Elektronische Musik jenseits des eisernen Vorhangs von annodunnemals wird immer noch eher mit wildromantischen Vorurteilen denn verlässlichen Fakten verknüpft. Auch Nikakois zweites Album "Shentimental" reitet uns voll in den Mustopf upgedateter Karl-May-Flausen.
Text: Anett Frank aus De:Bug 74

Nikakoi steht im Regen. Kalt, nass, dunkel, leergefegt ist es auf dem Gelände des “Fusion”-Open Airs bei Berlin. Einsam heult der georgische Wolf hinter seinem Laptop in die verhallende Ferne, hinweg über die Militärbunker, die Raver-Mobile, den Müritzsee bis in die Steppen seiner Heimat, da wo das Murmeltier eine mythische Delikatesse ist. Das perfekte Setting für sein neues Album “Shentimental”. Im Vergleich zum Vorgänger “Sestrichka” sind die Tracks flächiger, sehr romantisch, sanft, mit melancholischer Weite um die gebreakten Beats, ohne sich zu sehr in Emotionen einzuschließen. Schön muss es sein in Südkaukasien mit den ganzen W-LANs und den ausrangierten Berliner Bussen und Taxen, die durch Tiflis fegen.

In Tiflis arbeitet Nikoloz Machaidze neben seinem Nikakoi-Projekt auch als Filmmusiker im Goslab. Goslab ist ein KünstlerInnenkollektiv, dass sowohl sein sozialistisches Geschichtsbewusstsein kritisch reflektiert, als auch den Fortschrittsgedanken in ihren Projekten teils politisch auflädt, teils musikalisch/künstlerisch verarbeitet. Das bei den internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen 2002 preisgekrönte Musikvideo “Game”, das Nikakoi musikalisch zusammen mit der Regisseurin Tusia Beridze produzierte, ist eine Goslab-Produktion. Motiviert durch diese Arbeit hat Nikakoi den Soundtrack zum Film “Bandits” gemacht, einer filmischen Dokumentation von Zaza Rusadze, einer Credofilm Produktion in Kooperation mit Arte/ORB und der Hochschule für Film und Fernsehen “Konrad Wolf” in Potsdam Babelsberg. Darauf folgte seine erste eigene Videoproduktion.

Nikakoi steht im Regen. Begossen von den georgischen Medien. Sein erster Alleingang als Musikvideokünstler erzeugte ein erstaunliches mediales Echo. Die Vorlage zu der Arbeit lieferte der Videomitschnitt einer Fernsehansprache eines georgischen Parlamentsabgeordneten, der wohl nicht ganz frei von Korruptionsverdacht ist. Digital bearbeitet wurde aus dem politischen Floskelsalat die Marionette herausgekitzelt und über geloopte Bildsequenzen der Inhalt der Rede ad absurdum geführt. Das Ergebnis war ein elektronisch aufgepeppter Polit-Rap, musikalisch untermalt.
Als das Stück dann das erste Mal im Radio (!) gespielt wurde und das Video dazu nur vom Hörensagen bekannt war, stürzten sich die Medien auf ihn: Systemfeind Nikakoi. Um sich dem Hype zu entziehen, hat Nika nur ein einziges Interview zum Thema gegeben und seine Arbeit klargestellt: Musik machen und Videos produzieren sind Artefakte, künstlerische Freiheiten, die provozieren können, aber grundsätzlich zum (Nach)Denken verhelfen. Repressalien und Unterlassungsaufforderungen sind hier die dämlichsten, aber auch aufschlussreichsten Reaktionen. Nikakoi hat mit diesem Video, mit diesem Stück unbeabsichtigt einen Medienaufschrei provoziert, von dem Chris Corda zu seinem 9/11-Pornotrack “I like to watch” in den USA nur träumen konnte. Und der völlig fern zu liegen scheint von den Traumlandschaften seines Albums “Shentimental”.

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Elektronische Lebensaspekte.