Das Duo Eley Kishimoto betreibt Oberflächengestaltung auf den unterschiedlichsten Gebieten, ihre markanten Muster finden sich inzwischen auf Schuhen, Autos, Tapeten oder Spielzeug.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 136

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An einem warmen Sommertag treffen wir einen verpeilten aber gutgelaunten Mark Eley auf der Dachterasse des Berliner Clubs Weekend, von dem man einen spektakulären Blick über die Stadt hat. In den Räumen der Disko unter uns geht gerade das “5 Gum Vision Lab” über die Bühne, eine Mischung aus Kunsthochschulseminar, Projektwettbewerb und gepflegtem Abhängen. Mit der Veranstaltung lanciert der Kaugummi-Hersteller Wrigleys eine neue Produktlinie, Mark Eleys Rolle changiert dabei zwischen Juror, Dozent und Markeneintänzer. Für Eley eine dankbare Beschäftigung.

Je weniger fassbar seine Aufgabe für den Außenstehenden, desto besser. Nach Anfängen im Textildesign und handgemachtem Stoffdruck für diverse Haute-Couture-Labels führen Mark Eley und seine Frau Wakako Kishimoto heute erfolgreich eine eigene Damenkollektion, die sich besonders durch die farbenfrohen, außergewöhnlichen und ‘muster’gültigen Prints auszeichnet. Eley entdeckt, dass ich ein Bier aus dem Journalisten-Backstage habe und will unbedingt auch eins, weil es die auf der Veranstaltung eigentlich nicht gibt. Aber dann ist der Weg drei Stockwerke zurück doch zu weit, wir suchen uns ein Kissen mit Aussicht.

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Debug: Wenn du hier über die Stadt blickst, siehst du dann Muster?

Mark Eley: Ich sehe glatte Oberflächen und eine Menge Gitter und Raster. Dieser Teil von Berlin ist sehr eckig. Aber wenn ich in eine Landschaft schaue, erscheint mir nicht plötzlich ein neues Fashion-Stoffmuster. Bei deren Entstehung spielen auch alltägliche Erfahrungen und kulturelles Wissen eine wichtige Rolle. Ich war beispielsweise noch nie in Berlin, aber was ich zur Stadt im Kopf habe, spielt in meinem Bild von ihr eine größere Rolle als irgendwelche konkreten Formen und Muster.

Debug: Wenn kulturelle Erwartungshaltungen oder Phantasien Muster sind, was dann noch alles?

Eley: Das muss kein Ende haben. Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich erstmal keine besonderen Merkmale. Und nichts, was darauf hindeutet, dass Berlin eine tolle Stadt wäre. Aber ich mag Details, ich mag diese “33” da (zeigt auf ein Graffiti) oder die Form von dem Ding da (zeigt auf eine Dachkante). Das sind ästhetische Wahrzeichen.

Debug: Und wofür könnten sie stehen?

Eley:
Es gibt keine tiefere oder komplizierte Bedeutung in meiner Arbeit, es geht nur um Oberflächen. Das können die Leute mögen oder hassen, aber es geht nicht darum, etwas Tieferes oder Intellektuelles zu vermitteln.

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Debug: Wenn alles Oberfläche ist, dann müssen sich auf ihr aber eigentlich auch Bedeutungen finden, oder?

Eley: Das musst du selbst entdecken, ohne auf den kreativen, persönlichen Ausdruck anderer zurückzugreifen. Ich versuche lediglich den Betrachter, oder unsere Kunden zu befähigen und zu ermutigen, sich in ihrer eigenen Persönlichkeit wohl zu fühlen. Die Leute sollen ihre eigenen Werkzeuge und Regeln entwickeln.

Debug: Aber hinter Eley Kishimoto steht keine einzelne Persönlichkeit, sondern ein verheiratetes Paar mit Kindern?

Eley: Wakako (Kishimoto) und ich machen alles zusammen! Wir haben uns 1989 in New York kennen gelernt. Wir sind rumgehangen, haben sehr, sehr viele Drogen genommen, sind auf Ausstellungen und Partys gegangen … echt die Zeit genossen. Aber nach dem Studium stellte sich heraus, dass wir auf dem Arbeitsmarkt beide nicht vermittelbar sind. Also haben wir etwas Geld zusammengekratzt und eine Firma für Stoffmuster gegründet – Ich komme ja eigentlich vom Weben, Waka vom Druck. Nach Stoffdesigns für andere Firmen sind dann 1996 die Patterns entstanden, für die unsere Marke steht.

Debug: In einer Ausstellung in Japan habt ihr unlängst eine “Brand Bible” gezeigt.

Eley: Die Brand Bible ist ein sehr einfaches, grafisches Produkt. Weil unser Portfolio so weitläufig ist – wir gestalten ja Möbel, Autos, Architektur und so weiter bis hin zur Mode – müssen wir einige Parameter festlegen, damit auch andere Menschen unsere Marke einordnen können. Und das ist unsere blaue Kiste. Die Kiste ist ein Symbol für die ständige Fortschreibung unserer Muster.

Debug: Das musst du genauer erklären.

Eley: Die Kiste ist sehr wichtig! Das geht über die physischen Muster hinaus, eröffnet eine zweite Dimension, in der unsere persönlichen Anliegen deutlich werden. Ein Logo! Der Ausgangspunkt für alles jenseits der konkreten Arbeiten.

Debug: Und warum dann ausgerechnet eine blaue Kiste?

Eley: Sie ist ein Signifikant, der eine eigene Persönlichkeit besitzt und eine eigene Beziehung zur Öffentlichkeit bzw. unseren Fans und Kunden hat. Es ist das einzig Beständige in unserer Arbeit, unsere Geschichte, unser Verlangen und unsere Arbeit ändert sich ansonsten von Halbjahr zu Halbjahr.

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Debug: Jugend- bzw. Popkultur spielen keine tragende Rolle?

Eley: Die gehören einfach zum Alltag. Aber es gibt tatsächlich noch etwas, worauf wir immer wieder zurückkommen: die Stoffe der Firma Abraham aus Österreich und Yves Saint Laurents Phase von 1968 bis 1972. Die Schönheit dieser Produkte spielt in meiner Arbeit immer wieder eine Rolle, nicht irgendeine Jugendkultur. Wenn es dagegen um mich als Person geht: Ich mag Motorräder, ich trinke gern, trage eine Bart und es ist mir wurscht, dass ich fett bin – in subkulturellen Kategorien bin ich wohl ein schwuler Biker-Bär, aber unpassenderweise hetero.

Debug: Funktioniert das gut als Modemacher-Image?

Eley: Eigentlich ist es egal. Modedesigner verpassen Menschen ein Aussehen, nicht mehr und nicht weniger. Sie lassen Menschen sexy, hässlich, konservativ oder clever aussehen. Ich lasse Frauen lieber schlau aussehen, als ihre Titten raushängen zu lassen. Wir wollen, dass Frauen sich in unseren Sachen wohl fühlen, damit sie selbstbewusst ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Wenn das klappt, haben wir unser Ziel erreicht.

Auch als Firma, denn wenn sich Frauen wohl fühlen, dann kommen sie auch immer wieder. Wobei: Wir konzentrieren uns zwar auf Mode, aber mit Automobil-Design, Inneneinrichtung, Rucksäcken oder Spielzeug verdienen wir wesentlich mehr Geld.

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Elektronische Lebensaspekte.

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