Paul Conboy behauptet zwar, er hätte nichts gegen ein bisschen Feindseligkeit in der Musik. Was er und Kollege Adrian Corker mit ”Radiant Idiot” in unsere Ohrmuscheln spülen, klingt hingegen total friedlich: Gitarre und Computer kuscheln rum, Song und Sound verschlingen sich in innigster Umarmung, und wir liegen auf dem Rücken, und wollen, dass sich die Wirklichkeit genauso sanft verhält ...
Text: Thomas Winkler aus De:Bug 81

Corker Conboy

Er ist überwunden, der Antagonismus, endgültig. Man höre nur “Radiant Idiot“, neuestes und zweites Album von Corker Conboy, und man stellt fest: Endlose sphärische Flächen stehen neben einem dumpfen Rockschlagzeug, vorsichtig pluckernde Beats neben einer hypnotisch immer wiederkehrenden Melodie, eine klischeehaft rauchige Trompete neben schabenden Klangexperimenten. Das ist Musik an der Schnittstelle zwischen Song und Sound, zwischen elektronischer Musik und Rock im Jahr 2004. Allerdings: Im Jahr 2004 ist das beileibe nicht mehr neu. Neu ist höchstens, dass Adrian Corker, die eine Hälfte des Duos aus London, die sich aufdrängende Kategorie Postrock nicht ganz und gar auf den Müllhaufen der Popgeschichte verbannt wissen will. “Wenn es darum geht, die Musik zu verkaufen“, sagt der Gitarrist, “dann kann man die Bezeichnung noch gebrauchen.“

Wie jede ehrliche Künstlerhaut will auch Corker seine Musik nicht kategorisieren. Tatsächlich entsteht sie zusammen mit Partner Paul Conboy, der den Bass spielt und programmiert, auch ohne Vorgaben weitgehend frei. Man diskutiert nicht, gibt sich keine Zielvorgaben, sondern spielt einfach drauflos. Die beiden improvisieren, phantasieren, tun das, was man gemeinhin jammen nennt und dereinst einmal, vor Jahrzehnten, als Inbegriff höchster Kreativität galt. Nur: Sie tun es mit klassischen Instrumenten und elektronischen. “So sehr ich die Technik mag“, sagt Paul Conboy über Samples, “es gibt keinen Ersatz für echte Sounds.“ Aufgenommen werden alle diese Jams, erzählen die beiden, die meisten wieder weggeworfen. Anschließend wird geschnitten, bearbeitet und zusammengesetzt. “Der Computer ist wunderbar, um zu arrangieren und zu editieren“, so Conboy, “aber die meisten computergenerierten Sounds klingen schrecklich zweidimensional.“

Diese Arbeitsweise haben sie womöglich ja auch Tim Simenon näher gebracht, mit dem sie zuletzt zusammen werkelten. Im Gegensatz zu anders lautenden Meldungen allerdings nicht an neuem Material für Bomb The Bass, sondern an zwei Projekten, “einem instrumentalen namens CCS Kit und einem noch namenlosen mit Vocals“, erzählt Corker.

Welchen Effekt diese Arbeitsweise auf Simenon gehabt hat, wird irgendwann zu hören sein. Bis dahin ist immerhin zu wissen, dass Corker Conboy ohne Simenon das Beste aus beiden Welten finden und zusammenführen. Und, zumindest auf ihren eigenen Veröffentlichungen, miteinander versöhnen. Denn das, was “Radiant Idiot“ auszeichnet, ist, dass jedweder Antagonismus dieser beiden Pole, sollte er jemals wirklich existiert haben, endgültig aufgehoben scheint. Jedes der acht Instrumentals kommt ein wenig melancholisch, aber vor allem warm und wundervoll und wie aus einem Guss daher. Ganz so, als müsste die Musik beweisen, dass Harmonie machbar ist. “Ich habe kein Problem mit ein bisschen Feindseligkeit in der Musik“, sagt Conboy, aber selbst von diesem bisschen ist so gut wie nichts zu hören. So gibt es denn auch nur eine Gefahr für diese Musik: dass sie sich allzu friedlich und widerspruchslos in die Landschaft fügt, sich selbst zur Soundtapete degradiert. Wer sich in Gefahr begibt, heißt es, kommt darin um. Tröstlich immerhin, dass dieser Sterbevorgang in exorbitanter Schönheit stattfindet.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.