Text: riley reinhold aus De:Bug 07

Elektronik in Argentinien von Riley Reinhold rrr@icf.de Einen großen Einfluß auf die Entwicklung der Elektronischen Musik in Argentinien hatte ironischerweise der Falkland-Krieg 1982, der es den Radiosendern verbot, englische Rockmusik zu spielen, was zum ersten Mal einer breiten Masse von Hörern einheimische Rockmusik zugänglich machte. Zum gleichen Zeitpunkt aber entstand ein Schwarzes Loch in der Rockbewegung, was einer kleinen Gruppe um Daniel Melero ermöglichte, elektronische Musik auf großen Bühnen live zu spielen. Die Reaktionen sind nicht allzu gut, und alsbald mißt man ihren Erfolg bzw. Mißerfolg an der Menge der Früchte, mit denen sie bei ihren Liveauftritten beworfen werden (gegen Ende ihrer Live Auftritte immerhin noch 200 Kilo) Daniel Meleros Umgang mit elektronischen Geräten bringt ihm schnell den Ruf ein, der argentinische Brian Eno zu sein. Was nicht zuletzt daran liegt, daß er sich ständig auf Eno bezieht. Auch gehört er zu der ersten Garde von Musikern Südamerikas, die mehr daran interessiert sind, Knöpfe zu drehen und zu drücken, anstatt klassische Chords zu spielen. Mit Revox Band-Maschinen entstehen seine ersten Stücke. 1985 veröffentlicht Daniel Melero mit seiner Gruppe ‘Los Engargados’ die erste Platte mit dem Namen “Silencio”. Die Revolution begünstigt den Kauf von elektronischen Geräten, die gegenüber sündhaft teuren Gitarren wohl niemand wirklich haben will und somit die Entwicklung von elektronischer Musik. Die Kassettenkultur ist auf dem Höhepunkt, man trifft sich an geheimen Orten per Telefonanruf und kauft in bester Drogen-Dealer Manier Industrial Tapes des Tapelabels von Daniel Melero. Bands wie Uno X Uno, die Death in June-änliche Musik spielen und Quum widmen ihre Musik dieser Stimmung. Die Kluft zwischen politisch motivierten argentinischen Rockbands und den Anfängen der Elektronik Bands ist groß. Erst mit dem Anfang der 90er teilt sich die Rockbewegung in Rock und Sonic Rock Bands, wobei die letzteren ihren Namen durch ihre Verehrung von “Sonic Stars” wie Michael Jackson und anderen Pop Stars bekommen. Parallel dazu entwickelt sich die argentinische Indie Szene mit ihren Protagonisten Carola Bony und Estupendo (siehe CD Reviews), wobei letztere bis heute CDs auf dem Label Sonoridades Amapola veröffentlichen.1990 beginnt Daniel Melero zusammen mit Sonic Rock Bands zu spielen und veröffentlicht zusammen mit Gustavo Cerati unter dem Namen “Soda Stereo”. Weitere Projekte sind Saint Colours “Colores Santos” und das Depeche Mode-änliche “Ficcion Disco”. In den nächsten Jahren veröffentlicht er weitere exzellente Minimal-Elektronik auf CD, wie “Operacion Escuchar” und “Rocio”, steht aber gleichzeitig vielen anderen der Szene bei Produktionen hilfsbereit zur Seite. Daniel Melero gilt in Argentinien schon lange als der lebende Beweis dafür, daß man Pop Musik und gleichzeitig anspruchsvolle Elektronik machen kann, ohne Kompromisse eingehen zu müssen. 1997 erscheint als Soundtrack zum ‘II Festival Internacional De Video Y Artes Electronicas’ zum ersten Mal eine CD, die den Großteil der argentinischen Elektronik Szene vereint, wie z. B. Klauss (den Tangerine Dream Argentiniens), Resonantes, Carola Bony, Estupendo und etliche andere. Eckpfeiler des europäischen Einflusses für viele argentinische Elektronik Bands sind The Orbs erste Veröffentlichung, Aphex Twins Ambient Works und nicht zuletzt die CDs von Oval. Die Bewunderung für letztere hat dazu geführt, daß man in Buenos Aires einen ‘Oval’ Club ins Leben gerufen hat (http://www.macsupport.com.ar/oval.html), wo sich die Szene trifft. Für die Insider vielleicht noch wichtiger als Oval, sind in letzter Zeit laut Aussagen von Pablo Schanton Microstoria. Ambient-experimentelle Produktionen bestimmen hier fast die gesamte Elektronik Szene. Eine wichtige Unterstützung für die Szene ist der älteste DJ Argentiniens, wie man ihn liebevoll nennt, Daniel Nijensohn, der mit seinen 46 Jahren noch immer wie 30 aussieht, und der in seinem Plattenladen in der Maipœ 971 (Einkaufspassage Galeria Del Este) zwischen Tango und Jazz Platten auch die einheimischen Elektronik CDs führt, die vermutlich viele seiner Bankerkunden abschrecken dürften. Zu Hause ist er ein manischer Schallplattensammler, der alle Erwartungen übertrifft. 4 To The Floor Techno in Buenos Aires? Seit 1990 aktiv ist das DJ Kollektiv Urban Groove, das in der Stadt Parties veranstaltet und die treibende Kraft in Sachen Techno ist. Bisher haben sie eine CD veröffentlicht, die dem Vergleich mit frühen Overdrive Platten standhalten könnte. Die DJs rund um Diego Cid und Ro-K verstehen es, die Massen zu mobilisieren und spielen vornehmlich harten Techno, wie man ihn auch in Deutschland in den Clubs hört. Jeff Mills, Surgeon und Richie Hawtin sind feste Begriffe, wobei die Auswahl der 12″s durch die kleine Menge an Import Platten beschränkt ist. Im Zentrum des Interesses stehen Stücke mit fetter Bassdrum und temporeflektierenden, schnellen Frequenzen. Ihre Veranstaltungen finden vorzugsweise im Patheon, einer richtigen Discothek, statt. Im Morocco, einem Club, der auch schon mal bessere Zeiten gesehen haben muß, läuft meist guter House. In Buenos Aires gibt es keine regelmäßigen großen Raves, wie die Goa Parties für bis zu 5000 Leute in anderen lateinamerikanischen Ländern, dafür aber auch glücklicherweise generell für diese Art von Musik wenig Interesse. Im Unterschied zum europäischen Club-Publikum handelt es sich um eine kleine elitäre Gruppe von Leuten, Künstlern, Designern etc., die es sich leisten können, dreimal in der Woche auszugehen. Drogen sind bis auf Gras, das viel und in kleinen Sticks bis aufs letzte geraucht wird, selten. Alkohol wird extrem kontrolliert konsumiert. Gibt es Techno Medien? Die einzige Technozeitschrift in Buenos Aires nennt sich La Guerra (laguerra@webcafe.com.ar) und befindet sich bei ihrer ersten Ausgabe. Sie ist ein kopiertes Heft mit dreißig Seiten und bietet Gespräche mit Theoretikern, Interviews mit englischen Technogrößen, Mode Tatoos und diverses undefinierbares Künstlerrevoluzzertum mit einigen Nacktphotos.

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Elektronische Lebensaspekte.