Detroit Electro breitgefächert sein wie seine Protagonisten. So sind Undergound Resistance beispielsweise mit ihrer Electro-Compilation “Interstellar Fugitives” in die Offensive gegangen. Demnächst werden auch auf Metroplex 12 neue Electro-Tracks released. Und Aux 88, die auf 430 West und Direct Beat erscheinen, werden im Winter mit einer Live Show auf Tour gehen. Die gebrochenen Electro-Beats gedeien also noch in den Detroiter Studios. Außerhalb von Detroit hat Gillen mit “*67″ einen Vertrieb ins Leben gerufen, zu dessen Klientel Labels wie Keith Tuckers Puzzlebox, Shematic, Ersatz Audio, I-fs Viewlexx und seine Interdimensional Transmissions gehören. Sein Einsatz wird ein weiteres Element des Sounds, den man mit Detroit Electro identifiziert, hervorheben. ”Wir wollten den Leuten zeigen, daß, wenn man sein ganzes Leben Musik macht, es darum geht, seine eigenen Fortschritte zu machen.” Gillen macht den Vertrieb und die Promotion für die Labels selbst. Damit wollte er eine Plattform für seine Vision von Musikvertrieb schaffen. “Zuviel Gemecker kann ich nicht ertragen, wir müssen etwas tun, uns als Individuen bemerkbar machen – es geht um Qualität nicht Quantität. Zu viele Labels beachten das nicht und beuten so die Sache aus. Zweifelsohne wird die Electro-Debatte zwischen Journalisten und Fans weitergehen, aber die Essenz dessen, was die Bewegung in Detroit ausmacht, hat nichts mit Geschichte oder Revival zu tun. Fakt ist, daß sogar die purste und unberührteste Kunstform in Detroit kompliziertere Zusammenhänge hat. Dieser Kampf um die eigene Identität, der die Szene einer Stadt, die vor zwei Dekaden totgesagt wurde, schon damals wieder belebte. Und genau diese oft mißverstandene Zerrissenheit wird den Beat dann am Laufen halten, wenn die ganze Welt denkt, daß es in Detroit wieder still geworden ist. übersetzt von Felix Denk —————————————————————— Zitat: Electro war immer schon der Detroit Techno. ”Ich will nicht Mitglied eines Clubs sein, der mich als Mitglied aufnehmen würde.”

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Elektronische Lebensaspekte.