Ein Reader wie ein guter Abend: Man guckt sich eine Ausstellung an, quatscht sich den Vernissagensekt vom Hals, hat am Ende eine brandheiße Philosophie ersponnen und kann sich am nächsten Morgen nur daran erinnern, dass es ein bunter Trubel war. Rein ins Elend.
Text: Chris Köver aus De:Bug 107

Buch

Elend
Ein Buch zum Tummeln

Man habe die “Symptome einer gewissen Zeitspanne registrieren“ und Material für eine Art “Gegenwartsbefund“ sammeln wollen, steht in dem nur wenige Sätze umfassenden Vorwort von Herausgeber Dominik Sittig. Und genau das findet sich auch zwischen den beiden Buchdeckeln von “Elend“: eine Sammlung sehr unterschiedlicher Texte und Bilder, die sich zwar alle im weitesten Sinne mit Popkultur befassen oder Popkultur sind, sonst aber herzlich wenig gemein haben. Da steht dann zum Beispiel ein Theorietext von Martin Büsser neben literarischen Fragmenten von Juli Zeh und Dietmar Dath und einem Interview von Sonja Eismann mit Miss Kittin. Alex Rühles SZ-Artikel zu HipHop von rechts wird direkt von Kerstin Grethers Zungenkuss-Kolumne flankiert. Dazwischen verstreut liegen immer wieder Bilderstrecken von Allstars der zeitgenössischen Kunst wie Jonathan Meese, Daniel Richter, Michel Majerus oder Jürgen Teller.

Kommentiert, irgendwie kontextualisiert oder geordnet wird das alles nicht. Außer dem kargen Vorwort bekommt man keinerlei Programm, Hintergrund oder Absichtserklärung geboten. Wenn “Elend“ eine Ausstellung wäre, dann ist der Museumsführer krank geworden und die Erklärungstafeln sind alle von der Wand gefallen. Oder wurden wohl besser gar nicht erst angebracht. Damit bildet der Band einen eindeutigen Gegenpol zu den einschlägigen akademischen Poptheorie-Readern oder auch Pop-Diskurs-Periodika wie der Testcard. Was “Elend“ macht, fällt wohl eher in die Kategorie Kunst und so ist es auch nur passend, dass der Band in Zusammenarbeit mit dem Institut für Moderne Kunst in Nürnberg erschienen ist.

Elend will alles und nichts: alles zeigen, aber nichts kommentieren. Das ist zwar nicht übersichtlich und macht die Lektüre stellenweise anstrengend. Ich für meinen Teil lese hier und da gerne ein paar Wandtafeln, die mich durch das Kunstdickicht leiten. Wen das aber nicht weiter stört, der wird einen Sammelband mit vielen lesenswerten Texten und Bildern zum Blättern, Stöbern und kreuz und quer drin Herumlesen finden. Man stelle sich ein gutes Fanzine mit zehnfachem Umfang und auf fingerdickem Büttenpapier gedruckt vor. Nicht die schlechteste Vorstellung.

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Elektronische Lebensaspekte.