Sonnyboys hinter die Regler! Genfs chilenischer Techno-Darling Lucien Nicolet hat als "Lucien-N-Luciano" ein Album von unschlagbar sympathischer Groove-Verspieltheit hingelegt. Und endlich i st aus dem Dreieck Chile - Detroit - Genf eine runde Sache geworden.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 81

Wiegenlied des Techno
Luciano

“Ich habe nie geplant, ein Album zu machen. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich die Tracks, die jetzt auf dem Album sind, zusammen hatte. Immer, wenn ich einen Track produziert hatte, der sehr melodisch war und wenig mit dem Dancefloor zu tun hatte, hab ich ihn zur Seite gelegt. Ich habe sie gesammelt, ohne genau zu wissen, was ich damit machen sollte. Es sind für mich alles besondere Stücke, weil sie sehr persönlich sind und vor allem ausdrücken, in welchen emotionalen Zuständen ich in den letzten drei Jahren war. Die Geburt meiner Kinder, all das”, berichtet Lucien Nicolet gut gelaunt am Telefon. Es ist zehn Uhr morgens, man hört seine Kinder im Hintergrund ausgelassen krakelen und er sitzt in seinem Hotelzimmer in den Schweizer Alpen. Noch kurz ein Interview und dann raus in den Schnee. Das Snowboard wartet schon.

Wenn es im letzten Jahr jemanden gab, auf dessen Musik sich alle auf und abseits des Dancefloors einigen konnten, dann war das Lucien “Luciano” Nicolet. Spätestens mit der Maxi “Orange Mistake”, die bei aller schnarrenden Verschrobenheit einer der Konsenshits des vergangenen Jahres war, ist die Zahl derer, die sich von seinem feinen Gespür für Melodien und Stimmungen haben verzaubern lassen, rapide angestiegen. Und mit seinem Debütalbum “Blind Behaviour” dürften es noch einige mehr werden, denn die zehn Songs, die er über die letzten drei Jahre gesammelt und hier zu einem sehr homogenen Teppich aus musikalischen Erkundungen verwoben hat, erzählen auf bisher fast ungehörte Weise vom Vertrauen in die Kraft, die Melodien in sich tragen.

Etwas ganz Persönliches

Vielleicht liegt es daran, dass Luciano im Booklet Bilder seiner Kinder abgebildet hat oder das einer der Songs “Le Dance des Enfants” heißt, vielleicht aber auch an seinen und Cassy Brittons Vocals, teilweise klingen sie wie Wiegenlieder. Sanft schnarrend und melodisch zischelnd erzählen sie kurze persönliche Geschichten. Fast wie Chansons oder Balladen. Dabei bewegen sie sich in ihrem ganz eigenen stilistischen Kosmos aus Minimaltechno, Dub und Elektronika. Derrick May und Carl Craig waren wichtig, das hört man. Aber eben mindestens genauso auch Reggae und lateinamerikanische Musik. “Für mich ist das Musik, die mich sofort packt, die ich nicht ignorieren kann. Egal ob sie ganz flüchtig irgendwo aus einem quäkenden Radio kommt, an dem ich gerade vorbeigehe. Sie transportiert so viele Gefühle wie Leichtigkeit, Zuversicht und Vollkommenheit. Es ist wirklich eine sehr emotionale Sache für mich, die ich unbedingt mit meiner Musik einfangen wollte. Ein elektronisches Album, das diese Stimmungen transportiert. Manchmal ein wenig naiv, mal melancholisch und dann wieder glückselig.” Man könnte auch sagen, dass Lucianos Tracks einen Hang zur Harmoniesüchtigkeit haben. Er selbst sagt, dass das Wichtigste für ihn der Rhythmus ist, der seinen Groove, ähnlich wie bei seinem Freund Ricardo Villalobos, nicht selten aus einem Spiel mit knisternden Effekten, die man getrost auch in einem Endlosloop laufen lassen könnte, bezieht. “Wenn ich die Rhythmus-Struktur habe, fange ich an, dieses Rhythmusskelett mit Farben auszumalen. Melodien sind für mich wie Farben, mit denen ich die Tracks verziere und koloriere. Bei Dancefloor-Tracks spielen die Melodien aber erst einmal eine untergeordnete Rolle.” Ein etwas kitschiges Bild, ja, wie er in seinem Studio sitzt, eine Zigarette im Mund, von diversen digitalen Pinseln umgeben und Logic als seiner Leinwand, aber eben auch so passend, denn Luciano beweist immer wieder, dass er virtuos mit der musikalischen Farbenlehre umzugehen weiß.

Auf Cadenza, dem Label, das er mit einem Freund in Genf betreibt, kann man derweil weiter Lucianos Interpretation von “monotonen Tools”, wie er es nennt, bewundern. Hier gräbt er sich tief in seine digitalen Effekte, lässt Rauschen und Knirschen zu Ravesignalen anschwellen und findet trotzdem immer wieder Platz, die schönsten Strings und Melodiefetzen in die Tracks zu weben. Zusammen mit Martin Schopf aka Dandy Jack ist er aber als Carabina 30/30 auch dabei, die härtere Technogangart auszuloten. Zehn Tracks sind schon fertig, diverse Livesets haben die beiden schon durchgerockt. Nur an der Zeit, etwas aufzunehmen, mangelt es noch. Und Zeit dürfte auch in Zukunft ein kostbares Gut sein. Remixanfragen stapeln sich und bald dürfte ein Umzug nach Berlin anstehen. Aber egal, wie lange es dauert, mit “Blind Behaviour” hat man erst einmal einen treuen Begleiter durch den Frühling.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.