Die Geister wollen das Gruseln nicht mehr. Thies Mynther und Dirk von Lowtzow begeben sich auf der zweiten "musikalischen Manifestation ihrer Freundschaft" (von Lowtzow über Phantom/Ghost) auf die Reise in entfernte assoziative Gefilde: "To Damascus" ist die Flucht in eine Traumwelt, deren Soundtrack Rockmusical und Minimalsound im Elektronischen verwebt, ohne dabei auf die Tränendrüsen von Nietenträgern zu drücken. Warum auch, wenn das Ganze aus einem Jux heraus geboren wurde.
Text: Stephen Lumenta aus De:Bug 77

Rockmusical gegen das Gruseln
Phantom/ Ghost

“Eigentlich war das am Anfang nur ein Witz von uns auf Tour. Wenn man so etwas wie den Namen Damascus hat, ist das eine schöne Hutschachtel, aus der man etwas zaubern kann. Das ist auch der faule Trick dabei, der so wahnsinnig viele Assoziationen hervorruft. Das ist ein phantasmatischer Ort, an den man sich erinnert, obwohl man noch nie da war. Uns hat so eine komische dekadente Vorstellung von Orientalismus gereizt, dieser Exotismus.” Dirk von Lowtzow sitzt zurückgelehnt, ist gut gelaunt und raucht viel. Dekadenz? Vielmehr schmeißt einem der erste Eindruck des Albums “To Damascus” die Vorstellung totaler Zerbrechlichkeit entgegen. Zwar findet sich stets ein streng eingehaltener Dualismus zwischen episch melancholischem und fröhlich hüpfendem Liedgut, die brüchige Stimme von Lowtzows singt aber durchweg so, als hätte sie diesen Segeltörn mal wirklich nötig. Ist denn alles so schlimm, dass die Geister jetzt schon selber die Verschreckten sind? “Hier geht es nicht um Alltagsrealität, es geht nicht darum, unser Leben im Hier und Jetzt mit allen Zwängen zu beschreiben. Mich ödet das an, dass alles im klar definierten IST angesiedelt sein muss. Als künstlerisches Ausdrucksmittel finde ich das stinklangweilig!” Dekadenz. Die Flucht heraus in neue Ausdrucksformen als großes Kino, in dem eifrig mit Illusionen gearbeitet wird. Wo auf der einen Seite eine große Traumblase aufgeblasen wird, kommt auf der nächsten Seite wieder eine Bassdrum, um sie mit einem einzigen Schlag zerplatzen zu lassen. Sind Phantom/Ghost etwa auch noch Disco? “Dieses Tanzbare bedeutet uns schon ziemlich viel. Wir stehen auf klassische Songs und auf der anderen Seite sollen die auch Disco sein und ordentlich bumm bumm machen. Es geht uns nicht darum, so einen Hybrid zwischen Song und Disco zu schaffen – eine Aufteilung soll schon klar erkenntlich sein. Wir gehen auch gerne in die Disco, wir finden das schon gut.”
To Damascus erzählt all die kleinen Geschichten vom Lieben und Entlieben, erteilt Absolution, klagt unterschwellig an und löst dann wieder alles im Diffusen auf. Fußnoten psychedelischer Rockgruppen finden sich genauso wie Thies Mynthers feste Verwurzelung in Hamburgs Elektronik-Szene. All dies trifft sich dann in einem Klang, der sich die pathetischen Gesten in einem Rockmusical abgeschaut hat, um diese dann wieder im Sampler zu zersetzen und zu rekonstruieren. Dem Rockmusical wird ein elektronischer Chip eingepflanzt: “Der Kontext von obskurer, drogengeschwängerter Rockmusik der 60er-, 70er-Jahre hat noch nicht richtig Einzug in elektronische Musik gehalten. Das war auch ein Anlass, warum wir uns gegründet haben, wir parodieren ja auch ganz viel. Das ist dann aber nicht diese ironische Distanz, wir lassen uns da ganz tief reinfallen. Natürlich darf aber auch gelacht werden – man muss sich schon auch zum Affen machen.”
Hier liegt auch die Schönheit in diesem Album: Bei all der affektierten Schwere ist auch immer ein kleines Zwinkern zu den Rockrecken zu finden – die großen Gesten werden noch größer, ohne sich in Plumpheit zu verlieren. Zum Eskapismus wird aufgerufen, ohne sich dabei aufzugeben. Die Flucht steht auch immer als schöpferische Möglichkeit da, grenzüberschreitende Wege zu gehen: Denn das Gruseln ist der Geister Sache nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.