Wie klingt es, wenn man Talk Talks Spätphase in Sofa-feindliche Elektronika übersetzt? Der Dresdner Enrico Wuttke ist mit seinem Projekt "Flim" ganz dicht dran an der wonniglichen Antwort.
Text: René Margraff aus De:Bug 70

Schluss mit Sofa!

Flockig locker liefert Tomlab eine Ausnahmeplatte nach der anderen ab und vermeidet ganz lässig irgendwelche Beliebigkeiten. Eines der Highlights im letzten Jahr war ganz sicherlich “Given You Nothing“ von Flim aus Dresden. Die Platte mit den schönsten Pianofigürchen, seit Mark Hollis von Talk Talk das letzte Mal in die Tasten griff. Musikalische Früherziehung mit positiven Folgen? Zaghaft, aber hypnotisch klangen diese Miniaturmonster auf dem Debüt, das viel mehr als eine von vielen sanften Indietronicsplatten im Jahr 2002 war. Wachstum bei jedem Hören, täglicher Begleiter. Enrico Wuttke rettet uns auch im Jahr 2003, diesmal mit einer Platte namens “Helio“.

Killing you softly
“Doomig“ nennt er “Helio“, aber auch ”fröhlicher“ – und hat damit Recht. Der Opener “How I Trashed My Knees“ bläst sich zum Beispiel erst mal zwei Minuten lang jazzig disharmonisch auf, besinnt sich dann aber mit glucksenden Beats darauf, dass es auf dieser Welt mehr Dur-Akkorde geben sollte. Ganz sicher ist, dass diese Ecken und Kanten, bewusst gesetzte Disharmonien und (Ver-)Stimmungen auf jeden Fall verhindern, dass diese Platte als nett diffamiert werden kann. Worte wie ”nett“ und ”freundlich“ haben sich im letzten Jahr immer häufiger als Totschlagargument gegen Indietronics-Platten durchgesetzt, viele Artists fühlen sich zunehmend in die Naivitätsecke gedrängt. Was tun?
Bekommt Enrico bei solchen Adjektiven Bauchschmerzen oder berührt ihn das nicht weiter?
Enrico:
”Sicher kriege ich da Bauchweh. Ich denke nicht, dass meine Musik nur ’nett’ ist. Ich glaube auch, dass sie genügend ’Deepness’ besitzt, ansonsten hätte ich nicht so lange daran gearbeitet. Vielleicht hat sie einigen zu wenig theoretischen Überbau oder wirkt vielleicht manchmal zu einfach. Aber das sollte auch Sinn und Zweck der Übung sein. Ich will einfach keine seltsame, kopflastige, gewollt abstrakte Musik machen. Musik sollte ehrlich und direkt sein. Sie sollte etwas von deiner eigenen Person erzählen. Je tiefer das geht, um so besser. Manchmal reicht dafür aber auch nur eine Skizze. Das man dabei plötzlich Teil einer gewissen Stilistik ist, wie es im letzten Jahr der Fall war (z.B. März), ist doch ganz natürlich. Ich persönlich war da ganz froh, dass mal wieder etwas ’Schönklang’ herrschte.“
Aber trotzdem hat Flim seine Bandbreite erweitert. Neben den wunderbaren Plinkerschönheiten gibt es nun auch zwei Optimismusbonbons mit gerader Bassdrum, verwuselte Popsongs oder den manischen Rocker “For Fred“, der an Bands wie Mogwai oder Hood erinnert. Enricos Erklärung: ”’Helio’ klappert mehr, macht ein bisschen mehr Krach… ’For Fred’ war das erste Stück nach der ’Given You Nothing’, da sollte erst mal Schluss sein mit Sofa :). Ich denke auch, dass viele Stücke auf dem neuen Album einfach etwas komplexer sind und es deshalb vielleicht abstrakter wirkt.“

Am Rande gesehen
Enrico ist großer Fan der Spätphase von Talk Talk, aktuelle Vorlieben sind Platten von Fridge und Keith Fullerton Whitman. Ansonsten ist er sehr wählerisch und versteht weder den Laptophype mit dem ”Klötzchengeschiebe“, aber auch viele Ansätze, bei denen verkrampft möglichst viele ”natürliche“ Instrumente wie Klavier und Gitarren untergebracht werden, findet er lediglich ok. ”Oft sagt es mir einfach zu wenig.“
Neben Flim arbeitet Enrico zusammen mit dem Sänger und Gitarristen seiner alten Band zusammen an neuen Stücken. Die werden garantiert ganz viel sagen.

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Elektronische Lebensaspekte.