Bernhard Fleischmann hat sich wohl wirklich lange an den besten Gewürzständen des Wiener Naschmarkts herumgetrieben. Seine neue Dreifachplatte "Welcome Tourist" baut mit fein elektronisch gewürzten Analogkonzepten irrsinnig musikalische Zauberbrücken irgendwo ganz oben im Bogen zwischen wamem Pop und aufregender Avantgarde, dort, wo manche Tracks auch eine Dreiviertelstunde dauern dürfen.
Text: Moritz Metz aus De:Bug 76

Und ewig ruft die Groovebox

Langsam senkt sich der Flieger über die putzige Landschaft Niederösterreichs, schwebt wie eine große Hummel über die bunten Fleckerlteppiche der herbstlichen Felder, während die Musik im Kopfhörer dazu genauso fröhlich brummt und summt, als wären die wachsenden Häuschen und Vorgärtchen im Landeanflug auf den Wiener Airport nur die Luftschlösser eines schönen Nachmittagstraumes. “Bitte anschnallen und alle elektronischen Geräte ausschalten!” will die Stewardessenstimme die fliegende Freude unterbrechen, doch die Musik von B. Fleischmann, den ich gleich da unten treffen soll, ist echt zu nett, um einen Jumbojet abstürzen zu lassen, und ich verzichte guten Gewissens auf die Stop-Taste. Gut gelandet, den Rucksack vom Gepäckband genommen, da könnte er jetzt gleich stehen, unser Debug-Liebling, freundlich lächelnd und mit einem großen Schild winkend, darauf die verschlungenen Lettern seines neuen Albums “Welcome Tourist”, zumindest hatte er angeboten, mich abzuholen, doch das wollte ich nicht annehmen: Seine Musik kann das ja auch ganz gut, Touristen empfangen.

Im Innenstadtkaffeehaus Anzengruber bestätigt sich dann der meilenweit vorauseilende Ruf: Ein Liebling ist er wirklich, der Bernhard, mit tiefster Selbstverständlichkeit freundlich, ganz am Boden geblieben und so zuvorkommend nett, dass man sich gar nicht anders als wilkommen fühlen kann in der Hauptstadt der zurückgelehnten Gelassenheit; Über Platten plaudern, Melange schlürfen und Schnitzel reinschieben, mit Fleischmann ein feiner Genuss.

“Und Tourist sein ist ja eh super”, erklärt der 28-Jährige, dessen Wurzeln in einem Wiener Vorort liegen, der hier eine Waldorfschule besuchte und als Achtjähriger mit klassischen Klavierstunden in die Musik einstieg. Mit 15 sattelte Bernhard zum Schlagzeugunterricht um, “Speed Is Essential”, so hieß seine Punk-Hardcore-Band, man sieht, einen echten Musiker macht die Vielfalt aus, die er 1998 mit einer eigenen Groovebox noch erweiterte.
Ganz geschwind hatte hiermit die Elektronik Einzug in seine Welt gehalten und erfüllte ihm den alten Wunsch, eigene Werke zu komponieren, auch ohne Konservatorium und Violinenschlüssel, dafür mit Freiheit – und verdientem Erfolg. “Es war anfangs nur ein Ausprobieren mit der Groovebox. Ohne große Erwartungen gab ich dann bei Christoph Kurzmann, einem Mitbetreiber des ‘Rhiz’ eine Kassette mit vier Tracks ab, durfte dort dann plötzlich ein Konzert spielen und wurde von ihm im Anschluss gefragt, ob ich nicht eine CD auf seinem ganz neuen Label Charhizma veröffentlichen möchte, die 001, und klar wollte ich.”

Bernhards Debutwerk “Pop Loops for Breakfast” entstand 1998 in Windeseile – ausschließlich auf der Groovebox: “Ich konnte die damals noch nicht ganz perfekt bedienen und habe manche Stücke gar nicht richtig gespeichert; die sind heute weg. Zum Glück hatte ich alles mit dem Stereo-Output in meinen Minidisc gespielt, und das brachte ich dann ins Studio, und so wurde es einfach gemastert und veröffentlicht.” Die Welt war offensichtlich begeistert, und wenige Wochen später kam ein Anruf aus Berlin, von einem gewissen Thomas Morr, der über Weilheimer Umwege von Fleischmann erfahren hatte, und die Vinylversion der Frühstücks-Pop-Platte gleich als Erst-Release für sein ebenfalls neues Label Morr Music auswählte, während sich Bernhard dachte: “Was ist da jetzt eigentlich los”. Kurz darauf erschienen die “Sidonide EP”, dann “Choir Of Empty Beds”, und 1999 “tmp”, ein Konzertmitschnitt aus dem Wiener Museumsquartier. 24 war Berhard da, und sein Werk schon fast selbst reif für das Museum; wer legt schon mal schnell zwei schwere Grundsteine für hochkarätige Labels, die sonst eher unterschiedliche Ansprüche bedienen – und schiebt dann mit weiteren Platten nach, die fast allesamt dem schnöden Begriff Indietronics neue Maßstäbe setzen?

Deshalb war außer ein paar Filmmusiken nun eine längere Pause angesagt. Im letztjährigen Herbst reiste Fleischmann mit seiner Freundin nach Vietnam und Kambodscha, öffnete seine Ohren noch weiter und kehrte zurück mit vielen Bildern, Klängen und Erfahrungen, die beitrugen zu “Welcome Tourist”, das, wie vor fünf Jahren, als Doppelrelease bei den Labels seiner beiden Freunde Morr und Kurzmann erscheint – und mit besonderem Konzept: Im Schallplattenpaket stecken drei Tonträger: Zu der eigentlichen LP mit neun Tracks kommt eine 7″ mit “Le Desir” und “Sleep”, die Charhizma-Macher Christoph Kurzmann kurz aber eindrucksvoll mit Gesang und Saxophon zu echten Songs veredelt – und schließlich einem 46-Minuten-Erlebnishörspiel- und Kopfhörerwegfliegtrack auf CD, der ganz zu recht “Take your Time” benannt wurde.

“Es gehören eh viel mehr Brücken gebaut”

Komponiert hat Fleischmann wieder alles an der Groovebox, in einem neuen Heimstudio mit grünem Hof und Sonnenschein, aber war für Aufnahmen “endlich mal wieder an Klavier und Schlagzeug gesessen: Die elektronische Version von ‘Take your Time’ entstand zum Beispiel für eine Festivaleröffnung, aber ich wollte es dann auch veröffentlichen und habe einige befreundete Musiker eingeladen, es ganz instrumental einzuspielen. Wir haben viel improvisiert und richtig viel Zeit für die Aufnahmen gebraucht. Zwar hatte ich keine Idee, wie es klingen sollte, aber den Wunsch von einem Gefühl, wie sich das Zusammenspiel von den elektronischen und akkustischen Instrumenten am Ende genau in der Mitte trifft. Und es geht sich tatsächlich alles perfekt aus!”

So gibt es im Fortschritt zur alleinelektronischen Frühstücksplatte von 1998 heute eher warmes Abendbrot, bei dem gerade die Brücken zwischen den Instrumenten und Sparten das Ergebnis so musikalisch machen: Lebendige akustische Weltalltiefen, mit Fleischmann an Klavier und Schlagzeug, sowie seinen Improvisations-Kumpels Christof Kurzmann an Klarinette/Saxophon, Werner Dafeldecker am Kontrabass, Martin Siewert an der Gitarre und Burkhard Stangl am Vibraphon, bilden die warme Kraftsuppe von “Welcome Tourist”: atmend, ansatzweise jazzend, Themen aufgreifend und variierend, dabei immer veredelt durch die ruhigen Schönheit von Schallerzeugung durch echte Schwingung.
Hierzu versteht es jedoch Fleischmann wie ein Fünf-Sterne-Koch, die richtige Menge knuspriger Brotkrümel aus der elektronischen Speisekammer einzurühren. Sei es in Form von miniorchestralen Loopflächen, selbstgesammelten Samplebeats aus ratternden Vietnamesichen Zügen oder dem angenehm anschwellendem Lärm aus dem Rauschen eines kapputen kambodschanischer Fensehers. Und beim Brummbärknarzen in “Grunt” möchte man im ersten Moment sein Mobiltelefon weiter weg vom Lautsprecher nehmen, bemerkt aber dann gleich seine Berechtigung und hätte gerne Bernhards Nummer, um ihm zur genial richtigen Salzprise im wohlgewürzten Musikmenu zu gratulieren.

Eine Menge Mehrwert also durch den Konnektivismus zwischen Digital und Analog; so siehts auch Fleischmann: “Ich finde Lärm, der sich so hintenrum zur Musik hinzuschleicht ganz wunderbar, wenn Geräusche zu Teilen der Musik werden, und höre auch irrsinnig gerne solche Gitarrenkrachteppiche – aber auch klassische Musik oder Jazz. Es gibt überhaupt noch so viel zu entdecken! Deswegen ‘Welcome Tourist’ als Name, weil in man in jeder Platte, die man neu kauft, in der man auf eine Reise geht und neue Dinge entdeckt, ein Tourist ist. Der Titel sagt für mich also, dass man offen sein soll, dass man zuhören, sich auf was einlassen soll. Aber auch der Titel, weil wir uns auf der Asien-Reise immer wieder Gedanken über Tourismus gemacht haben. Es ist zwar total verständlich, dass man von uns Besuchern aus dem reichen Westen Geld erwartet, aber mir blieb das Menschliche zu oft auf der Strecke, für manche Leute waren wir nur der Bankomat. Ähnlich geht man auch hier manchmal mit Touristen um, denn sie bleiben höchstens einen Monat und bedienen einen wichtigen Wirtschaftszweig. Aber auf der anderen Seite werden die Zäune für Menschen, die nicht als Touristen kommen, immer höher; Menschen in Not heißt man meist nur sehr ungern willkommen!”

Eher zum Ende des eigentlichen Interviews erzählt Bernhard, dass er eigentlich gerne mehr Texte hätte in seiner Musik, aber mit eigenen Schreibversuchen nicht zufrieden genug war, weil nichts schlimmer ist als aussagslose Reimversuche. “Trotzdem soll der Hörer verstehen, dass ich mir Gedanken mache, und im Grunde die ganze Musik eine politische Aussage beinhaltet!” So erklingt gleich nach Ablauf der ersten Minute von “Welcome Tourist” ein explizit politisches Zitat des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen H.D. Thoreau, der 1848 das Essay “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat” verfasste. Den gesamten Hörbuchtext hatte Fleischmann schon 2000 bei einem Demonstrationskonzert gegen die rechtspopulistische Haider-Regierung abgespielt und mit Musik untermalt. Im Track “02/00” genügen dann auch wenige Sätze um klarzustellen, dass die beste Regierung diejenige ist, die gar nicht “regiert”. Und das meint Fleischmann ernst. “Es ist ein bedauerliches Phänomen, dass sich die Politik offentsichtlich nicht richtig um die Menschen schert, und man sich beim Wählen auf das geringste Übel einigen muß – nicht auf das, was man wirklich will!”

Bleibt nur eine Frage offen: Warum ist die Musik trotz aller Aussagen denn immer soo lieb? “Geplant war das ja zum Teil anders, aber offensichtlich habe ich nicht das Zeug zum Wilden.” Und ob das nicht auch langweilig ist? “Naja, schöne Langweile kann auch wunderbar sein”, antwortet der Bernhard seelenruhig lachend, und ich lache mit. Weil, in Wirklichkeit ist es viel zu sehr wahrhaftige Musik, um langweilig zu sein.

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Elektronische Lebensaspekte.