Der Wahltexaner Marc Bianchi zäumt Elektronika vom aufmunterndsten Popende auf, um selbst amerikanische Kleinstädter und Debussy-Hörer nicht zu verstören. Soviel demokratischen Schönheitswillen können auch wir nur bejubeln.
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 79

Der Titel trügt
Her Space Holiday

Wer bei “Her Space Holiday” an psychedelische Abenteuer mit fragilen Frauengesängen und endlosen Hallräumen gedacht hat, liegt mit seinen ersten Assoziationen zwar dicht neben meinen, trifft aber den Kern der zugrunde liegenden Musik zu ungefähr zwei Prozent. Marc Bianchis Trips ins Universum sind nicht nur männlich, sonden auch eher bodenständig. Im Fahrwasser von Dntel, Turner und Safety Scissors dirigiert er sein computerisiertes Orchester auf der Suche nach der amtlichen Dosis Rephlex-Faktor für amerikanische Kleinstädte. Nach dem ersten instrumentalen Hit schenkt er uns die Gunst seiner Stimme, um variantenreich das Thema des ersten Tracks zu umspielen. Ganz klassisch, mit einem Sample-Regen wirklich schön aufgenommener Instrumente; Klarinetten, Violinen, Celli, Querflöten, Saxophone, Pianos und akustischen Gitarren. Hinterlegt wird das virtuose Ganze mit elektronischen Beats und Sprachsamples, bevorzugt von Kindern, die überraschende Wendungen im thematischen Ganzen bieten.

Wenn Elektronika noch mehr Pop sein kann, dann habe ich das noch nicht gehört. Im ganz positiven Sinne Elektronika-Hippie-Pop. Augenzwinkernd versteht sich.

Das hier ist jedenfalls sehr ambitioniert und clever gemacht und die vielen Instrumentalsamples zeugen von einem musikalisch geschulten Geist. Was macht Marc Bianchi? Studiert er in Kalifornien Sportwissenschaften und spielt nebenbei Tuba im Collegeorchester, oder ist er doch eher der langhaarige Surfertyp der am Lagerfeuer immer den richtigen Akkord parat hat und den irgendwie nie jemand cheesy findet, weil er so unaufdringlich und sweet über Geschlechtsverkehr und Drogenkonsum singen kann?
“I know that you need help, but even I can’t save you from yourself” (Textprobe).
Beim Hören scheint es, als gehöre der Protagonist genau zu der Art von Musikern, die nebenan im Schlafzimmer Beats produzieren und so wie ich und du ein kleines “drug-” und hin und wieder auch mal ein “girl-problem” (track 9) haben.

DEBUG:
Wie kamst du zur Musik?

Marc Bianchi:
Musikmachen ist der einzige kreative Output, den ich habe, der sich natürlich anfühlt und mich davon abhält, verrückt zu werden.Angefangen habe ich schon 1992. Ich war mit Bands eine Zeit lang auf Tour und dachte irgendwann, dass es Zeit wäre, etwas Eigenes zu probieren. Ich wollte was Persönlicheres, Einfacheres machen.1996 habe ich angefangen als “Her Space Holiday” zu arbeiten. Mit einer Four-Track und ein paar Gitarreneffekten, daraus ist dann immer mehrcomputerbasierte Musik geworden. Bis jetzt habe ich vier Alben und ein paar EPs rausgebracht.Heute arbeite ich mit einer Kombination aus Livemusik und Samples – die Beats und Streicher sind gesampelt, Bass, Keyboards, Gitarre spiele ich selber live ein und mache dann Samples daraus. Ich arbeite mit Sonic Foundrys “Acid”, Abletons “Live”, Native Instruments “Traktor”, “Fruity Loops” und anderen Software-basierten Geräten.

Aha! Deswegen schafft es der ehemalige Gitarrist auch, selbst mit verzerrten Power Chords so spielerisch umzugehen, dass ein Augenaufschlag – allenfalls ein Augenbrauenzücken – die einzig überraschte Reaktion des Hörers auf den Einbruch der Disharmonie in das ansonsten heile musikalische Universum ist.

DEBUG:
Wann hast du angefangen, dich mit elektronischer Musik zu beschäftigen? Mir scheint, dass es in Amerika immer noch schwierig ist, an solche Tonträger heranzukommen.

Marc Bianchi:
Ich bin kein elektronischer Musikpurist, ich habe auch nur ein paar gängige Platten von den Großen dieser Branche, Aphex Twin, Björk, Tricky and Boards of Canada. Diese Platten bekommt man hier überall und es sind auch gleichzeitig die Künstler, die mich wohl am meisten beeinflusst haben.

DEBUG:
Wie siehst du denn die Szene für elektronische Musik in den Vereinigten Staaten?

Marc Bianchi:
Ich bewege mich so außerhalb des musikalischen Kontextes, dass es schwierig für mich ist, darüber zu sprechen. Ich denke, die Szene ist sehr klein und es bilden sich eher zufällig Verknüpfungen. Aber Postal Service fängt an, ein unabhängiges elektronisches Netzwerk zu bilden, das überall auf großen Zuspruch stößt. Es wird sich also hoffentlich einiges ändern in den nächsten Jahren.

DEBUG:
Warum gibt es nur ein Instrumental auf dem Album?

Marc Bianchi:
Das Instrumental ist das Thema des Albums, dass ich im Folgenden immer wieder variiere, ich höre gerade viel Musik, die Instrumentals und Vocaltracks vermischt, wie Prefuse 73 oder Omid. Und ich denke, ich werde auf späteren Releases mehr Instrumentals einsetzen.

DEBUG:
Hörst du viel klassische Musik?

Marc Bianchi:
Ja. Ich liebe Debussy, Strauss, Brahms und andere.

“The young machines” ist ganz sicher ein Album nach klassischem Konzept. Sowieso entspricht der Autor auch gerne mal seinem Klischee, die Bandvergangenheit trägt den anderen Teil dazu bei.
Rockrootsmäßig wird dann auch die Dichotomie Mensch/Technik besungen und im Albumtitel und Artwork aufgegriffen.

Marc Bianchi:
Das Konzept des Ganzen basiert auf dem Gedanken, dass Menschen eine relativ neue Technologie auf diesem Planeten darstellen und mit jeder neuen Hardware gibt es wieder neue Bugs und Mätzchen, an die sich das System gewöhnen muss. Deshalb singe ich auch hauptsächlich über die Fehler, die wir in Beziehungen machen. Das Artwork soll einfach darstellen, wie das Leben heutzutage ist. Den Versuch, menschlich zu bleiben, obwohl unsere Welt mit Technologie vollgestopft ist.

Solange der Musiker die Technik so gut wie Marc Bianchi beherrscht, müssen wir uns jedenfalls keine Sorgen um einen Aufstand der Maschinen machen. Sondern gespannt auf mehr von “Her Space Holiday” und Sideprojects des Autoren warten; denn davon wird es in Zukunft noch mehr geben. Und sie werden sich vermehren.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.