Die experimentelle Idylle als ständige Gratwanderung ist ein Thema, das in Köln noch gefehlt hat. Tom Steinle kümmert sich nach seinem Consultant-Job mit dem Label "Tomlab" rigoros um diese Nische, die so dornige Blüten wie Casiotone, Fonica oder Angelika Köhlermann pflegt.
Text: Tim Stüttgen aus De:Bug 72

Wie ich ein Label wurde

Seit einiger Zeit schon hört man neues Getrapse im kölnischen Walde am Rhein. In einem neuen Label-Lager wird gut gekocht und genussvoll gespeist, denn Tomlab tut gut. Ungläubige mögen zwar fragen, was man in der Stadt von Kompakt und Ware, Sonig und Staubgold, Karaoke Kalk und Traum eigentlich noch braucht, doch ihre beschränkte Phantasie wird sie bald zum Schweigen bringen. Oft wurden wir verzaubert in den letzten Monaten. Die immer sanfte, aber nie passiv dahinsiechende Heterogenität gibt Experimenten Harmonie und Pop Luft zum Atmen, ist nett, aber nicht harmlos. Und der Unterschied zwischen analog und digital zählt letztendlich nicht. “Das ist mir egal“, meint Tom Steinle, der Typ vor und hinter dem Lab. “Für mich geht es immer um die Arbeit mit dem Künstler und seinen Ideen, Sichtweisen, Philosophien, Erfahrungen, Hintergründen. Das ist es, was die Arbeit auch interessant macht: Das sind alles sehr unterschiedliche Leute. Da gibt es keinen offensichtlichen gemeinsamen Nenner oder avantgardistische Formel. Es geht um Sieg. Nicht um Theorie.“ So finden sich neben dem bisher bestverkauften Akustik-Elektronik-Fusion The Books gerade neue Alben von The Carribeans, Tujiko Noriko und Rafael Toral.

The Carribeans sind Tomlabs erste Indie-Band, die im Dunstkreis der Beach Boys und The Sea & Cake wunderbar sanftmütige Oden erklingen lassen, die sich geschmeidig über elektronische Effekte bewegen. Beim Avantgarde-Gitarristen Rafael Toral hingegen ist das handgespielte Instrument kaum noch herauszuhören. Auf “Electric Ladyland / Lullabies“ erklingt das zarteste Ambient-Irgendwas, das vor und nach dem Schlafen nichts anderes als gut tun kann. Kein Wunder, dass er diese Platte seiner kleinen Tochter gewidmet hat. “Ein paar Stücke sind von einer EP“, erklärt Tom begeistert, “es hat superlange gedauert, bis ich Rafael überredet hatte, da noch mehr zu machen. Aber es hat geklappt!“ Auch das neue Tujiko Nuriko-Album “From Tokyo To Niagara“ ist im Vergleich zu ihren Vorgängern auf Mego das eingängigste. Was ihre Stücke selbstredend nicht weniger wunderbar macht. Zwar werden jetzt die ewigen Björk-Vergleiche noch lauter erklingen, aber es gibt wahrlich schlimmere Nervigkeiten.

Toms Selektionen sind gerne zurückgenommen. Es gibt keinen Grund zur Sorge, wenn einer mal “Pop“ dazu sagt. Einen Masterplan gab es aber nie: Vor sechs Jahren als ein Plateau für eigene Musik-Projekte gestartet, hat sich alles ganz organisch entwickelt. Es gab ein so großes Interesse, dass die gepressten CD-Rs einfach nicht mehr reichten. “Dann hatte das plötzlich so einen eigenen Flow, ohne dass was geplant war. Eine spontane Sache. Es gab nie eine Idee. Es gab nie einen Plan. Einfach machen”, meint Tom. Entschieden ist aber mittlerweile, dass es bald ein Unterlabel geben wird. Softle Music. Tomlab soll noch bestimmter in die Gefilde freierer Pop-Formate ausbrechen und Softle eine Heimat für die experimentelleren Sachen bieten. Dass sich Tomlab-Platten gerade in der Ära des großen Label-Geheules eher besser als schlechter verkaufen, beeindruckt Steinle nicht sonderlich. Er schätzt die Loyalität seiner Hörer, aber: “Ich habe keine Kontrolle über gute Resonanz. Außerdem bedeutet große Resonanz nicht immer Qualität. Zu so etwas habe ich eine große Distanz. Trotzdem ist es super, klar, weil es hilft, die Sache weiterzutragen. Eher ist es wichtig für die Künstler. Ich lass mich davon nicht so beeindrucken. Resonanz hat mit dem Schaffen selbst nichts zu tun. Es geht darum, gute Platten zu machen. Es geht um Arbeit.“

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Elektronische Lebensaspekte.