Weg mit den Kopfhörern. Musik als hintergründiges atmosphärisches Rauschen, das ist der Hörmodus, der glücklich macht. Zumindest Anders Remmer, der neben den Knisterdub-Boygroups System und Future 3 als Dub Tractor auch solo tolle Elektronikalandschaften kartographiert. Eine Däne auf den Spuren von New Order.
Text: René Margraff aus De:Bug 71

Weit weg ist ideal

Anders Remmer hat viel zu tun. Als Mitglied der Kleinteil-Dubber System kümmert er sich zusammen mit Thomas Knak (auch Opiate und Producer für Björk) und Jesper Skaaning (Acustic) um das schönste Knacksen und die wärmsten Rauscheflächen auf dem ~Scape-Label. Bei Future 3 entwickelt das gleiche Dreamteam Pophits und kommt mit verwehten Akustikgitarren, Knacksbeats (logo!) und harmonischen Gesangsschnipseln ein bisschen wie die mit moderner Technik gefilterte Version der Beach Boys daher. Nicht verwunderlich, gibt es in Dänemark, ihrer Heimat, doch auch jede Menge schöne Strände und tolles Gebäck.

What difference does it make?

“More or less mono“, das Frühjahrsalbum von Dub Tractor auf City Centre Offices schimmert etwas dunkler als Future 3 und ist etwas melodiöser als System. Fans all dieser Projekte wissen, dass die Herren ganz beiläufig immer wieder neue MP3s auf ihrer Seite System F3 präsentieren und so einigen MP3-Playern wirklich Sinn geben.
Sicherlich könnte man leichtfertig vom System F3 Sound sprechen, doch so einfach ist es dann doch wieder nicht. Schließlich sind sie nicht nur im Team stark, die Einzelleistungen beeindrucken auf jeden Fall genauso sehr.
Wie ist das nun, wo liegen die Unterschiede?
Anders: “System und Dub Tractor sind zwei Dinge, die ich total trenne. System (und Future 3) funktionieren so, dass Thomas und Jesper vorbei kommen, wir uns gemütlich hinsetzen, komponieren und einfach eine gute Zeit haben. Dub Tractor hingegen bin ich ganz alleine, da kämpfe ich oft mit meiner Angst, die Dinge nicht so hinzukriegen, wie ich es mir erhoffe oder uninspiriert da zu sitzen. Daher ist Dub Tractor für mich schwieriger. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Dub Tractor Sachen oft melancholischer ausfallen. Das neue Album entstand in der Zeit, in der wir am System Album gearbeitet haben. Ich glaube, dass der älteste Track ungefähr zwei Jahre alt ist.“

“Anyone can play a guitar” oder “A Sound”

Als ich Anders vor drei Jahren schon mal interviewte, erzählte er mir, dass er sich bald eine Bassgitarre kaufen werde. Gesagt, getan und hörbar auf den meisten Stücken des neuen Albums. Neben verhallten Gitarrenflächen und dem perfekten Rauschen der früheren Sachen werden die Tracks immer häufiger von rund rollenden Bassgitarrenakkorden getragen. Ein bisschen wie New Order´s Peter Hook in Zeitlupe zupft Anders sich durch Harmonien, die gleichermaßen melancholisch wie poppig sind. Pathetische Worte wie Sehnsucht kommen mir in den Kopf.
Debug: Wie sehr hat sich Deine Musik durch den verstärkten Einsatz von Saiteninstrumenten verändert? Das ist ja schon etwas direkter, oder?
Anders: “Nun, ich finde es einfacher, auf ihnen zu spielen, denn du machst gleichzeitig die Melodie, den Rhythmus und den Sound. Du musst nicht warten, bis der Computer hochgefahren ist, ehe du etwas ausprobieren kannst. Eine Gitarre nimmst du in die Hand, um zehn Minuten auf ihr zu spielen. Es ist ein bisschen wie wenn du während eines Telefonats auf einem Zettel rumkritzelst, etwas das scheinbar nebenbei geschehen kann. Den Computer zu booten, um dann auf eine leere Sequenzerspur zu blicken, macht mich hingegen schon eher nervös. Ich habe schon immer gerne Akustikgitarre gespielt. Neu ist also nur, dass ich angefangen habe, ihre Samples in meine Musik einzufügen. Was die Ergebnisse dieser von dir beschriebenen Direktheit anbelangt, weiß ich nicht so recht, ob diese Songs nun besser sind. Sie sind anders als Songs, die man mit einem Sequenzer macht. Ich denke, dass es gut ist, dass ich kein Gitarrenheld bin, denn so fühlt sich für mich alles neu und aufregend an, so wie wenn du einen neuen Synthesizer bekommst und dich erst mit den ganzen Funktionen vertraut machen musst. Was ich in all den Jahren des Musikmachens gelernt habe, ist ganz sicher nicht technisches Können auf irgendwelchen Instrumenten sondern meine Fähigkeit zu hören, welche Schichten in einem Track passen und wie ich sie platzieren muss. Daher denke ich, dass es für meine Musik Zeitverschwendung wäre, ein Instrument auf einem Profilevel beherrschen zu können. Ich bin kein Musiker, sondern jemand, der Musik komponiert.”

Discreet Sounds

Was an Dub Tractor so hypnotisiert, ist das Rauschen und das Ferne in den Sounds. Hier wird geschichtet, es wirkt dennoch aufgeräumt und nicht überladen oder nach dem Zufallsprinzip zugemanscht. Weißes Rauschen beruhigt ja, ein Prinzip, das auch bei Dub Tractor hervorragend funktioniert. Die Beats knirschen, denn mehr als 8Bit braucht ja keiner und Samples glatt bügeln, dass können andere ja gerne machen, für Anders kommt es aber nicht in Frage. Ihm ist die Ferne im Sound enorm wichtig. “Ich mag keine direkten Sounds. Weit weg, das ist ideal. Wenn ich Musik höre, dann am liebsten im Nebenzimmer des Raums in dem die Musik abgespielt wird. Musik klingt für mich besser, wenn sie einen Weg zurücklegen muss und Teil der Atmosphäre wird. Für mich ist Musikhören mit Kopfhörern so ziemlich das Gegenteil von der idealen Hörsituation. Ich muss daher immer sehr viel daran arbeiten, meine Musik laut zu machen, wenn ich ein Stück beende. Oft sind die Tracks eigentlich noch viel mehr lofi, entfernter und in mono, wenn ich an ihnen arbeite. In letzter Zeit versuche ich auch den Rhythmus im Mix etwas mehr verschwinden zu lassen. Dazu haben mich die frühen Velvet Underground-Platten inspiriert.”

Hum (Part 4)
Auf der “Blue Skied an´ Clear”-Compilation hatten Future 3 eines ihrer wunderbarsten Vocal-Momente. Die hatten sie ja auch schon auf ihrem letzten Album. Bei Dub Tractor ist Gesang aber neu und zusammen mit dem verstärkten Einsatz von Gitarren und Bass lehnt sich der Ansatz von Dub Tractor inzwischen ja schon ein gutes Stück in Richtung Indiesound ohne all die perfekten Sounds der früheren Platten rauszukicken. Anders gesteht auch, dass ihn in letzter Zeit neben den klassischen Dubsachen der Scientists eher Platten von Yo la Tengo oder der Postrock von 33,3 begeisterten, ihm die sogenannten “elektronischen“ Sachen eher wenig geben. Auf einigen Stücken kommt Anders dem klassischen Song ein gutes Stück näher.
Wirst das so weiter gehen? “Ja, ich hoffe schon. Es könnte Spaß machen, sich langsam wieder dem Songwriting zu widmen. Aber richtige Popmusik zu machen, ist ein langsamer und langweiliger Vorgang voller Regeln, die man beachten muss. So was ist nichts für mich. Wenn ich Musik mache, nehme ich häufig Loops, die nicht funktionieren raus und so fallen dann oft auch Gesangsspuren weg. Das ist natürlich doof, etwas, das ich ändern muss.“

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Elektronische Lebensaspekte.