Von Mouse On Mars über Microstoria zu Lithops: Jan St. Werner ordnet sich neu und gräbt sich auf seinem Soloalbum "Scrypt" anhand von althergebrachten Strukturen zur Abschussrampe für musikalische Klischees.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 74

Der Lärm des feines Unterschieds
Lithops/Jan St. Werner

In meiner Wohnung ist es laut, die Nachbarn sind leise. Von meinen vier Wänden hallt ein Soundgewitter wieder – eine Collage aus sich widersprechenden, sich aneinander aufreibenden, einander messenden Klängen aus tausend verschiedenen Details, von denen das ein oder andere Brachiale meine Nachbarn zum angestrengten Weghören und mich zum aufmerksamen Zuhören motiviert. Die Musik polarisiert kalkuliert – gerne würde ich mich jetzt durch meinen Hausflur klingeln und meine Nachbarn fragen, an welche Wand sie sich stellen würden oder mit denen, die auf der gegenüberliegenden Seite stünden, ein Gespräch anfangen. Aber dafür bleibt keine Zeit, ich stelle mich auf eine Seite und befrage den Urheber des Ganzen zu seinem Sammelsurium aus Gitarrenteppichen, elektronisch nachbearbeiteten Instrumenten, zerhackten rhythmischen Strukturen und sich brechenden Harmonien.

Debug: Deine Musik hat etwas Soundtrackartiges, rührt daher der Name des Albums?
Jan St. Werner: Die Idee ist, dass Musik wie ein Text funktioniert, akustische Information zum Lesen. Das Verborgene, Unentschlüsselbare ist das Kryptische daran, ein persönlicher Code ohne Dechiffrierung: Script und Crypt. Lesbare Struktur und verschlüsselte Zeichengruft. Der Titel passte für mich zu der Geschichte der Platte.

Dualismen abarbeiten; Struktur thematisieren

Debug: Du arbeitest bei “Scrypt” mit einem Spannungsbogen. Eigentlich eine sehr konventionelle Herangehensweise an eine Albumproduktion?
Jan St. Werner: Vielleicht. Aber welche Alben haben schon noch solche Spannungsbögen? Die ganze Platte versucht sich an relativ konventionellen Mustern: Einleitung, Hauptteil, Schluss, Variation, schnell, langsam, künstlich, organisch, etc. Ich wollte Struktur thematisieren, Klischees aufbauen, zerreißen, alles mit Sounds überladen.

Neue Musik oder neue Verbindungen

Debug: In einem alten Mouse on Mars-Interview sprichst du davon, dass die einzige Erwartung, die du an Musik hast, sei, dass du etwas hören möchtest, was du so noch nie gehört hast. Glaubst du, dass das möglich ist?
Jan St. Werner: Das geht schon, man muss nur in seiner Aufmerksamkeit beweglich bleiben. Es liegt ja am Hörer. Je besser man hört, desto weniger ist man an Gesten interessiert, sondern will immer weiter in die Struktur der Musik eindringen und neue Verbindungen finden. Die eigentliche Arbeit ist hierbei, eine stringente interessante Entwicklung und eine bewegliche Kombination der Klänge zu erreichen.

Debug: Warum verwendest du dann so plakative Identifikationsmerkmale experimenteller elektronischer Musik wie White oder Pink Noise oder diese typischen Zahnarztbohrer-Geräusche, die dieser “Sparte” schon so lange immanent sind, dass sie mittlerweile wie Erkennungsmelodien oder Zitate funktionieren?
Jan St. Werner: Pures Rauschen habe ich nicht verwendet. Auch wenn es so klingt, waren solche Assoziationen nicht meine Absicht. Aber wenn es weh tut, kann es nur interessant sein. Wenn sich nichts tut, hab ich was falsch gemacht.

Debug: Wo hört für dich Musik auf und wo fängt Lärm an, wenn man – wie du sagst – Musik machen kann, ohne Musik zu denken? Oder ist Lärm immer auch Musik?
Jan St. Werner: Was unter Lärm verstanden wird, ist doch sehr verschieden. Körperliche Empfindlichkeiten, Erfahrungen mit Musik, Neugier, Konzentrationsfähigkeit. Lärm ist etwas, was nervt. Plump strukturierte Musik ist Lärm in meinen Ohren. Scrypt ist vielleicht lärmig und ungeordnet an manchen Stellen, aber ich empfinde es ästhetisch als passend.

Absichtliche Absichtslosigkeit

Debug: In deinem Platteninfo steht, deine Musik klänge nie gewollt. Was kann an experimenteller Musik ungewollt sein, gerade, wenn sie aus einem bestimmten Anspruch, einer Intention heraus entsteht? Wenn dort steht, “Scrypt” bilde eine perfekte Balance zwischen Gefühl und Intellekt, stellt sich mir sofort die Frage nach deiner Produktionsmethode, wie machst du Musik? Verschiebst du stundenlang ein einziges Detail oder passieren musikalische Improvisationsexperimente?
Jan St. Werner: Wenn etwas ungewollt wirkt, steckt oft viel Arbeit dahinter. Wie bei einem guten Film oder Buch, wenn man den Raum um sich herum vergisst. Man muss meistens die ersten offensichtlichen Absichten durchstehen, um dann wieder rauszuschmeißen, was unnötig war. Man schichtet übereinander und versucht den kleinsten Schnipsel noch hörbar zu halten. Wenn die Platte unverkrampft klingt, freut mich das und ist in Anbetracht der vielen verwendeten Sounds ein gewisser Erfolg.

Vielleicht ist Lithops keine Musik für begrenzte Räume, vielleicht sollte man Jan St. Werners neuestes Werk im Freien hören. Oder eben auf Kopfhörern – nur hören. Während mein Kopf zum letzten Track wippt, klingeln meine Nachbarn nun schon zum zweiten Mal.

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Elektronische Lebensaspekte.