Auf "Fahrenheit Fair Enough" rauschten Joshua Eustis und Charles Cooper alias Telefon Tel Aviv mit viel Organik und kompositorischer Finesse durch die Frickelgalaxie. Nun, drei Jahre später, geht ihre Reise durch die fein verästelten Kapillaren der Seele weiter.
Text: Hendrik Kröz aus De:Bug 81

SOULMONSTER TRÄUMEN GERN
Telefon Tel Aviv

Friedlich auf dem Rücksitz dösen kann man als Mitreisender allerdings vergessen, denn auf dem neuen Album “Map Of What Is Effortless” lauern unerwartete Turbulenzen – 30 Violinen und schmachtende Vocals von L.A.-Songwriter Damon Aaron und L’Altra-Sängerin Lindsay Anderson tummeln sich polarisierend im Glitchrevier, die Gesangslinien strotzen vor Emotionen und verwandeln feingesponnene Konstrukte in Balladen für Millionen. Telefon Tel Aviv nennen ihren Hybrid verschmitzt “Bedroom-R’n’B”, besser kann man den Spagat zwischen Intimität und Breitenwirksamkeit nicht auf den Punkt bringen. Von wegen “Landkarte dessen, was mühelos ist”, ein ganzes Jahr lang saßen die beiden Bayou Boys im lichtarmen Chicagoer Keller-Studio, um ihr beeindruckendes Werk zu produzieren, jetzt geht es raus damit auf Tour.

DEBUG:
Konntet ihr euch, nachdem das Album fertig war, eine kleine Pause gönnen?
COOPER:
Ging gar nicht. Wir haben sofort weitergemacht, Platten von anderen Leuten produziert und an Remixen gearbeitet. Ehrlich gesagt sind wir gerade ziemlich erledigt.

DEBUG:
Ihr seid vor einem Jahr von New Orleans nach Chicago gezogen, um “Map Of What Is Effortless” zu machen – was gibt euch das neue Umfeld?
COOPER:
New Orleans ist eine Musikmetropole in traditionellem Sinn. Es ist schön da, entwickelt sich aber nicht weiter. Das ist kein Forum, wo man progressive Musik präsentieren kann. Chicago dagegen umarmt uns in dieser Hinsicht – plötzlich waren total viele Leute um uns rum, mit denen wir Ideen austauschen können. Das hat die Entwicklung unserer Musik sehr beeinflusst.

DEBUG:
Habt ihr eine Grundidee, was eure Entwicklung angeht?
COOPER:
Weiterwachsen, die Herausforderung suchen. Gleichzeitig immer neue Sachen in den Mix werfen. Das ist unser Traum, das wollen wir mit unserer Musik erreichen.

DEBUG:
Ihr legt alles, was musikalisch passieren wird, vorher verbal fest. Wie weit seid ihr beim neuen Album ins Detail gegangen?
COOPER:
Zuerst haben wir eher mit grobem Pinsel gemalt, d.h. uns überlegt, was für Tracks in welcher Chronologie drauf sein sollen. Wie das Album anfängt und wie es aufhört…

DEBUG:
… dieselben Akkorde, aber sie klingen anders. Wenn man sie am Schluss zum zweiten Mal hört, ist es so, als ob man von einer langen Reise zurückkommt.
COOPER:
Genau! Wir haben also zuerst Start- und Endpunkt festgelegt, die Leerstellen imaginär aufgefüllt und dann begonnen, Songs zu schreiben, die hineinpassen.

ZURÜCK INS LICHT

DEBUG:
Euer Album ist ein konstanter Battle zwischen Noise und Pop, also dem, was hässlich und dem, was schön sein will. Und deswegen auch gern mal ins Kitschige abdriftet, was dann vom Krachigen wieder aufgefangen wird. Trifft das ungefähr den Punkt?
COOPER:
Wir versuchen, Musik zu schreiben, die eine Stimmung oder ein bestimmtes Gefühl ausdrückt. Ich bin bestimmt nicht der einzige der denkt, dass die Welt ein schöner Ort mit dunklen Flecken ist. Unser übles Studio hat bestimmt auch viel zur abgründigen Seite des Albums beigetragen: Es kriecht an allen Ecken und Enden daraus hervor.

DEBUG:
Warum muss man sich der Dunkelheit stellen, wenn man Musik macht?
COOPER:
Wenn man so weit ins Dunkle geht wie man kann, gibt es nur noch eine einzige Richtung – zurück ins Licht. Oder man gibt auf. In den finsteren Phasen meines Lebens gab es immer Momente von Klarheit, wo ich die Dinge so deutlich sehen konnte, dass sie Sinn für mich machten.

DEBUG:
“At The Edge Of The World You Still Float”, der letzte Song auf euerm Album, hält einen solchen Moment fest – in Form einer Metalballade.
COOPER:
Hey, Josh und ich stehen total auf Metal. Zur Zeit gibt es ein Revival eben jener Sorte, mit der wir aufgewachsen sind, das ist total aufregend. Unsere absolute Lieblingsplatte kam 2003 von Black Dahlia Murder – die sind aus Michigan und noch richtig jung. Die beste Metalband seit Jahren.

DEBUG:
Ihr habt auch mit einem Streicherorchester zusammengearbeitet, von der Loyola University New Orleans, wo Joshua Musikwissenschaft studiert hat. Das war doch bestimmt großartig.
COOPER:
Josh dirigierte, ich drückte den Aufnahmeknopf und schaute zu. Kenne den Knaben gut genug um zu wissen, was für ein Traum da für ihn wahr wurde. Es war so schön, ihn während der Session zu beobachten. Fragte mich nur, was ich da zu suchen hatte. Und ob das alles jetzt real ist.

DEBUG:
Wie wichtig sind Träume für Telefon Tel Aviv?
COOPER:
Die perfekte Inspirationsquelle, Fluchtwege aus den engen Begrenzungen des Denkens. Josh und ich flüchten gerne in die Musik, in einen Film… oder einfach nur ins Bett.

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Elektronische Lebensaspekte.