600 Jahre Klaviergeschichte lasten völlig schwerelos auf der Elektronika des Wahlkölner Pianisten Adam Butler. Als Vert schafft er das Wunder, sich an Keith Jarrett abzuarbeiten, ohne zur aseptischen Trockenpflaume zu verdörren.
Text: Tim Stüttgen aus De:Bug 73

Wenn Philosophen über Klaviere skaten

Mach die Augen zu und stell dir ein Piano vor. Stell dir vor, wie Adam Butler, der Typ namens Vert, daran sitzt und spielt. Cool, ne? Dann erst kommt der ganze Rest: Elektronik-Gefrickel, Frequenzen-Gefiepse, egal. In der Mitte bleibt das Instrument, an dem sich die Künstler der Klassik, des Jazz, der Neuen Musik immer wieder abarbeiten. ”Es ist das ultimative Instrument“, meint Adam Butler, extrem frischer Londoner Gentleman mit Wohnort Köln, ”du kannst mehr auf dem Klavier tun, als auf jedem anderen Instrument.“

Auch wenn die Arbeiten von Vert vor geschichtsträchtiger Knowledge strotzen, wenn er mit dem ”Köln Konzert“ Keith Jarrett gleichzeitig hofiert wie persifliert und seinen John Cage mit Löffeln gefressen hat, geht es gar nicht um zieselige History-Lessons. Vert will hier und jetzt mit- und weitermachen. “Natürlich bin ich mir bewusst, was schon so alles auf dem Klavier gemacht worden ist. Aber was wichtiger ist: Ich benutzte das Klavier nicht als einen Signifikanten seiner 600 Jahre langen Geschichte. Ich möchte die Geschichte weiterschreiben. Ich möchte Teil dieser Geschichte sein.“ Sein dritter Longplayer, “Small Pieces Losely Joined“ leistet Verts bisher bestimmtesten Beitrag und baut, inspiriert von drei ziemlich diversen Polen namens “Intellekt“, “Humor“ und “Emotion“, ein smartes Spannungsfeld auf, das bei aller Sophistication glänzend zu unterhalten weiß. Für jeden, versteht sich. Der Vert-Sound hat zwar so einige theoretische Konzepte in petto, bleibt aber auch ohne ihre genaue Kenntnis als Musik immer spannend und zugänglich.

Der Ex-Philosophiestudent mit Schwerpunkt “Moral und Ethik“ hat nämlich während seines Studiums mindestens genauso viel Zeit auf dem Skateboard verbracht wie vor seinen Büchern. “Synthesis is a very important thing for me. Diesen Kontrast zwischen dem Physischen und dem Intellektuellem, der macht es aus für mich“, unterstreicht Adam nickend und ist bei seinen Schwärmereien von der Erfahrung, einen Ollie zu lernen und alte Skate-Videos zu gucken, kaum noch zu bremsen.

Jetzt aber noch mal Konzentration! Die Beziehung zwischen den verschiedensten Dualitäten und ihre daraus entspringenden Ergebnisse sind auch das Thema des Album-Titels: “’Small Pieces Losely Joined’ bezieht sich auf eine Wissenschaft der Netzwerke: Soziale Gruppen sind Netzwerke. Individuelle Menschen verbunden durch gegenseitige Bekanntschaft oder Freundschaft. Das Gehirn. Serien von Neuronen, sehr verbunden. Das Internet natürlich. Ein großes Computernetz. Und ein Netz der Websites, was nicht das Gleiche ist. Was mich fasziniert: Du hast eine Riesenmenge von Dingen, Zeichen und Bedeutungen, die verbunden sind. Irgendwie erschaffen sie etwas auf einem anderen Level. Das nennt man Emergenz. Aus dieser Verbindung entsteht neues Vermögen. Aus dem Gehirnnetz entwickelt sich Geist und vielleicht Seele. Aus Städten entwickeln sich Persönlichkeiten. Und aus dem Internet so einiges Faszinierendes – von der Entwicklung eines neuen, globalen Terrorismus bis zu Moden, die sich in einer halben Stunde verbreiten.“

Ergo: Aus einem skatenden Philosophiestudenten, einem mit elektronischen Mitteln werkelnden Pianisten und einem nach Köln gezogenen Londoner entwickelt sich Sound, der das Klavier zu neuem sinnlichen Leben erweckt. Schöne Sache, diese Emergenz.

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Elektronische Lebensaspekte.