Text: taschenkritik aus De:Bug 07

Elektronische Einsamkeit von Agentur Bilwet Was kommt, wenn der Spass aufhört? Taschenkritik Rechtzeitig zur nasskalten Jahresendzeit kam das neue Buch der Amsterdamer Agentur Bilwet mit dem aufmunternden Titel “Elektronische Einsamkeit” heraus. Auf dem Cover ist der Prototyp eines elektrischen Kindes zu sehen, für das im Anhang auch nochmal geworben wird. Nachdem sich die Agentur Bilwet der Förderung der illegalen Wissenschaften verschrieben hat, hier also eine weitere Untersuchung zu post-technologischen Erfahrungen. Es beginnt mit dem Fall der Mauer. Bedrohungen und Gegensätze verschwinden oder neutralisieren sich. Das Böse wird hömöopathisch. Aber dann hört der Spass auch ziemlich schnell auf, denn der Kapitalismus macht irgendwie auch nicht glücklich. Der Aktionsradius beschränkt sich auf das reaktive Moment, in Erwartung einer post-medialen Welt. Um sich die Wartezeit zu verkürzen, beschreibt die Agentur Bilwet Phänomene aus diesem Ambiente. Die gute alte Wohnstube wird mit Monitoren ausgeleuchtet und uneheliche Kinder, im neunzehnten Jahrhundert noch Bastard geschimpft, werden zu Vorreitern einer Gen-tech Gesellschaft. Überhaupt hat der privilegierte Mittelstand gewonnen, und jeder darf mal Alien sein. Eine Gesellschaft des Debakels, no show, just Telearbeit. Mit anderen Worten selbst Guy Debord wüsste hier nicht weiter. Jede Flucht scheint ausgeschlossen wenn der Wohnraum, vormals Rückzugsort, zum hybrider Arbeitsplatz wird und von öffentlichem Raum sowieso nur noch die Unverbesserlichen sprechen. Ein erbarmungsloser Blick auf einen lebensfeindlichen Zustand. Wer hier auf die entscheidende Wende, das Kapitel des Trostes oder ein “Naja, so schlimm ist es nun auch wieder nicht!”, wartet, ist in diesem Szenario ganz schön aufgeschmissen. Darkness rules! Was fast ein bißchen gut tut bei der nicht enden wollenden Medieneuphorie drumherum. Eigenartigerweise scheinen aber hier die sonst so treffenden Jetztzeit-Visionen von Agentur Bilwet mit “Elektronische Einsamkeit” hinter der Zeit zurückzubleiben. Aktualität ist wie der Bus, der dir vor der Nase wegfährt, obwohl du gerannt bist. Irgendwann beschlich mich auch Ungeduld mit der teilweise baudrillardschen Beweisführung und dem Baden im wohlvertrauten, aber diffusen Nihilismus. Konkrete Beispiele wie in Bewegungslehre, die Relationen herstellen zwischen distanzierter Beobachtung und eigener Praxis, würden vielleicht der Kritik einen schärferen Fokus verleihen. Andererseits will “Elektronische Einsamkeit” aber auch nicht mehr sein als eine temporäre Reportage über Probebohrung in Theoriefeldern. Im Kopf bleiben die Headlines der Samples – Hömöopathie des Bösen; Organisierte Unschuld; Gesellschaft des Debakels; Zeitalter der guten Absichten. Sie triggern meistens schon die entsprechenden Assoziationsketten und können als gedroppte Line auch Hitqualitäten entwickeln. Also sehr hybrid, berechtigterweise, aber irgendwie wussten wir das auch schon. KASTEN: Bei Supposé außerdem erschienen: Out of context, ein Theorie-sound remix Text: agentur bilwet Sound: dr.beeldplaatje (a-musik) Audio-CD, Supposé 04 Louis Bec: The sound of electric fish Audio-cd, Supposé 06 Zitate: ”Jenseits der Müdigkeit, am Ende des langen Tunnels, liegt das Versprechen eines ausbalancierten Lebens.”

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Elektronische Lebensaspekte.