Drei Jahre hat sich der Schlammpeitziger aka Jo Zimmermann Zeit genommen, um sein neues Album fertig zu stellen. Nach einem Remix für Depeche Mode und seiner Best-of-CD für das britische Label Domino war eine Neupositionierung gefragt. Die Roland SP-808 regiert jetzt im einstigen Casio-Land.
Text: Christian Meyer aus De:Bug 76

Nach vorne peitzen
Schlammpeitziger

In der Tat hat sich einiges geändert, auch wenn einem das nicht so direkt ins Auge und Ohr springt. Die Produktionsbedingungen, die seit langem in der fast hermetischen Schlammpeitziger-Welt überschaubar waren, sind etwas durcheinander geraten: Er hat zum ersten Mal stringent an einem Album gearbeitet und nicht über zwei Jahre Stücke angesammelt. Nach nur einem halben Jahr waren neun Tracks fertig! “Es sollten eigentlich zehn Stücke werden, aber nach dem neunten war ich einfach leer! Da konnten die Geräte auch mal wieder schweigen.” Auch hier, beim Instrumentarium, hat sich was getan: Wo zuvor der Casio tonangebend war, regiert jetzt ein Roland SP 808 mit seiner Vielfalt an Möglichkeiten. “Man kann da Sachen exakt platzieren, wie im Minicomputer. Das ist eine ganz andere Arbeitsweise: Da kann man Dinge nebeneinander und übereinander stellen, so dass die vom Timing auch genau hineinpassen. Ich habe auch viel mit Resampling gearbeitet. Die vier digitalen Spuren habe ich dann oft nachher wieder auf acht analoge gebracht und noch mal Melodien dazu gespielt. Außerdem habe ich eine dickere Drummaschine benutzt, weil ich auf die Casio-’Holzdrums’ wirklich keine Lust mehr hatte – es sollte mehr nach vorne gehen.”

Und nach oben, unten, rechts und links! Die kleinen Attraktionen, für Depeche Mode remixen zu dürfen (der Matmos- oder Mark Bell-Effekt hat sich aber nicht eingestellt, weil der Remix “zu eigen, zu verschroben” war) und sein Best-of-Album “Collected simplesongs Of My Temporary Past” auf Domino veröffentlichen zu können, haben das Telefon NICHT heißklingeln lassen. Also hatte Jo Zeit, sich über eine Neupositionierung Gedanken zu machen. “Ich wollte eine Grätsche machen zwischen Elektronik, Pop und Experiment. Ich habe die drei Jahre viel Musik gehört, und was letztendlich für mich hängen geblieben ist, wo ich am meisten dachte, da könnte es für mich hingehen, war zwischen Capitol K, Vert und Stevie Wonder. Ich dachte, dass das auch für mich eine gute Fortsetzung wäre für elektronische Popmusik im weitesten Sinne. Ich hatte keine Lust, dass das alles glatter wird, oder mainstreamiger. Ich wollte, dass das verschroben und komisch bleibt, zwischen Geräusch, Melodie und Pop.” Niedlich-Sound adé! Stattdessen rappelt es auf dem neuen Album “Everything Without All Inclusive” ordentlich und man kann bei der Vielschichtigkeit der Tracks durchaus von einem komplex geschichteten Wall of Sound sprechen.

Erzählen ohne Stimme
Aus den vielen Schichten schälen sich dann immer wieder Geschichten, vage narrative Strukturen heraus. Konkreter wird es, wenn gesampelte Geräusche wie das Summen eines Bienenschwarms oder die Geräusche eines Ruderbootes zu hören sind. “Eine Geschichte ergibt sich erst während der Arbeit mit den Bruchstücken, bevor man die Versatzstücke zusammenfügt und es ein Ganzes ergibt. Das wurde jetzt schon öfters lyrisch genannt, worauf dann die Frage nach Gesang folgte. Auf Gesang hatte ich aber keine Lust. Ich wollte noch mal eine Platte machen, bei der ich einen Schritt anderswohin gehen und trotzdem instrumental bleiben kann. Ich dachte, dass es auf jeden Fall noch eine Erzählform in elektronischer Musik gibt, die ohne Stimme auskommt! Außerdem hätte ich total anders arbeiten müssen, wenn da noch eine Stimme hätte reinpassen sollen. Die Musik ist viel zu dicht und gar nicht so angelegt! Das ist aber witzig, das jetzt gesagt wird, die Platte klingt lyrisch, denn dann hat sich das mit der Stimme ja eh erst mal erledigt!”

Geblieben sind, bei all den Veränderungen und Auflockerungen des hermetischen Schlammpeitziger-Universums, die langen Titel aus neuen Wortschöpfungen. Nur beim Album-Titel wurde er etwas pragmatischer: “Diesmal war es mir wichtig, etwas zu sagen, was nicht in diesem geschlossenen Schlammpeitziger-System ist. Der Titel ‘Everything Without All Inclusive’ richtet sich gegen ’all inclusive’, fordert Eigenheit und Einzigartigkeit. Auch in der Elektronik wird alles so auf EINEM Teppich breitgetreten, und da ist es wichtig, dass es auch verschrobene und andersartige Sachen gibt innerhalb dieser ganzen Parameter.”

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Elektronische Lebensaspekte.