Hanno Leichtmann aka Static bleibt nicht stehen. Dafür war und ist keine Zeit. Nach "Eject your mind" hat er das Band wieder eingelegt, musiziert weiter in Richtung "Song", ohne seinen "Flavour" benennen zu wollen. Was wir sehen, sind Patronenhülsen. Schön sehen sie aus, in ihrer Schwerelosigkeit.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 73

Feingeschliffene Unruhe

Gar nicht so leicht, Hanno Leichtmann zu treffen. Es braucht ein paar Telefonate, bis wir uns endlich auf Zeit und Ort einigen können. “Ich trage meistens Jeans und ein Sakko. Ach ja, und ‘ne Brille hab ich auf.” Annähernd dreißig Grad Außentemperatur machen jegliche Verwechslung unmöglich. Immer noch im Sakko, dafür muss man schon ganz schön hartgesotten sein, denke ich. Oder dedicated.
Dedication, das ist auch, was unser Zusammentreffen verschoben hat. Denn Leichtmann ist Vollblutmusiker. Fulltime, 24-7. Alles, was er anfasst, hat damit zu tun: “Das hier ist mein Beruf. Natürlich nicht nur Static, ich habe ja auch andere Projekte, lege auf, produziere, mache Sachen fürs Theater.” Zur Zeit unseres Treffens sind es gerade die Jingles für ein Radioprojekt der Berliner Volksbühne. Morgen könnte es schon wieder was anderes sein, für “Stillstand” kann der Name also nicht stehen: “Der Name ist schon vor einigen Jahren entstanden, als ein amerikanischer Freund von mir mit Sinustönen Samples gemacht hat. Er sprach dabei immer von static, diesem Rauschen, wie wenn man das Radio schlecht eingestellt hat. Ansonsten gibt es dahinter kein Konzept.” Man findet es auch nicht, das Rauschen, wenn man seinen Blick auf Statics Musik richtet. Allein der Reiz dieses Wortes muss es gewesen sein.
Worte sind ein Aspekt, der auf “Flavour Has No Name” in den Mittelpunkt gerückt ist: “Ich bin definitiv mehr in Richtung Songs gegangen, habe mehr Vokalgäste, und die Songs sind kürzer geworden. Ich wollte konkreter werden, vom Format her mehr zur Popmusik gehen. Zwar haben selbst meine Tracks meistens Strophe und Refrain, aber ich bin eben noch ein bisschen weiter gegangen.” Neben Dauergästen wie Justine Electra und Ronald Lippok hat Leichtmann dieses Mal auch Valerie Trebeljahr, Stefan Schneider und Christof Kurzmann angesprochen, um seinen feingeschliffenen Entwürfen die endgültige Richtung zu geben: “Die Titel sind für mich vorher wertfrei – und mit dem Text kommt die Story, dann wird es spannend, weil der Song noch einmal umgestülpt wird. Obwohl der Text hinterher nie das widerspiegelt, was ich mir vorher dabei gedacht hatte, ist dieser Prozess meistens eher unproblematisch. Es kam nur ein einziges Mal vor, dass ich das Thema nicht so passend für das Album fand.”
Trotz des relativ unkomplizierten Produktionsprozesses klingt die neue Platte aufgekratzter als “Eject Your Mind”. Die unbekannte Unruhe und das Aufgewühltsein von früher haben ihren Weg in die Songs gefunden, so dass der zuvor angedachte Albumtitel “Disquiet” nur zu gut gepasst hätte: Das Soundaquarium wird hier zehnmal durchgeschüttelt, die Beats sind dabei teilweise schneller, rougher. Aber eben nur teilweise.

Schlagzeug, Synthesizer und Freunde

Flavour mag zwar keinen Namen haben, aber auch keine feste Richtung, was logisch erscheint, wenn man die vielfältigen Einflüsse Leichtmanns betrachtet: Die Früherziehung findet in Rumänien statt. Passiv von Schlagern im Radio berieselt, jeden Sonntag klassische Musik in einem alten Kino, ABBA, und irgendwann kommt natürlich der ältere Bruder und sein Hang zu elektronischer Musik ins Spiel. Inzwischen in Saarbrücken angekommen, bekommen Hanno (im zarten Alter von vierzehn Jahren) und sein Bruder einen Synthesizer geschenkt. Von den Eltern. Das gute Stück wird natürlich sofort vom Bruder beschlagnahmt, wie könnte es auch anders sein. Allerdings ist jener so fair, Hanno mit einem Schlagzeug zu vertrösten, damit er nicht mit leeren Händen dasteht: “Ich hab mir das Schlagzeugspielen selber beigebracht, die ersten fünf Jahre zumindest. Später hab ich das dann auch studiert, ‘Diplomschlagzeuger’, bis dann kam ‘mach mal Pädagogikkurse’, was für mich irgendwie nicht mehr ging, da hab ich’s abgebrochen.” Vielleicht war die Zeitspanne einfach zu lang, die so ein Studium in Kauf nimmt. Zu wenig Raum für Wandel. So wurde der neugewonnene Freiraum mit Freejazz, DJ-Abenden mit Kraut und Rüben-Charakter und Theater-Soundtracks gefüllt. Sein neuster Lieblingseinfluss ist Folkmusik, einfach, analog und ehrlich.
Konsequenterweise sind die allerneusten Kreationen Leichtmanns nach genau diesem Prinzip entstanden: “Vorher hab ich teilweise Beats gemacht, die alleine schon aus zwanzig Spuren bestehen. Aber die neusten Tracks, wie zum Beispiel ‘Waking up’, sind eher rough produziert, mit viel weniger Spuren. Ich bin froh, dass er es noch auf das Album geschafft hat, als letztes Update sozusagen.” Noch mag das stimmen, aber auch diese Art von Songs wird wieder überholt sein, wenn ein neuer Einfluss ausgelebt werden will. Tokyo und Freejazz-Konzerte in Wien stehen auf dem Plan, dazu mehr Musik fürs Theater. Für heute ist aber erstmal Schluss, ein alter Freund aus Saarbrücken kommt zu Besuch. Kein Musiker. Soviel Zeit muss sein.

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Elektronische Lebensaspekte.