Ein Furz von Autechre ist ein Erdbeben in der IDM-Welt. Auch nach zehn Jahren wird ihr neues Album "Draft 7.30" nach göttlichen Fingerzeigen abgesucht. Sean Booth freut sich im Gespräch mit Thaddeus Herrmann über immer kompliziertere Musik, die immer populärer wird.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 70

Acid, Innit!

Autechre haben einen langen Weg hinter sich. Innerhalb von über zehn Jahren haben Sean Booth und Rob Brown wie kein anderes Projekt die elektronische Musik abseits des 4/4 Dancefloors stilbildend beeinflusst, Mal um Mal revolutioniert und geprägt. Autechre sind dem Rest der Welt immer Jahre voraus. Vom Debutalbum “Incunabula”, das, mit traditionellen Techno-Equipment aufgenommen, die englische Definition von melodiöser Listeningmusik über den Haufen warf, über Platten wie “Tri Repetae” oder “Chiastic Slide” bis hin zu “Confield”, einem kakophonischen Angriff auf etabliertes Sound- und Rhythmusgefühl, sind Autechre immer auch Maß der technischen Produktionsmittel, des Verständnisses neuer Software und somit Sinnbild musikalischer Evolution. Eine lebende Metapher für das, was die Mailinglisten einst IDM nannten und mittlerweile als Elektronika in alle Kanäle durchgesuppt ist. Autechre hat das nie gekümmert. Das Leben als Referenz, als immer wiederkehrender Bezugspunkt und die daraus resultierende Verweigerungshaltung, wie auch immer geartete Erwartungen zu erfüllen, hinterlassen Autechre als Godfathers eines Stils, der für viele nur noch vorgeschobenes Argument ist. Ähnlich wie Kraftwerk schweben Autechre über einer Welt, die in den Augen der Rezipienten schon völlig anders aussieht. Jetzt, zehn Jahre nachdem das Projekt Autechre auf Warp seinen Anfang nahm – die UK-Hardcore-Phase blenden wir hier bewusst aus – legen Booth und Brown mit “Draft 7.30” ein Album vor, das innerhalb der über die Jahre gewachsenen, aberwitzigen Trackstrukturen den Kontakt mit einer Vergangenheit sucht, die Autechre zu dem gemacht hat, was sie heute sind.
Autechre zu treffen, steht für mich unter einem schlechten Stern. Irgendwie klappt es nie, jedenfalls nie, wenn es drauf ankommt. Vor ein paar Jahren verschwanden Sean Booth und Rob Brown einfach im Berliner Dschungel und dieses Mal braucht der Journalist zwölf Stunden von Berlin nach London, nur um dann an der Paddington Station festzustellen, dass der letzte Zug in das verträumte Kaff, in dem Autechre die ganze Woche Interviews geben, schon lange weg ist. Danke, Ver.di, so ein Streik des Flughafenpersonals ist highly appreciated, besonders in der Kombination mit der königlich-britischen Fluggesellschaft, die das Ersatzflugzeug flotte zehn Stunden später auf den Weg bringt. Nach diversen Textnachrichten verabreden wir uns schließlich zum gemeinsamen Frühstück am Telefon. Ich bin Journalist Nr. 41, der die beiden zu ihrem neuen Album befragt, einer Platte, die dem Phänomen Autechre dieses alte Euphoriegefühl zurückgibt. Obwohl ähnlich komplex wie der Vorgänger “Confield” ist “Draft 7.30” der perfekte Mittelweg zwischen höchst anspruchsvollen Programmierungen jenseits aller Genres und dem ganzen Rest, der Autechre immer ausgemacht hat. So wie sie völlig in unübersichtlichen Max-Patches versinken können, legen sie am nächsten Tag in einer kleinen Bar in Manchester Acid auf oder spielen die gesamte “Amber”-LP live. Es war live und ich war dabei. Autechre, soviel ist sicher, machen immer, was sie wollen. Und mögen es gar nicht, wenn Journalisten ihre Platten in Interviews auseinandernehmen. Und wer will Samstag um 10.00 Uhr schon über Max-Patches und Wellenformen reden? Und so meldet sich ein fröhlicher Sean Booth am Telefon.

Debug:
Morgen, Sean. Wie war eure Woche? Habt ihr die Interviews gut überstanden?
Sean Booth:
Jaja, es war ok. Am dritten Tag dachte ich mal, dass ich das nicht überlebe, aber dann war es wieder ok. Wie üblich waren die Reaktionen sehr gemischt. Einige haben gesagt, die neue Platte sei zugänglicher. Eine Journalistin sagte, es wäre der perfekte Soundtrack für einen Spaziergang in einer Satellitenstadt, wieder ein anderer sagte, es sei rough. Generell war das Gefühl so, dass das neue Album zugänglicher sei, gerne auch in Verbindung mit dem Prädikat “dark”. Ich weiß zwar nicht, wie das zusammenpasst, aber bitte … Es war einfach nicht so extrem wie bei “Confield”. Diese Platte haben die Leute entweder gehasst oder geliebt. Das Problem mit Autechre ist, dass die Leute extrem hinterher sind, sofort ihre Eindrücke wiederzugeben. Das ist so eine Art Wettbewerb, vor allem im Netz, einerseits das Album so früh wie möglich zu bekommen und dann auch gleich den Rest der Welt daran teil haben zu lassen: Seht mich hier, ich hab das neue Autechre Album eine Woche früher als alle anderen. Und es ist Scheiße! Dabei brauchen die Leute eine Weile, um sich mit der Musik zu beschäftigen. Ein paar Tage, damit es klick macht.

Fortschritt durch Rückschritt

Debug:
“Draft 7.30” klingt wie ein Rückschritt in der Autechre-Evolution, ganz im positiven Sinn. Das neue Album bringt alte Einflüsse wieder mehr an die Oberfläche. Ein paar zaghafte Melodien, alles klingt strukturierter, und das, obwohl es scheint, als hättet ihr im Gegensatz zu “Confield” nur einen kleinen Schalter umgelegt, minimale Veränderungen vorgenommen …
Sean Booth:
Vielen Dank! Während der letzten Jahre habe ich mich fast völlig davon verabschiedet, neue Software zu benutzen, Sachen auszuprobieren, was meinen Steuerberater zwar auf die Palme bringt, mir aber enorm dabei hilft, sich wirklich inspirieren zu lassen. Als wir anfingen, Musik zu machen, hatten wir so begrenzte Möglichkeiten, dass es für uns ganz normal war, das Equipment bis zum Maximum auszureizen. Nach unserer ersten LP waren wir in Amerika und trafen einen Typen, der sich innerhalb von einer Woche unser gesamtes Studio zusammengekauft hatte, um genau die Musik zu machen, die wir auch machten. Wie soll das funktionieren? Kauf dir 20 Geräte auf einmal und keiner deiner Freunde wird dich je wiedersehen. Man kann doch nicht alles auf einmal lernen. Heute ist das noch einfacher. Ein komplettes Studio passt heute auf eine CD und die meiste Software ist auch noch umsonst. Natürlich beeinflusst das die Musik, die dann auch gemacht wird. Da sind Leute, die sich einfach nicht intensiv genug mit ihrem Equipment auseinander gesetzt haben, immer nur neue Sachen ausprobieren. Wir als Autechre können mittlerweile alles machen, was wir uns je vorstellen konnten – wir brauchen keine neue Software und kein neues Equipment. Bei “Confield” ging es vor allem um Patterns, die sich selbst generieren und verändern. Das neue Album basiert immer noch zum Teil auf dieser Herangehensweise, mit dem großen Unterschied, dass wir im Nachhinein extrem in das Material eingegriffen haben. Seit ungefähr vier Jahren komponieren wir wieder mehr. “Draft” ist komplett komponiert. Das Problem mit diesen Patches, die sich selbst generieren, ist, dass man vielleicht 1 1/2 Stunden Patch-Sound hat, den man aber nach drei Wochen gerne wieder editieren würde. Und dann hast du ein Problem, und das nur, weil dir eine Snare nicht mehr passt.

Debug:
Wenn du sagst, dass ihr seit vier Jahren wieder richtig komponiert, passt Confield ja eigentlich gar nicht in dieses Bild. Das ist für den Plattenkäufer schwierig nachzuvollziehen.
Sean Booth:
Das stimmt. Aber bei uns geht es eh ziemlich durcheinander. “Gantz Graf” haben wir zum Beispiel vor Confield gemacht. Der Release hat sich nur so verzögert, weil das Video nicht fertig wurde. Die Sachen, die wir veröffentlichen, spiegeln immer nur zum Teil unsere zu diesem Zeitpunkt aktuellen Einflüsse und Arbeitsweisen wider.

Debug:
In welche Richtungen hat sich Autechre abseits der Veröffentlichungen entwickelt?
Sean Booth:
Vieles passt einfach nicht auf die Alben. Entweder die Tracks sind zu hart oder zu langsam oder zu lang oder zu schnell. Oder einfach zu gut. Das klingt komisch, aber man muss sich manchmal dazu durchringen, Dinge wegzulassen, um die Balance zu halten. “Gantz Graf” hätte auf Confield sein können, hätte aber einfach nicht funktioniert. Tracks, die nicht rauskommen, sind wieder Inspiration für neue Stücke. Wir wissen dann zwar, dass wir diese Idee schon mal in der Mangel hatten, die Leute, die die Platten kaufen, aber nicht. So funktioniert’s für alle. Weißt du, wir haben in dieser Woche 40 Interviews gegeben und ich habe dabei viel darüber nachgedacht. 10 Jahre Autechre, was da alles passiert ist …

Debug:
In kaum einer Dekade hat sich technisch so viel verändert. Und mir fällt kein Projekt ein, bei dem man diese Entwicklungen so kondensiert mitverfolgen kann. Wenn man jemandem, der mit eurer Musik überhaupt nicht vertraut ist, “Incunabula” und das neue Album vorspielt …
Sean Booth:
… du meinst, dass der nicht glauben würde, dass die selben Musiker dahinter stecken.

Debug:
Ich weiß nicht …
Sean Booth:
Na wenn doch, dann Hut ab! Natürlich möchte ich denken, dass unsere Entwicklung über die Jahre ganz offensichtlich ist und man das selbst noch mitbekommt, wenn man nur beide äußeren Enden sozusagen hört, aber vielleicht ist das zuviel verlangt. Ich höre “Incunabula” immer noch ziemlich oft. Die LP war so brutal naiv und wir waren so naiv, dass die Tracks eine wahnsinnige Schönheit haben.

The kids are alright

Debug:
Für die Kids ist Autechre ja mittlerweile eine feststehende Trademark, die das ganze IDM-Universum definiert: Die Melodien von damals und, wenn man es mal negativ formuliert, ein sehr abstrakter oder sogar akademischer Sound.
Sean Booth:
Daran gewöhnt man sich. Wenn den Autechre Sound etwas definiert, dann unser Geschmack. Es gibt in allen Welten beeindruckende Musik und natürlich haben wir einfach sehr viel Musik gehört. Für mich gibt es keinen großen Unterschied zwischen A Guy Called Gerald und Tod Dockstader. Beide können dich wegblasen. Mir geht es nur um Klang. Das Problem vieler akademischer Komponisten ist einfach, dass ihre Werke zu konzeptionell angelegt sind und das inhaltlich, also klanglich nicht abgefangen werden kann. Es ist einfach langweilig. Aber in akademischen Kreisen sind die technischen Voraussetzungen immer die modernsten. Mit den Mitteln, die dort zur Verfügung stehen, kann man alles Vorstellbare umsetzen. Aber keiner tut es! Das Beste ist, sich mit diesen Techniken zu beschäftigen und sie in das eigene Schaffen zu integrieren. Wir haben ganz eindeutig von den Entwicklungen profitiert. Die Ircam in Paris zum Beispiel lässt dich 500 Pfund zahlen als Mitgliedsbeitrag und man bekommt eine Handvoll Softwaretools. Das ist Abzocke. Als Cycling 74 damals die Entwicklung von MAX/MSP übernahmen, geschah dies, um Musikern eine Umgebung zur Verfügung zu stellen, die sie sonst nie hätten nutzen können. Bei uns hat das funktioniert. Über solche Programme lernt man sehr viel über das Programmieren als solches, ohne sich wirklich in einem Studium damit beschäftigt zu haben. Es geht darum, Ideen intuitiv umsetzen zu können. Deshalb mag ich auch Supercollider nicht. Wenn ich das benutze, habe ich das Gefühl, in einer Bank zu arbeiten. Das ist nicht die Idee …

Debug:
Aber die Programme werden doch immer komplizierter und komplexer. Generell. Da ist nicht viel mit intuitivem Arbeiten …
Sean Booth:
Wir haben 1 1/2 Jahre gebraucht, um mit Max wirklich Musik zu machen, die wir mochten. Klar kann man schnell irgendwelche Sounds generieren, aber die Idee ist ja schon, die ganzen bereits vorhandenen PlugIns wegzulassen und das Programm wirklich zu begreifen. Aber es gibt mittlerweile gute Alternativen. Umgebungen, die ganz ähnlich arbeiten, aber noch viel einfacher arbeiten, mit noch reduzierterem Interface.

Debug:
Wie fühlt es sich an, die Referenz zu sein für Millionen von Kids da draußen …
Sean Booth:
Ist das so?

Debug:
Oh doch …
Sean Booth:
Eigentlich glaube ich, dass das eine ganz gute Sache ist. Wenn es bedeutet, dass die Kids auch Musik machen, dann super. Bei mir war es dasselbe. Blöd wird es, wenn alle versuchen, dich nachzuahmen. Aber auch das kann man nicht verhindern. Ich höre so viel Musik, die mich überhaupt nicht interessiert und die ich richtig schlecht finde und dann erzählt mir ein Freund, dass das wie Autechre klingt – da wird’s unangenehm.

Debug:
So bald Beats eine gewisse Struktur haben, kannst du sicher sein, dass in den Reviews Autechre als Referenz auftaucht …
Sean Booth:
Und das geht jetzt wie lange so? 8 Jahre? Wahnsinn. Zumal es ja nicht stimmt, weil der Sound ja nicht unser Eigentum ist. Wenn ich solche Sachen lese, besorge ich mir die Platte und denke: Nein, das stimmt nicht. Das ist vielleicht gut, aber es klingt nicht wie Autechre. Die Leute denken, wir haben bestimmte Trademark-Sounds entwickelt über die Jahre, aber wenn da jemand ein Copyright oder so drauf anmelden könnte, dann die Software, die die Beats ausgespuckt hat. Wenn ich an crunchy Beats denke, dann denke ich nicht an Leute, die immer mit uns verglichen werden, wie E.O.G zum Beispiel, sondern eher an Produzenten wie Trevor Horn oder Marley Marl. Wir machen, was wir machen. Für uns ist das ganz offensichtlich. Am besten wäre, wenn die Leute negativ reagieren würden und das ganze Spielchen umdrehen würden. Fuck, Autechre, nicht schon wieder. Wir machen jetzt was ganz anderes. Das wär fein.

Debug:
Das ist doch mit Confield passiert. Da war der Tenor, dass das nur noch zufällig generierter Quatsch war und ihr einfach alle verarscht.
Sean Booth:
Und trotzdem hat es sich gut verkauft und wahrscheinlich war genau das der Punkt, den dann niemand mehr akzeptieren wollte. Autechre machen eine neue Platte, der Himmel fällt uns auf den Kopf und die verdienen auch noch Geld damit. Während ich denke … wenn schon, denn schon. Wir machen keine Kompromisse. Mit immer komplizierterer Musik erfolgreich zu sein, ist ja kein Widerspruch. Auch wenn das immer wieder Leute sagen, dass Bands im Laufe ihrer Karriere immer konservativer werden. Und ich denke mir: What the fuck, was war bitteschön mit den Beatles?

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Elektronische Lebensaspekte.