Frickeln allein macht auf die Dauer auch nicht glücklich. Und so faszinierend MAX/MSP auch immer noch ist, Sascha Ring aka Apparat lässt die Synthese auf seinem dritten Album "Duplex" Synthese sein und holt sich ein paar Musiker ins Studio. Ganz Old School. Herausgekommen ist ein Monster von einem Album. sagt Thaddeus Herrmann. Und der muss es wissen.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 75

Es gibt diese Szene bei “Die drei ??? und der Kapartenhund”, in der Justus Jonas und Bob Andrews in einer Kirche niergergeschlagen und dann eingeschlossen werden. Wieder aufgewacht bollern sie gegen die Tür und werden schließlich vom Pfarrer gefunden. Nach kurzer Unterhaltung reicht Justus dem Pfarrer die Visitenkarte der Detektive und ermuntert den Pfarrer, sich bei ihnen zu melden, sollte dieser noch Fragen haben. Der Pfarrer sagt daraufhin lediglich: “Fragen? Ich habe keine Fragen.” Bei der neuen LP von Apparat aka Sascha Ring fühle ich mich wie eine Mischung aus beiden Charakteren. Tracks wie “Steinholz” erschlagen mich und sobald ich wieder zurechnungsfähig bin, kann ich nur sagen: “Fragen? Nee, hab ich nicht. Mir ist alles klar, so sonnenklar, wie es mir noch nie war.”

“Duplex”, besagtes neues Album, ist ein Monster, im positivsten Sinne, ist advanct wie lange kein Album mehr, ohne das stolz zur Schau zu stellen. Vielmehr verweist Sascha Ring, der auf seinen beiden Vorgänger-Alben “Multifunktionsebene” und “Tttrial And Eror” seine Fähigkeiten als Programmierer eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat und in Berlin schon lange als offizieller MAX/MSP-Beauftragter gilt, auf “Duplex” sowohl die Elektronik als auch die verstärkt zum Einsatz kommenden akustischen Elemente auf ihre Plätze und lässt die Tracks einfach aus ganz eigener Kraft leuchten, lässt jegliche technische Feinheit erscheinen, als sei es das Normalste der Welt, und revolutioniert das elektronische Songwriting. Strike. Oder so ähnlich. Da muss man auch gar nicht viele Worte verlieren und sich schon gar nicht an überstrapazierten Allgemeinplätzen abarbeiten. Wie das denn ist mit der Invasion der Sänger und akustischen Instrumenten in der elektronischen Musik und warum das jetzt alle machen und ob die Frickelei jetzt ein für alle Mal vorbei ist und wie es denn um Gottes Willen weitergeht oder weitergehen könnte. Vielmehr macht man die Augen zu und stellt sich vor, wie Apparat den Club rockt, seine zurückhaltenden Tracks mit Bassdrums aufmotzt (“Ich hatte auch mal eine Gabba-Phase, ja.”) und einfach alles in Schutt und Asche legt. Wieder im positivsten Sinne, denn: Apparat ist ein Guter und mit den Platten von Cosmic Baby aufgewachsen.

Laune verderben mit Loop-Techno
“Das hat damals irgendwie gepasst”, wiegelt Sascha ab, “ich war auch noch klein.” Als ob man sich da rechtfertigen müsste. Über MfS-Releases in Berliner Plattensammlungen könnte man die eine oder andere Enthüllungsgeschichte schreiben. Und außerdem war diese Phase ziemlich schnell wieder vorbei, Apparat kaufte Plattenspieler und fing an aufzulegen, “härter und härter und härter und irgendwann hat mir Loop-Techno alles verdorben und ich kaufte meinen ersten Synthesizer und alles ging mehr in Richtung Kerzen anzünden.” Schließlich kam der Umzug nach Berlin, erste Demos wurden verschickt und neben Jetlag interessierte sich Marco Haas von Shitkatapult, ebenfalls gerade nach Berlin übergesiedelt, für die Tracks. Beide verstanden sich so gut, dass sie sich fortan gemeinsam um das Label kümmerten. Heute, Jahre später, kann sich Sascha Ring eigentlich genüsslich zurücklehnen, denn außer dem immer noch nicht begonnenen Studium (“kommt immer wieder was dazwischen”) läuft alles nach Plan, auch wenn es fürchterlich stürmisch ist beim Interview und der Apfelsaft fast vom Tisch fegt.

Apparat:
Ich wollte das immer machen … mehr Instrumente in die Tracks packen. Das hat eine Weile gedauert. Den Sänger zum Beispiel habe ich ganz einfach per Aushang an der Musikhochschule gesucht. Wir haben ein bisschen gebraucht, bis wir uns sozusagen synchronisiert hatten, aber dann war es prima. Im Unterschied zu den ersten beiden Platten, habe ich “Duplex” gründlich geplant, mir eine Library an Sounds angelegt, ganz gezielt ein paar Patches programmiert und mit diesem Grundstock dann angefangen, an den Tracks zu arbeiten. Prinzipiell hatte ich von Synthese aber die Nase voll, ich konnte das alles nicht mehr hören. Mittlerweile ist das schon wieder ein bisschen anders.

Debug:
Wird ja eh alles gerade wieder fluffiger zur Zeit, oder? Die Zeit des endlosen Programmierens ist irgendwie vorbei. Oder zumindest veröffentlichen die Leute nicht mehr jedes neue Patch auch gleich als Track.

Apparat:
Absolutes Revival, ganz klar. Oldschool. Mal wieder einen Drumcomputer benutzen, ohne die Snare stundenlang nachzubearbeiten. Sounddesign ist irgendwie komplett abgecheckt. Ich frage mich zwar immer noch bei bestimmten Tracks, wie die das zur Hölle gemacht haben, aber ich möchte selber sowas nicht mehr machen. Die Zeitspanne zwischen Idee oder Motiv und Ergebnis muss einfach wieder kürzer werden, gerade wenn man mit anderen Leuten zusammenarbeitet.

Debug:
Wieso überhaupt selber programmieren?
Apparat:
Früher war die Motivation ganz klar ein Innovationsdrang. Diese naive Vorstellung, jeder Track müsse und könne das Rad neu erfinden und wenn Autechre etwas schon mal gemacht hatten, konnte man eh alles hinschmeißen. Geändert hat sich das ja auch nicht wirklich. Die einen feiern neue Tracks, die anderen behaupten, dass sei auf “Amber” alles schonmal vorgemacht worden.

Debug:
Außerdem gab es plötzlich so eine Hetzjagd auf diese Musik.
Apparat:
Zu Unrecht. Wenn heute irgendwo Minimaltechno läuft, sagt ja auch keiner “Ey, Maurizio”. Aber so ist das halt. Ich sage nicht, Elektronika ist tot, man muss sich einfach umschauen und für sich selbst rausfinden, wie man weitermachen will. Ich hab ja sogar mal Schlagzeug gespielt, so richtig in der Musikschule mit theoretischer Ausbildung. Mich ärgert total, dass ich damals zwei, drei Jahre zu jung war, um nicht bei einer dieser Kellerbands einzusteigen. Als dann die elektronische Musik losging, hab ich mich gefragt, warum um Gottes Willen ein Schlagzeug.

Debug:
Ich habe das Gefühl, im Moment bringen alle Platten raus mit den Tracks, die sie schon immer machen wollten, aber nie konnten, warum auch immer. Ist “Duplex” auch das Ende deiner Beta-Phase?
Apparat:
Eigentlich hat sich nicht viel geändert. Ich bin nach wie vor ein wenig sentimental in den Melodien, vielleicht haben sich die Sounds und das Arrangement ein bisschen verändert, was auch daran liegt, das in einem Track mittlerweile viel mehr Zeit steckt. Aber du hast schon recht. Viele Platten in den letzten Jahren waren einfach nur Experimente. Dass das dann gleich veröffentlicht wurde, ist komisch. Zwar cool, aber doch komisch.

Debug:
Hat ‘ne Menge kaputt gemacht…

Apparat:
Kann sein. Heute ist die Hemmschwelle viel kleiner, um sich in das Musikmachen reinzustürzen. Das merke ich vor allem als Labelbetreiber. Das ist ganz doll schlimm. Demos werden immer schlechter. Ich habe in letzter Zeit auf jeden Fall gemerkt: Mir ist das alles nicht easy genug. Ich höre beim Arbeiten auch gerne Otto von Schirach, aber irgendwie ist es das nicht.

Debug:
Live ist das aber wieder eine ganz andere Geschichte …

Apparat:
Ja, live ist alles viel straighter. Weil man ja letztendlich doch immer wieder im Club spielen muss und es einfach auch verdammt viel Spaß macht zu rocken. Die Jungs von Modeselektor haben mir das wieder beigebracht. Wenn wir zusammen als Moderat spielen, sind unsere Rechner einfach nur gesynct, alles andere passiert einfach. Drauf los. Das haben mir die Jungs beigebracht. Und ich bezahle in Form von Software. Das reizt mich immer noch. Wenn ein Problem auftaucht, irgendwas programmiert werden soll, dann setze ich mich die ganze Nacht hin und frickel.

Zum Glück steht groß auf dem neuen Apparat-Album “There Are Things That Can Never Be Frickeled”. So wird plötzlich alles klar. Danke, Apparat.

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Elektronische Lebensaspekte.