Morgens um 3 klingt Kieran Hebden aka Four Tet wie eine Band im Schlafanzug. Und so verpaßt er der elektronischen Musik mit "Rounds" ein neues Gewand und klingt dabei ungewohnt unelektronisch. Musik zwischen den Ereignissen. Musik, die bleibt.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 71

Hall auf, Fall um

“Four Tet, das ist für mich die Zeit dazwischen. Zwischen den Ereignissen. Four Tet, das bin ich allein, morgens um 3 im Schlafanzug vor dem Bildschirm.” Kieran Hebden schaut erst gegen Ende des Interviews wirklich mal in meine Richtung, zunächst erzählt er seine Geschichte dem Boden und seinen Händen. Irgendwann ging er in England aufs College, gründete eine Band (Fridge) und kaufte sich einen Computer, mit dem er neben Hausarbeiten auch gleich Musik bearbeitete und so sein Solo-Projekt aus dem Boden stampfte und mit seinem mittlerweile dritten Album “Rounds” alles klar macht und der elektronischen Musik einen völlig neuen Anstrich gibt. Elektronisch? Hebdens Platten klingen wie eine Band, bestehen eigentlich zunächst nur aus akustischen Sounds, die dann im Rechner zwar zusammengeklebt werden, dabei aber sowas von unelektronisch klingen, dass hier dem Fußboden noch einiges erklärt werden muss. “Rounds” empfängt einen mit schweren Schlagzeugsounds, granulierten Gitarren, wilden, fast jazzigen Fragmenten, die durch Pianos und Harfen, wie man sie nur noch auf alten Terrassen findet, ausgebremst werden. Dann kommt die Folk-Gitarre, der Hall geht auf und man fällt einfach um. Elektronisch, ja? “Ja, klar. Elektronische Musik definiert sich für mich über den Computer. Egal, welche Samples oder Sounds man benutzt; sobald sie einmal im Computer sind, ist es elektronische Musik. Ob nun Leute wie Autechre ihre selbst generierten Wellenformen oder Klänge im Rechner arrangieren oder ich meine akustischen Sounds – es ist elektronische Musik.”

An der Schnittstelle zwischen Elektronik und Akustik sind in der Vergangenheit immer wieder Künstler gescheitert. Die Samples, woher auch immer, wollten nicht recht zum elektronischen Rest passen. Darüber braucht sich Hebden keine Sorgen machen. “Ich habe natürlich den großen Vorteil, dass ich viel selber spielen kann. Ich komme ja aus einer Band, spiele Instrumente und wenn ich bestimmte Sounds brauche, dann nehme ich sie einfach auf, muss mir keine Sorgen um die Harmonien der Samples machen. Ich spiele die Instrumente so, wie ich sie brauche. Das ist aber keine Grundbedingung, damit so eine Platte funktioniert und gut ist. Auch der Computer macht nur das, was man ihm sagt. Kein Rechner kann Talent ersetzen.” Wenn wir schon dabei sind: Wenn Kieran etwas kann, dann mit zwei Akkorden mehr zu sagen als andere Musiker mit ganzen LPs. Durch seine Melodien schimmert eine Melancholie und Größe, die ihresgleichen sucht. “Ich habe schon versucht, auf der neuen Platte alles mehr auf den Punkt zu machen. Songs zu machen, die ich mir auch gerne zu Hause anhören würde, Tracks, die eine Weile halten. Das Album ist ja nicht am Stück entstanden, sondern in diesen kleinen Momenten, in denen ich gerade Zeit hatte, und ich hatte nicht viel Zeit. Ich war ständig unterwegs, auf Tour, mit Remixen beschäftigt, da bekommen die eigenen Stücke eine ganz andere Bedeutung. Plötzlich wird man sehr traditionell, aber das macht ja auch nichts. Man erinnert sich an Dinge, die tief in einem drin sitzen, die man immer gemocht hat, die man meistens hören will, wenn es dunkel ist, Musik, die bleibt. Vielleicht ist das Album deshalb so persönlich. Ich finde aber, es ist überhaupt nicht traurig, sondern schon sehr optimistisch.”
Mittlerweile schaut Kieran auch mal hoch und lächelt. Nächste Woche geht er mit Beth Orton ins Studio, um ein paar Stücke aufzunehmen. Und dann kommt wieder das Tourleben. Bis dahin bleibt “Rounds”. “Four Tet, das ist für mich die Zeit dazwischen. Zwischen den Ereignissen. Four Tet, das bin ich allein, morgens um 3 im Schlafanzug vor dem Bildschirm”, sagt Kieran erneut, dieses Mal direkt in meine Richtung. Jetzt hab ich’s verstanden. Danke, Kieran, pass auf dich auf.

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Elektronische Lebensaspekte.