Vier Jahre herrschte Funkstille um Funkstörung. Mit "Disconnected" ziehen sie nun ganz unerwartete Karten aus dem Ärmel. Soviel Lied und Gesang gab es bei Fakesch und DeLuca noch nie. IDM war gestern, irritiertes Schwelgen ist heute.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 81

Stecker raus zur Freiheit
Funkstörung

Chris de Luca und Michael Fakesch haben ein verdammt gutes Gefühl. Und genau darum geht es ja auch: um emotionale Befindlichkeiten, um das Suchen nach der inneren Zufriedenheit. Denn da liegt nun “Disconnected“ vor uns, das erste Funkstörung-Album seit vier Jahren, und will nicht mehr, vor allem aber auch nicht weniger sein als ein intensives Stück moderner Popmusik. Gefühlte Akustikintensität: hundert Prozent, der Vocalhagel lässt nicht lange auf sich warten.
Hier wird by heartbeat musiziert, mit Facon gedealt. Aber standen wir nicht einst Schlange, um uns von den beiden Rosenheimern kellenweise Effekte auf das zerstückelte, verkopfte, mathematisch korrekte Elektronika-Menü klatschen zu lassen? Zu viel an der frischen Luft gewesen? Kaum möglich nach drei Jahren Studiofrickelei, Material ausmisten und zwischen Beats und von insgesamt 28 Studiomusikern eingespielten Sounds die richtige Mischung finden. Es war ein Herantasten.
De Luca weiß noch, dass “die ersten Tracks, die wir für ’Disconnected’ausprobiert haben, deutlich elektronischer waren als das Endprodukt und einfach zu sehr nach Funkstörung klangen. Das wollten wir nicht, wir wollten überraschen!“ Also stöpselt man eben auch mal eine Festplatte ab – disconnected. Aber wer sich an Funkstörungs Anfänge vor gut 13 Jahren rund um Unit Moebius erinnert, als der billigste Drumcomputer das einzige war, was man für fünf Minuten Ekstase brauchte, und nun die Leichtigkeit dahinschwebender Akustiksphären hört, der weiß, dass zwischen diesen Polen mehr liegen muss als das Avancieren zu elektronischen Destruktionskünstlern und Remix-Topsellern. Angekommen in der Sackgasse der eigenen Timeline? Die Abnutzung technischer Virtuosität?

Fakesch: Der Anreiz war verloren gegangen. Fucking Beats und Sounds können wir programmieren, das weiß jeder, das ist unser Metier, aber das war einfach keine Herausforderung mehr. Wir wollten diesmal schöne Songs, schöne Melodien, akustische Instrumente, den Gesang richtig in den Vordergrund stellen. Weg vom Trackwriting, hin zum Songwriting.

Debug: Fast jeder Song featured eine Stimme. Ein sehr zentrales Element auf “Disconnected”, das euch ja seit der vielen Remix-Arbeit – vor allem der für Björk – begleitet. Natürlich auch ein sehr nahe liegendes Mittel, um Emotionen zu transportieren.

Fakesch: Uns hat’s einfach mehr gekickt mit Vocals, es berührt uns mehr! Eine Stimme ist wie ein Instrument, du kannst eine Stimme nicht reproduzieren, sie ist einfach so eigenständig und das finde ich auch so schön. Ein Synthiesound wird immer ähnlich klingen, aber eine Stimme ist einfach das Einzigartigste!

De Luca: Die Mischung war halt auch immer geil. Wenn wir die Instrumentals fertig hatten, das war alles schön und gut, aber wenn dann halt noch mal die Stimme drauf war … (Fakesch: “Whooa!“) genau so sollte es dann klingen!

Gleich vier Songs wurden mit Eniks Vocals konstruiert. Der junge Münchner scheint mit seinem fesselnd-penetranten Organ zwischen soulig und balladesk um die Funkstörung-Sounds zu schleichen, sie sanft vom Boden aufzuheben und ihnen dann mit geschlossenen Augen die Krone aufzusetzen. Ein Glücksfall. Aber auch Lambs Lou Rhodes oder die Massive-Attack-erprobte Sahra Jay leihen der funkgestörten Komposition den letzten Hauch Menschlichkeit. Entsteht Sehnsucht nach Saiten, Gänsehaut und Pianoatmosphäre auch aus der Angst vor der eigenen Technik? Das Frankenstein-Syndrom – was erschaffe ich da bloß mit meinen Reglern?

Fakesch: Wir hatten nicht wirklich Angst davor. Aber du hast dir eigene Tracks angehört und dachtest so: Hey, das war doch jetzt überhaupt nicht nötig, das transportiert die Songidee gar nicht mehr, sondern zerstört sie nur noch. Deswegen die Entscheidung: Lass uns diese ganze Technik immer noch voll verfolgen, aber lass sie uns in den Hintergrund stecken. Ein bisschen mehr Understatement.

De Luca: Wir haben uns auch nicht mehr nur auf Beat fokussiert, sondern die Komplexität auch in Melodien gesteckt, zudem viel auf Melodiewechsel gesetzt, was sehr arbeitsintensiv war, da wir keine ausgebildeten Musiker sind.

Umso schwerer also, plötzlich in der Songwriter-Ecke zu stehen, zugleich immer noch Producer zu sein, sich mit Studiomusikern herumzuschlagen, ohne prickelnde Aufnahmesessions zu veranstalten, auch wenn die meisten Songs danach klingen. Aber disconnected ist ebenfalls die Arbeitsweise von Funkstörung, die ihre feste und rückenstärkende Homebase in Rosenheim haben, mit den Kollaborateuren vor allem per Tapeaustausch kommunizieren. Aus gutem Grund, findet Fakesch: “Wir sind so ein eingespieltes Team, wir wollen gar keinen Dritten oder Vierten um uns herum haben. Die würden sich auch langweilen. Wir sind Perfektionisten und brauchen teilweise Stunden für zwei Sekunden Break. Da würde jeder einpennen.“

Träumen kann man zu “Disconnected“ jederzeit, ob nun ein knacksendes Verhallen von in Einzelteile zerlegten Samplefetzen um die Melancholie eines Nils Petter Molvaer tänzelt oder Rob Sonic mit De Luca und Fakesch Hacksel-Hop spielt und die Rhymes nur so zerbersten vor Nachbearbeitung. Die Marke Funkstörung ist deutlich rauszuhören, mit allem zwischen klarer HipHop-Affinität und nebliger Dekonstruktion im Patternfieber. Nur anders, weiter hinten, mit der Grenze zum übertriebenen Akustik-Kitsch spielend. So, als seien Funkstörung auf ihrem neuen Album vor allem Teil und zugleich Dirigenten eines über die Welt verstreuten Orchesters. Das eigene Markenzeichen, früher der effektgeladene Mantel eines jeden Funkstörung-Songs, ist zum variabel einsetzbaren Tool geworden, mit dem sich De Luca und Fakesch quer durch ihre Gemütslage musikalisch ausprobieren. Und warum soll man unter ihrem schelmischen Grinsen dann noch von IDM-Zwangsjacken und Empörung über den Rückschritt zum analogen Klang sprechen. Fakesch lehnt sich zurück: “Das war das Wichtigste bei uns, dass wir uns immer weiterentwickeln. Am Anfang: Boah, geil, ein Drumcomputer und zack! Und jetzt ’Disconnected’. Aber das ist ein schleichender Prozess gewesen, kein harter Bruch!“

Am selben Abend im Berliner Kiezclub Trafo: Enik umklammert den Mikrofonständer, Schweiß steht auf seiner Stirn. Bebend klagt er ins leicht irritierte Publikum: “Bring my heart back!“ Sanft rauscht eine sorgfältig konstruierte Klangfläche nach der anderen durch den stickigen Raum, bildet das Fundament für die geballte Theatralik des Sängers. Kaum sichtbar stehen zwei mitwippende Gestalten gebeugt vor ihren Powerbooks. Vor der Abfahrt ins Nachtleben hatte De Luca nochmal klargestellt: “Für dieses Album sind wir jetzt auch einfach konsequent gewesen. Wir haben Bock auf das und wir ziehen das jetzt durch, egal, ob das irgend jemand schlimm findet oder nicht: Wir finden’s geil!“ Der Song endet mit einem sezierten Gitarrenriff, Enik atmet erschöpft, Applaus. Ganz im Hintergrund schauen sich De Luca und Fakesch an und lächeln. Gelegentlich findet man auf seinem Weg eben eine Gefühlslage, die einfach passt. Manchmal ist es nur ein Augenblick, manchmal ein Album.

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Elektronische Lebensaspekte.