Lamé Gold unterstreicht den permanenten Kriegszustand. Die Streicherloop-CD "The Homecoming Concert" fragt ergänzend zu Albrecht Kunzes Hörspielen, warum der aufgeklärte Mensch vor seiner Aufgeklärtheit sitzt wie das Kaninchen vor der Schlange. Dedicatet to the survivors.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 67

Was, wenn man die Hörspiele Albrecht Kunzes nicht kennt, und dann Lamé Golds “Homecoming Concert” in den CD-Player wirft? Zu hören ist ein Text mit vagen Referenzen, vorgetragen von einer Frauenstimme, die aus einer elektronischen Ferne zu kommen scheint, ein Text, der so tut, als wäre vorher etwas gewesen, ein Krieg, bloß was für einer? Wer noch Ohren hat zu hören, wird als “Überlebender” angesprochen, als Veteran eines Konflikts, der im Dunkeln bleibt, aber das macht nichts, heute ist ja jeder irgendwie “Survivor”, einer schlechten Kindheit vielleicht, einer fundamentalen Krise, einer Angststörung, einer selbstzerstörerischen Sucht, Ex-Raucher womöglich.

Den Survivors dieses dunklen Kriegs, der da stattgefunden hat, ist das “Homecoming Concert” gewidmet, das aus schleifenförmigen, sich um sich selbst windenden Stücken von Sound besteht. “Bestehen” ist kein schlechtes Wort für das, was da zu hören ist: Monumentale Loops errichten ein Gefängnis des Augenblicks, der hier allerdings majestätisch klingt und erhebend wirkt, weil er vor allem aus Streichern besteht, die aus einem Soundtrack extrahiert, zerschnitten, manipuliert und wieder neu zusammengesetzt worden sind. So reiht sich eines dieser schwarzen Löcher ans andere, ziellos, ein Trauermarsch ohne Beats, der keine Erlösung kennt, aber entfernt an glückliche Momente auf dem Dancefloor erinnert.

Tatsächlich erklärt sich das “Homecoming Concert” (das 2001 für den Hessischen Rundfunk produziert wurde und jetzt auf Payola erschienen ist) erst, wenn man die (anderen) Hörspiele Albrecht Kunzes kennt. Sie arbeiten allesamt auf sehr durchdachte und musikalische Weise mit dem Medium und handeln vom Krieg, genauer um “den Kriegszustand – den Zustand von Krieg – an sich”, und damit letztlich um die Frage, wie man als Einzelnes mit der Schuld umgehen soll, die darin besteht, dass jedes Vergnügen, jede Form von Entertainment, Pop, nicht außerhalb zu denken ist vom “Krieg als Ausdruck und Beschreibung einer (westlichen Industrie-)Gesellschaft, deren Individuen und Körper sich im Krieg befinden. Im Krieg mit sich selbst und mit einem großen Teil der restlichen Welt”, wie Kunze erklärt.

Die Struktur dieser “Geschichten”, die eigentlich keine Geschichten mehr sein können, wie in “Golfkrieg Girls & Boys” (BR, 1997) angedeutet wird, weil Geschichten zuletzt im Rahmen der Grand Narration des Kalten Kriegs erzählt werden konnten, spannt sich damit notgedrungen zwischen den Polen des Paranoiden und des Hysterischen: Also zwischen dem Ressentiment, das sich in “Golfkrieg Girls & Boys” etwa darin äußert, dass eben jene Girls and Boys, die sich auf pynchonesque Weise als tanzende Truppe entlang der undifferenzierten Grenzen zwischen den Fronten bewegen, ihre Managerin rauswerfen, weil diese die “wahren” Umstände ihres Einsatzes verschwiegen hat, und dem gesunden Selbstzweifel darüber, wer man “eigentlich” ist und welche Rolle man also spielt in einem Szenario, dessen Grenzen eben durch den “Kriegszustand an sich” markiert werden.

Dieses unmögliche “Erzählen”, dem die Protagonisten sich mangels einer “tatsächlichen”, also objektiv von außen bestimmbaren Position durch ständige Selbstbefragung nur annähern können, ähnelt selbst einem Loop, einem hermeneutischen Zirkel, der jeden Einstieg genauso verwehrt wie er es unmöglich macht, ihm wieder zu entkommen. Kunze bildet so perfekt das Dilemma ab, in dem sich unsereins, also der wohlinformierte, aufgeklärte und “kritische” Metropolenbewohner ständig befindet, der sich über die Kehrseite des luxuriösen Zustands, den er selbst genießt, wohl im Klaren ist. Dem aber jegliches Instrumentarium abhanden gekommen ist, sich eine “objektive” Position auch nur vorzustellen. Eben das macht Kunzes narrative Konstruktionen interessant. Die allzu bekannten Versatzstücke, in und mit denen hier gesprochen wird, der “aufgeklärte” Sprachgestus, der eine Distanz zu der Sprache vermissen lässt, über die er verfügt, und der damit selbst zu einem hermetischen, irgendwie fetischistischen Fallenlassen von Wortobjekten genötigt ist, diese kaputte Rationalität also führt sich hier auf eine Weise vor, die sie plötzlich offensichtlich werden lässt.

Was hier gesprochen wird, ist richtig und doch gleichzeitig falsch, und das könnte daran liegen, dass diese Leute, “wir”, niemals ihr Wort an einen anderen richten, selbst wenn es formal so aussieht, als führten sie einen Dialog. Das Personal Kunzes ist kollektiv in einem Monolog gefangen. Das “Homecoming Concert” ist aus Resten des Hörspiels “Space is the place” (WDR 2001) entstanden, in dem es ausführlicher heißt: “Wenn ich nach oben sehe in den Raum über mir, den kosmischen Raum, und mich frage, ob da noch jemand ist da draußen, dann ist das eigentliche Problem nicht das, dass ich nichts sehe, sondern dass ich mich selber sehe, mir selber zusehe, von hinten und in der Zeit gedehnt, oder? Weil der Raum, in den ich sehe, ein gekrümmter ist, ohne Begrenzung zwar, aber endlich, und wo jeder Anfangspunkt einer Bewegung gleich ihrem Endpunkt ist.” Der Krieg, dessen Überlebenden die Loops des “Homecoming Concert” gewidmet sind, erscheint so tatsächlich als ein Krieg der Einzelnen, “wir”, gegen sich selbst, “uns”. Ein Krieg, der paradoxerweise in jenem Moment angefangen hat, als die “Anderen” vollständig abhanden gekommen sind.

So fragen sie sich in “ich auf der tretmine” (WDR, November 2002), ob es da nicht strukturelle Zusammenhänge geben könnte zwischen der “Zunahme von Tanzflächen und Krisengebieten in den Neunzigern”? Geht es im Club nicht auch um “Besetzen und Inbesitznahme von Räumen in der Bewegung und darum, dass auch die tanzende Eroberung eines überschaubaren Ortes eine Form von Ein- und Ausschlussschritten ist”, von den Ausschlussverfahren an der Tür einmal ganz abgesehen. Theoretisch voll auf der Höhe stellen sie, “wir”, die richtige Frage, gehen scheinbar los, bewegen sich, um dann aber nie bei der nächsten, der womöglich entscheidenden Frage anzukommen: Was heißt das konkret denn eigentlich, und welchen Schluss soll man daraus ziehen, und nützt uns diese oder jene Kategorie überhaupt, wenn man sie unterschiedslos auf alles anwenden kann, und verstellen uns die Analogien nicht überhaupt den Blick?

Die vorgeschlagene Lösung lautet, zurückzutreten, “hinter den Punkt, an dem wir uns jetzt befinden und einen side-step wagen, denn überall kann es besser sein als dort, wo wir gerade sind.” Kann dieses Wir-Kollektiv es also schaffen, sich mit einer eleganten Bewegung aus seinem Dilemma herauszutanzen? Reicht es aus, zu wissen, dass “Genuss und Zerstörung von Körpern zwei Seiten derselben Tanzfläche sind”? Es reicht wohl nicht, solange “wir” noch daran glauben, dass der erste Schritt darin bestehen muss, die Kontrolle über “uns” und “unseren” Körper wiederzugewinnen, also “die Kontrolle über die eigenen Bewegungen zurückzuerlangen, oder?” Kommunikation, möchte man “uns” zurufen, passiert überhaupt erst dann, wenn “wir” die Kontrolle verlieren. Die Überlebenden sind immer die, die es doch noch geschafft haben, die Kontrolle zu behalten, als Türsteher ihres eigenen Imperiums. So kann man das “Homecoming Concert” auch als Requiem auf das Ableben des Raves hören, ein schönes allerdings.

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Elektronische Lebensaspekte.