Nein, Acid ist nicht zurück. Sondern es brodelte eigentlich schon immer in Luke Viberts sirrenden Synapsen. Für seine erste Warp-LP "YosepH“ hat er jetzt allerdings zum ersten Mal ein ganzes Album mit dem Zeug volllaufen lassen.
Text: Florian Sievers aus De:Bug 76

Säureschaden

Die Tür geht auf. Und es wird klar: er heißt wirklich und zurecht so. Vibert. Nicht nur wie die olle “Vibration“ bei den Reggaetypen. Sondern auch wie: vibrierend. Denn Luke Vibert, 30, der mit seinen süßen Bartflausen ein bisschen aussieht wie Shakespeare in Love, ist ein waschechter Hypermotoriker, dem dauernd der Schalk aus den blauen Augen blitzt. Stillsitzen geht keine fünf Sekunden. Spätestens dann zappelt er wieder rum oder greift zu dem Berg von Taschentüchern, der vor ihm liegt, weil er sich in England erkältet hat.

DEBUG:
Acid?
LUKE:
(trötet in ein Taschentuch) Ja, Mann! Auf jeder Platte, die ich gemacht habe, waren ein paar Acid-Stücke. Das ist jetzt nur das erste Mal, dass ich eine Platte mache, die überwiegend Acid ist. Aber ich habe 1999 oder so schon mal zwei reine Acid-EPs für Mike Paradinas’ Planet Mu-Label gemacht.

DEBUG:
Und vor zwei Jahren diese großartige Ninja Tune-Maxi: “Tomorrow Acid/ Ataride“.
LUKE:
Oh, danke. Da haben sie geflucht, weil sie meinten, es geht eigentlich nicht, so etwas bei Ninja Tune rauszubringen. “Bitte nicht“, haben sie gefleht.

DEBUG:
Warum dieses Geräusch?
LUKE:
Das ist halt der Klang, das mich zu Tanzmusik gebracht hat. Ich mag diese alten Platten immer noch, Adonis, Pierre, Fast Eddie und der ganze Scheiß. Aber ich mag bei weitem nicht alles.

DEBUG:
Was nicht?
LUKE:
Wenn es kalt ist. Denn bei den alten Sachen hat mich vor allem der Funk und die Sexyness angesprochen. Und heute rattern viele einfach so rum, wenn sie eine 303 benutzen: rakatakataka!

DEBUG:
Also doch eine Reminiszenz an früher?
LUKE:
Ein bisschen. Aber eigentlich war das für mich nie weg. Manchmal benutze ich meine 303 ein paar Monate nicht. Aber dann finde ich sie in der Ecke wieder und rufe: “Oouuuh, was ist das denn hier?“ (strahlt wie in Kind mit Lolli) Ebenso wie Drum and Bass. Beides hat mich damals wirklich hart erwischt und seitdem nicht mehr losgelassen.

DEBUG:
Darum auch diese cheesy Amen Andrews-Maxis parallel auf Rephlex?
LUKE:
Ich hatte schon so lange keinen Jungle mehr produziert. Das Plug-Zeug um 1997 rum war das letzte. Und jetzt wollte ich mal wieder was für die Raver tun. Plug ist irgendwie zu Amen Andrews geworden. Davon wird es fünf Maxis geben. Aber Plug sollte etwas Neues sein, Amen Andrews dagegen soll extra alt klingen.

DEBUG:
Lebt Wagonchrist noch?
LUKE:
Das ist mein nächstes Projekt auf Ninja Tune. Ich habe einen Deal mit ihnen über fünf Alben.

DEBUG:
Warum produzierst du so viel?
LUKE:
Ich muss einfach. Sonst bekomme ich das Gefühl, verrückt zu werden. Und wenn ich zwei, drei HipHop-Tracks oder ein bisschen abstraktes Zeug gemacht habe, wird mir das sofort wieder langweilig.

DEBUG:
Also hast du eine kurze Aufmerksamkeitsspanne.
LUKE:
Mmhmm, ich bin schrecklich. Vier Takte sind das längste, was ich unverändert lassen kann. Meine arme, alte Mutter, die habe ich früher manchmal in den Wahnsinn getrieben.

DEBUG:
Dann ist Minimaltechno Folter für dich.
LUKE:
Bewusst kann ich mir das jedenfalls nicht anhören. Höchstens als Hintergrundmusik. Aber ich bin schon ruhiger geworden. Früher habe ich manchmal drei Tracks am Tag gemacht. Jetzt habe ich eine Freundin und Kinder, das beruhigt.

DEBUG:
Hast du noch Kontakt zu deinen alten Mates aus Cornwall – Richard D. James, Tom Middleton, Squarepusher?
LUKE:
Ja, klar. Wir sind ja irgendwann alle von dort weggezogen. Jetzt wohnen wir alle in London und mailen uns regelmäßig.

DEBUG:
Wie war es, in Cornwall aufzuwachsen?
LUKE:
Wunderbar ruhig. Ich habe in einem Plattenladen gearbeitet, da kamen vielleicht zehn Leute in der Woche vorbei. Ich konnte mir in aller Ruhe alle Platten anhören. Und als 1993 meine erste eigene Platte erschien, konnte ich dort prima damit angeben. Wir wussten eigentlich nichts über Tanzmusik. Wir haben uns das Reggae-Soundsystem von diesem einen Typen geborgt und darauf am Wochenende einfach jeden Scheiß gemischt. Das Klischee stimmt: Es gab keine Szene, also haben wir unsere eigene gemacht.

DEBUG:
1993 in Cornwall, das alleine klingt schon wie ein Klischee.
LUKE:
Das stimmt. Und es war großartig. Damals total anders als heute. Wenn ich jetzt mal wieder da bin, sehe ich Clubs an jeder Ecke in jeder kleinen Stadt. Damals gab es dort nur Läden, in die diese großen Rugbytypen gegangen sind, um sich zu verhauen. Aber nichts für mich und meine Freunde, als wir so 15, 16 waren.

DEBUG:
Es macht einen zu einem anderen Menschen, wenn man seine Kindheit im Grünen verbracht hat, oder? Im Wald rumturnen, Fasanenfedern sammeln, auf Stoppeläckern spielen…
LUKE:
Absolut. Darum will ich auch nicht, dass meine Kinder in London aufwachsen. Meine Freundin und ich sehen uns gerade in der Nähe von Marseille um.

DEBUG:
Wie ist denn dein Französisch so?
LUKE:
Oh, gar nicht schlecht. Meine Freundin ist Französin. Und wir reden Französisch mit unseren Kindern Maia und Lucien. Lucien haben wir nach einem Stück von “A Tribe Called Quest” benannt. Ich finde, etwas Besseres kann man seinem Kind doch nicht antun, oder?

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Elektronische Lebensaspekte.