Stefan Betke aka Pole bricht auf seinem neuen Album mit seiner Knacks-Trademark und holt sich neben Saxophon und Kontrabass vor allem Fat Jon von den Five-Deez als MC ins Studio, um einigen Tracks einen hiphoppigen Stempel aufzudrücken. Ein Rap-Album ist die neue Platte dennoch nicht, im Gegenteil.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 73

Alles neu macht das Mikrofon
Pole denkt sich was aus

Manchmal hat man das Gefühl, bestimmte Musiker alles gefragt zu haben, was irgendwie von Interesse sein könnte. Bei Stefan Betke ist das ein bisschen so. Nicht, weil man sich in Berlin eh ständig über den Weg läuft und immer auf dem Laufenden ist, sondern weil, wie in Betkes Fall, die schrittweise Weiterentwicklung einer musikalischen Idee über drei Alben (Blau, Rot, Gelb) wenig Raum lässt für Gespräche, die sich nicht in der Vertiefung und Diskussion von Details verlieren, die die musikalische Evolution des jeweiligen neuen Werks abbilden. Sound braucht diese Lupe selten, eigentlich nie. Ein Update der Person ist der einzige Ausweg. Beim vierten Album von Pole stellt sich dieses Problem nicht. Mit Mute als neuem Label im Rücken ändert sich auch Betkes Vision für neue Stücke. Das defekte Waldorf-Filter wurde endgültig aus dem Studio verbannt, das neue Gerüst der Tracks sind greifbare Beats, akustische Elemente und vor allem die Stimme von Fat Jon, MC und Producer der HipHopper “Five Deez”. Macht Pole jetzt HipHop? Ne, aber wenn Fat Jon schon gerade da ist, kann man ja auch ein paar Platten hören. Platten des Genres, mit dem Pole sich zukünftig als neuer Allround-Referenz auseinandersetzen wird müssen. Könnte schlimmer sein.

Freestyle Fellowship – Innercity Boundaries Griots

Fat Jon:
Was für ein Klassiker. Eine Menge Leute haben sich hier ihre Rhymes abgeschaut …

Debug:
Ich möchte rausfinden, warum ihr beide euch zusammengetan habt, wo eure gemeinsamen Anknüpfungspunkte lagen. Denn obwohl ihr eine gemeinsame Liebe für HipHop habt, seid ihr ja musikalisch bestimmt völlig unterschiedlich aufgewachsen …

Pole:
Wir haben nie über unsere Einflüsse gesprochen, oder?

Fat Jon:
Na, fang mal an …

Pole:
Ich hatte keine Ahnung, dass du diese Platte magst, ich hab sie rausgezogen, weil sie für mich so wichtig war. Für mich war das der Einstieg in den vom Jazz beeinflussten HipHop. Jungle Brothers, A Tribe Called Quest … diese Leute haben mich damals interessiert und beeinflusst.

Fat Jon:
Absolut. Freestyle Fellowship sind von der Westküste und so einen Sound war man von da nicht gewöhnt. Künstler von der Ostküste waren bei uns viel wichtiger. Natürlich hörten wir auch NWA und so, aber Tribe Called Quest, Digable Planets waren einfach wichtiger. Die Beats waren gut, die Rhymes fantastisch. Die Tatsache, dass diese Platte für Stefan genauso wichtig war wie für uns, zeigt mir die Kraft von HipHop und macht klar, warum unsere Zusammenarbeit so gut funktioniert hat.

Pole:
HipHop war für mich immer nur Musik, ich habe HipHop nicht “gelebt”. Ich habe die Platten gehört, Schnippsel rausgezogen für meine eigene Musik. Der Anknüpfungspunkt für uns war die Musik, die Beats. Damals in Köln haben sich viele Jazzer mit HipHop auseinandergesetzt, wie Tracks funktionieren, wie gesampelt wird.

Fat Jon:
Auch da sind wir uns ähnlich. Auch wenn ich als Amerikaner die Lyrics ganz genau verstehe, sind die Beats immer am wichtigsten. Ich identifiziere mich nicht mit einem Track aufgrund der Rhymes.

Debug:
Was hast du damals gemacht?

Fat Jon:
HipHop mit den 5-Dees! (lacht). Wir haben schon immer Musik gemacht. Platten wie die Freestyle Fellowship waren für uns die Inspiration, selbst Tracks zu machen. Wir waren davon überzeugt, dass HipHop immer so klingen würde. Das war wohl naiv.

Pole:
Aber es veränderte sich drastisch.

Fat Jon:
Oh ja. HipHop wurde ein Moneymaker. Es war nicht mehr etwas, dass du und ein paar Freunde teilten. Autos, Burger King, ich erzähl ja nichts Neues.

Pole:
Das war so 1996. Da habe ich dann wieder andere Sachen gehört.

Fat Jon:
Für mich war’s vorbei. HipHop hat mich nicht mehr interessiert und tut es eigentlich bis heute nicht.

Pole:
Aber jetzt wird es doch wieder interessant. DoseOne, Jay-Dee, Mr. Lif … es passiert wieder was. Ich leg mal Jay-Dee auf.

Jay-Dee feat. Frank’n Dank

Debug:
Für mich ist die dunkle Zeit, in der alles total stagnierte, vorbei. Vor allem tut sich soundmäßig wieder was.

Pole:
Bei den Lyrics tut sich aber auch was. Es wird wieder experimentiert. Alte Strukturen zerbrechen, neue Dinge ausprobieren. Im besten Fall wird dann ein neuer Style draus. Jay-Dee zum Beispiel arbeitet mit diesem Reggae-Gefühl, hat immer den Offbeat im Blick, aber trotzdem ist es HipHop aus Detroit. Oder?

Fat Jon:
I just like how Jay-Dee freaks his drums. Er kann so gut programmieren. Slammin’!

Nas – Illmatic

Fat Jon:
Noch so ein Klassiker. Wieder eine Platte, die alles veränderte. Und wieder bin ich reingefallen …

Pole:
Ich erinnere mich, dass in Köln damals alle davon redeten. Es kommt eine Nas-Platte. Bei “Groove Attack” war absoluter Rotalarm.

Fat Jon:
Und heute rappt er über alles, was er vor die Nase kriegt.

Debug:
Lasst uns über eure gemeinsamen Tracks reden. Wie ist es mit deinem generellen Interesse für elektronische Musik, Jon?

Fat Jon:
Ich kümmere mich nicht um diese Genres. Als HipHop-Produzent sampelst du alles. Je mehr Musik du hörst, desto besser.

Debug:
Wie habt ihr euch getroffen?

Pole:
Es war Zufall. Bevor ich Jon traf, hatte ich schon mit ein paar anderen Sängern gearbeitet, aber es passte nicht wirklich. Ich hab schon Jon dann mit den Five-Dees hier in Berlin gesehen. Zu diesem Zeitpunkt war Jon nach Berlin gezogen, wir haben uns getroffen und Jon hat einen Haufen Fragen gestellt. Was ich mir vorstellen würde …

Fat Jon:
Das ist ganz wichtig. Ich musste rausfinden, was Stefan wollte. Die Tracks waren zu diesem Zeitpunkt schon fertig, hatten sogar Titel. Ich war sehr beeindruckt von der Musik und zermarterte mir das Hirn, wie ich auf diese Tracks am besten einsteigen könnte. Stefans Ideen und Vorstellungen waren eine große Hilfestellung. So hatte ich ein paar Richtlinien, an denen ich mich orientieren konnte.

Pole:
Das war ein komisches Gefühl. ich habe ja immer Instrumentalmusik gemacht. Wenn man dann einen Track weggibt, der ja eigentlich noch nicht ganz fertig ist, eben weil die Vocals fehlen, das ist komisch. Ich war total schüchtern, weil ich gar nicht wusste, wie ich das, was ich wollte, erklären sollte. Aber es hat perfekt funktioniert.

Debug:
Warum wolltest du überhaupt mit Vocals arbeiten?

Pole:
Ich vermisste etwas bei meinen neuen Stücken. HipHop war mir immer wichtig. Dub ist vom HipHop nicht so weit entfernt. Insofern war es ein logischer Anknüpfungspunkt. Ich habe in den Tracks einfach Vocals gehört. Die restlichen Gäste auf dem Album (Saxophon, Kontrabass) waren ein guter Ansatz, aber es fehlte noch etwas, um es perfekt zu machen. Oder?

Fat Jon:
I was lucky to get the beats that I got! Die Instrumentals, die ich von Stefan bekam, haben mich sehr inspiriert. Es hat großen Spaß gemacht. Die Geschichten sind alle sehr offen, können unterschiedlich interpretiert werden. Ich wollte, dass Stefan glücklich ist und ich auch. Es ist dope. Und im Club rockt es.

Debug:
Album und die EPs sind ein großer Schritt für dich, Stefan. Nach der Trilogie hast du immer gesagt, dass du etwas völlig Neues machen willst. Und jetzt gibt es gleich Vocals und propere Beats …

Fat Jon:
Extra proper!

Debug:
Das neue Album schlägt einen ziemlich eleganten Bogen, so dass man sich fragt, warum du diesen Schritt nicht schon früher gewagt hast …

Pole:
Ich brauchte eine Weile, um auf die Idee zu kommen …

Debug:
Welchen Weg hast du hinter dir, um beim neuen Album anzukommen?

Pole:
Einen sehr langen! Zunächst habe ich mir nach der gelben Platte Gedanken darüber gemacht, welche Elemente ich aus der Musik herausnehmen konnte. Zu Beginn habe ich natürlich die Knackser rausgenommen, die ja früher die Beats ersetzt haben. Ohne diese Sounds waren die Tracks richtig leer. Die Dub-Elemente waren noch da, aber nichts hielt diese Elemente mehr zusammen. Und ich wollte die neuen Tracks viel konkreter und fassbarer machen. Also musste ich in der genauen Gegenseite suchen. Ich wollte Drums bauen, die speziell waren, Tracks, die eine besondere Energie hatten. Also experimentierte ich mit Ska und HipHop, Reggae und HipHop, dann habe ich den HipHop wieder rausgeworfen und versucht, die Tracks straighter zu machen, bis ich mich wieder auf meine alte Herangehensweise besonnen und Sachen fertig gemacht habe. Einige Tracks waren rund und fertig, bei den anderen musste “Unterstützung” her. Dann kam der Kontrabass, das Saxophon, alles wurde ein wenig akustischer. Trial And Error eben. Und bei den Tracks, die dann immer noch nicht perfekt waren, kamen die Vocals in Spiel.

Gangstarr – Daily Operations

Fat Jon:
Diese Platte hat mich wahnsinnig gemacht, hat mir die Augen geöffnet über die Bedeutung guter Samples. Die Einzigartigkeit der Samples sind das Allerwichtigste. Wenn jemand dein Sample findet oder es sogar schon vorher verwendet hat, ist die Geschichte vorbei. Das ist für mich oldschool: Sounds finden, die niemand hat. Da hat sich für mich nichts verändert. Du musst in den Platten graben und graben und graben, bis du den Schnippsel gefunden hast, den niemand anders kennt. Das ist wie eine Lehrstunde. Bei den großen Produktionen wird heute ja gar nicht mehr gesampelt. Uns ist das wichtig. Vinyl. So muss es immer bleiben. Die Kids heute kaufen Synthesizer mit HipHop-Presets. Das ist nicht meine Welt.

Pole:
Aber es ist ok, dass sie das machen, oder?

Fat Jon:
Klar, es ist aber nicht meins. Hängt davon ab, was du von HipHop willst

Debug:
Was denkst du über die fertige Pole LP?

Pole:
Sag die Wahrheit …

Fat Jon:
Ich bin mehr als zufrieden. Ich bin da ganz egoistisch und kann sagen, dass auf Stefans Album einfach eine neue Seite von mir zu hören ist, die es so bisher noch nicht gab.

Debug:
Auch wenn viele Leute sagen werden, dass das ja gar kein echter HipHop ist und das solche Projekte grundsätzlich abzulehnen sind …

Pole:
Aber Menschen, die dieses Album als HipHop interpretieren, haben doch sowieso nichts verstanden. Nur weil ein MC auf ein paar Tracks dabei ist, ist es noch kein HipHop. HipHop ist mehr als ein MC. Es ist elektronische Musik. Es gibt Referenzen zu HipHop, Dub, aber es ist weder das eine noch das andere. Wenn jemand das nicht versteht, ist das sein Fehler.

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Elektronische Lebensaspekte.